Firma Valentin-Karlstadt

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Porträtfotografie in Rollenkostüm, Valentin-Karlstadt-Musäum um 1960 (Bayerische Staatsbibliothek/Fruhstorfer)

Valentins skurriler Nonsens kann sich im Zusammenspiel mit der unbeirrbaren Normalität seiner Partnerin perfekt entwickeln. Einzig, weil Liesl Karlstadt auf alle noch so abstrusen Argumente eingeht und mit ihm auch die absurdeste Sachlage todernst durchdiskutiert, kann Valentins Humor wirken. Seine Komik steht und fällt mit dem Widerspruch, den ihm sein Widerpart und seine Komplizin Liesl Karlstadt bietet. Der österreichische Schriftsteller Anton Kuh beobachtet die beiden einmal, als sie sich in einem Cafe den Kopf über ein neues Stück zerbrechen:

Es ist das seltsamste, genialste Dichtungsverfahren; statt, dass sie sich „Rollen auf den Leib schreiben“, lesen sie sie von ihrem Leib ab. Die zwei großen Mundart-Kinder in der Münchener Kaffeehausecke – eine Oase im schreibenden, wortmächtigen, verlegenden Deutschland. Hänsel und Gretel, in die Literatur verirrt.

(Anton Kuh [1928]. In: Kurzer Rede langer Sinn. Texte von und über Karl Valentin. Hg. von Helmut Bachmaier. Piper, München und Zürich 1990, S. 341.)

Liesl Karlstadt ist in jedem Stadium an der Entwicklung neuer Stücke beteiligt. Viele Ideen sind ihrer exakten Beobachtungsgabe zu verdanken. Durch ihre Neugier auf und an den Menschen gibt sie dem menschenscheuen Valentin viele Impulse. Zumeist sind es Momentaufnahmen des Alltags, in denen der ganz normale Wahnsinn, den die beiden noch auf die Spitze treiben, sichtbar wird. Die Idee zum Firmling bringt Liesl Karlstadt 1922 aus einem Zigarrenladen mit, in dem ein Mann aus Begeisterung über den Firmanzug seines Sohnes wieder und wieder auf die Theke schlägt und dabei laut ausruft: „Der Bua probiert den Anzug und stellen S' Eahna vor – passt hat er!“ Aus derlei Alltagssituationen entwickeln die beiden peu à peu ihre Stücke. Nichts ist fest, alles erfährt immer wieder eine neue Improvisation. Durch Liesl Karlstadts Notizen finden die beiden immer wieder zum Ausgangspunkt zurück und schaffen es nach vielen Irrungen und Wirrungen, den gordischen Knoten zuletzt doch noch aufzulösen. Dank Liesl Karlstadts großartigem Improvisationstalent können die Grotesken vor immer neuem dramaturgischem Hintergrund stattfinden. Vor allem in ihren Hosenrollen wird sie zur Legende.

Servus, meine liebe Landsleut, also dass ich Ihne sag'
Ladislaus so is mei Name, höchste Steiger torledag.
Hab ich imme Glück bei Madel, weil ich bin halt gar so g'stellt,
bei mir find e jedes Weibel, no das was ihr eben fehlt
ob sie dumm ist, oder g'scheit ist, ob sie gross is oder klan,
Sie ich habe an Charakte, pack ich nähmlich alles zam.

(Böhmisches Couplet von Njwarie. In: Dimpfl, Monika [1996]: Immer veränderlich. Liesl Karlstadt (1892 bis 1960). A1 Verlag, München, S. 28.)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl