„Was tun?“

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Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski

In seiner Wohnung in der Siegfriedstraße 14, Ecke Clemensstraße, verfasst Lenin von Herbst 1901 bis Februar 1902 sein berühmtes Buch zur Organisationsfrage Was tun?. Im März 1902 wird es in Stuttgart im Dietz Verlag als Einzelausgabe der Iskra veröffentlicht. In dieser Schrift entwickelt Lenin seine Theorie von der Avantgarde des Proletariats und das Organisationsprinzip des Demokratischen Zentralismus. Der Titel seiner Schrift geht auf den gleichnamigen Roman des russischen Sozialreformers und Schriftstellers Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski zurück. Dieser hatte sich unter den Büchern des hingerichteten Bruders Alexander befunden. Lenin hatte das Buch viele Mal gelesen und wollte den Vordenker der klassenlosen Gesellschaft nun auf seine Weise ehren. In seinem Roman beschäftigt sich Tschernyschewski mit der Frage, wie ein Einzelner die Welt verändern kann. Seine Figur des Rachmetow gilt den sozialistischen Revolutionären als Idealtypus des Berufsrevolutionärs.

Ein wenig komisch sind allerdings Menschen wie Rachmetow, sehr eigenartig. Damit wende ich mich an sie selbst und sage ihnen deshalb, sie seien lächerlich, weil es mir leid um sie tut. Ich sage es ferner zu jenen edlen Menschen, welche sich von ihnen bezaubern lassen. Folgt ihnen nicht nach, ihr edlen Menschen, sage ich, weil der Pfad, auf den sie euch rufen, arm an persönlichen Freuden ist. Aber die edlen Menschen hören nicht auf mich, sondern antworten: Nein, nicht arm an Freuden ist dieser Pfad, sondern reich, und wenn er auch eine Strecke lang arm wäre, so ist diese Strecke nicht groß; unsere Kraft reicht aus, sie zu durchmessen und an Orte zu gelangen, die an Freuden reich, unermesslich reich sind.

Siehst du also, scharfsinniger Leser, dass ich nicht für dich, sondern für den anderen Teil des Publikums sagte, Menschen wie Rachmetow seien lächerlich? Dir sage ich, sie sind keine Toren; ich sage es dir, weil du nicht von selbst darauf kommst. Sie sind keine Toren. Ihre Zahl ist gering, aber  sie machen das Leben der anderen erst lebenswert; ohne sie würde es schal werden und versauern. Ihre Zahl ist gering, aber sie ermöglichen allen Menschen das Atmen; ohne sie würden die Menschen ersticken. Rechtschaffene und gute Menschen gibt es viele, solche hingegen nur sehr, sehr wenige; allein jene wenigen in der großen Menge – sie sind die Blumen des edlen Weins, sie verleihen der Menge Kraft und Saft, denn sie sind die Blüten der Besten, die Förderer der Förderer, sie sind das Salz des Salzes der Erde.

(Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski: Was tun? Erzählungen von neuen Menschen. Aufbau Verlag, Berlin 1952, S. 408.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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