Gefangen

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Butyrka Gefängnis Moskau

Dass Carola Neher sich stets offen zu den Missständen in UdSSR äußerte, war während der stalinistischen Säuberung, der Millionen Menschen zum Opfer fielen, lebensgefährlich. Und tatsächlich, am 11. Mai 1936 wurde Anatol Becker verhaftet und beschuldigt, ein Attentat auf Stalin geplant zu haben. Am 25. Juni 1936 traf es auch Carola Neher. Der Regisseur Gustav von Wangenheim hatte sie denunziert, um die eigene Haut zu retten. Anatol Becker wurde am 29. Mai 1937 nach einem durch Folter erzwungenen Geständnis erschossen, Carola Neher am 16. Juli 1937 zu zehn Jahren Lager verurteilt. Über Kasan kam sie ins Lager Jaroslawl, einem besonders berüchtigten Gefängnis aus der Zeit Nikolaus I. Hier traf sie auf die Schriftstellerin Jewgenia Ginsburg: „Carola hatte sich sehr verändert. Das Gold ihrer Haare war glanzlos geworden. Schmerzliche Falten zeichneten sich um ihre Mundwinkel ab. Aber sie wirkte noch bezaubernder als früher. Das Gesicht von einer gleichmäßigen Blässe, wie aus Elfenbein. Ein kindliches Lächeln, traurige, dunkelgelbe Bernsteinaugen.“ (Jewgenia Ginsburg: Marschroute eines Lebens. Piper Verlag, München/Zürich 1986, S. 170)

Im Dezember 1939 wurde Carola Neher nach Moskau zurückgebracht. Im Gefängnis traf sie hier unter anderem auf Zenzl Mühsam und Margarete Buber-Neumann, die ebenfalls auf Ausreise hofften. Margarete Buber-Neumann schilderte später in ihren Erinnerungen diese Begegnung.

Die Schauspielerin Carola Neher trug Zuchthauskleidung, und ich muss gestehen – sie stand ihr gut. [...] In den meisten Zuchthäusern Sowjetrusslands schor man die Frauen kahl. Carolas sprossende Haare begannen sich eben wieder ein wenig zu legen. Alle gaben ihr Ratschläge, wie das Wachstum zu fördern sei „Am besten ist Regenwasser.“ – „Du musst immer fest gegen den Strich kämmen.“ Und als Carola uns erzählte, dass sie sich einmal für eine Rolle wasserstoffblond färben musste, waren alle empört, wie man so schöne schwarze, wellige Haare mit Wasserstoff verhunzen konnte. „Wenn ich herauskomme, lasse ich die Haare so, wie sie jetzt sind“, und Carolas dunkle Augen lächelten strahlend.

(Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Eine Welt im Dunkel. Ullstein Verlag, München 2002, S. 167)

Als man Carola Neher aus der Zelle holte, konnte von Ausreise keine Rede sein, im Gegenteil, man versuchte sie dazu zu überreden, als Spitzel ihre Freunde auszuhorchen. Weil sie sich weigerte, kam sie in Einzelhaft. Sie ahnte nicht, dass auch auf Margarete Buber-Neumann nicht die Freiheit, sondern ein deutsches Konzentrationslager wartete.

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl