„Lady Chatterley“

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbthemes/2014/klein/liebespaare_Michelino_DanteAndHisPoem_500.jpg
Florenz in Dantes "Göttlicher Komödie"

Von 1926 an schreibt D. H. Lawrence in der Toskana an seinem Roman Lady Chatterleys Liebhaber:

Nach dem Frühstück – es war gewöhnlich um sieben Uhr bereitet , nahm er sein Heft, seine Füllfeder und ein Kissen und ging, von John, dem Hund begleitet, in die Wälder hinter der Mirenda. Mittags brachte er mir, was er geschrieben, ich las es Tag für Tag mit Staunen über die Art wie er seine Kapitel aufbaute, was ihm alles zuströmte. Ich bewunderte seinen Mut, die Kühnheit, mit der er sich diesen verborgenen Dingen, die sonst keiner auszusprechen oder zu schreiben wagt, stellte. [...]

Zwei Jahre lag Lady Chatterley in einer alten Truhe, die Lawrence mit Rosen auf hellgrünem Grund bemalt hatte. Oft, wenn ich dran vorbeikam, fragte ich mich, ob das Buch je erscheinen werde.

(Frieda Lawrence geb. Freiin von Richthofen: Nur der Wind... Mit neunzig Briefen und fünf Gedichten von D. H. Lawrence. Die Rabenpresse, Berlin 1936, S. 261.)

1928 erscheint das Buch in Florenz als Privatdruck. Die Kritik fällt über das angeblich pornographische „Machwerk“ und seinen Autor her. In England wird es auf den Index gesetzt. Auch diesmal hat Lawrence die Richthofen-Schwestern in seinem Werk porträtiert. Else von Richthofen erkennt sich in Lady Chatterleys Schwester Hilda wieder, und Frieda findet ihre seit Otto Gross' Tagen nahezu religiöse Einstellung zur körperlichen Liebe in der Hauptfigur wieder, die ihr nachempfunden ist:

Sie klammerte sich an ihn in plötzlicher Seelenqual. Aber es kam wie ein seltsam langsamer Stoß des Friedens, der dunkle Stoß des Friedens, und mit einer schweren, ursprünglichen Zärtlichkeit, wie sie am Anbeginn die Welt hervorgebracht hatte. Und der Schrecken legte sich in ihrer Brust, sie traute sich, sich dem Frieden hinzugeben, sie hielt nichts zurück. Sie traute sich, alles loszulassen, ihr ganzes Selbst, und sich von der Flut mitreißen zu lassen. [...] Sie verging, sie war nicht mehr, sie wurde geboren: eine Frau.

(D. H. Lawrence: Lady Chatterleys Liebhaber. Diogenes, Zürich 2004, S. 239.)

Nach einem spektakulären Prozess gegen den Penguin Verlag wegen der beabsichtigten Verbreitung von Lady Chatterleys Liebhaber darf der Roman 1960, 32 Jahre nach seinem Erscheinen, auch in England verlegt werden. Heute wirkt weniger Lawrence Sujet als die im Roman stattfindende Überbetonung des maskulinen Prinzips von Sexualität, samt der damit einhergehenden Degradierung der Frau zum Objekt, verstörend.

Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl