Fluchtversuche

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Lion Feuchtwanger

Obwohl das Komikerduo Karlstadt-Valentin einander in nichts nachsteht, wird Liesl Karlstadts Leistung meist unterschätzt. Bertolt Brecht schreibt über einen Auftritt der beiden ohne sie auch nur mit einem Wort zu erwähnen:

Wenn dieser Mensch, eine der eindringlichsten geistigen Figuren der Zeit, den Einfältigen die Zusammenhänge zwischen Gelassenheit, Dummheit und Lebensgenuss leibhaftig vor Augen führt, lachen die Gäule und merken es tief innen. Es ist nicht einzusehen, inwiefern Karl Valentin dem großen Charlie, mit dem er mehr als den fast völligen Verzicht auf Mimik und billige Psychologismen gemein hat, nicht gleichgestellt werden sollte [...].

(Bertolt Brecht: Karl Valentin. In: Ders.: Schriften. Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Bd. 6. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997, S. 19.)

Und auch für Lion Feuchtwanger, der Karl Valentin in Erfolg porträtiert, bleibt Liesl Karlstadt nur die namenlose „Gefährtin“:

Unterdessen schminkte in seiner Garderobe der Komiker Balthasar Hierl sich ab. Mit Vaseline entfernte er das klägliche Weiß von seiner Nase, das giftige Rot von seinen Backen, mürrisch auf einem plumpen Holzschemel hockend. Leise dabei schimpfte er vor sich hin, das Bier sei nicht warm genug; denn er litt am Magen und durfte sein Bier nur gewärmt trinken. Seine Gefährtin, die den Feuerwehrhauptmann gespielt hatte, ein resolutes Frauenzimmer, noch in der Uniform des Feuerwehrmanns, redete beschwichtigend auf ihn ein; er war schwierig, immer erfüllt von Depressionen. Sie erklärte ihm, das Bier habe genau die vorgeschriebene Temperatur. Aber er murrte nur unzugänglich vor sich hin über die Weibsbilder, die damischen, die immer das letzte Wort haben müssten.

(Lion Feuchtwanger: Erfolg. Roman. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1997, S. 225.)

Je älter sie wird, um so weniger reicht es Liesl Karlstadt, nur Teil eines Ganzen zu sein. Als ihr Verhältnis zu Valentin Ende der zwanziger Jahre abkühlt, orientiert sie sich neu. Im Dezember 1930 übernimmt sie von Therese Giehse die Rolle der Frau Vogel in Bruno Franks Sturm im Wasserglas in den Münchner Kammerspielen. Nebenbei tritt Liesl Karlstadt auch weiter mit Karl Valentin auf, der ihr, im Gegensatz zu vielen anderen, für ihre Bühnenausflüge kein Lob zollt.

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl