Adele Spitzeder

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Titelblatt "Adele Spitzeder, Erzschwindlerin mit ihrer Dachauerbank. Zum Fange habsüchtiger Gimpel, zuerst in Saus und Braus, und zuletzt in Criminalhaft", ca. 1872 (Bayerische Staatsbibliothek/Münchener DigitalisierungsZentrum).

Adele Spitzeder war die erste weibliche Großspekulantin der Geschichte und ihr Fall ein Lehrbeispiel dafür, wie Gier jegliche Vernunft außer Kraft setzt. Geboren wurde sie am 9. Februar 1832 als Tochter des bayerischen Hofopernsängers Josef Spitzeder und seiner zweiten Frau Betty Vio in Berlin. Bald nach ihrer Geburt zog die Familie nach München, wo der Vater an einem Lungenleiden verstarb. Mit finanzieller Unterstützung des bayerischen Königs besuchte Adele teure Privatschulen und erhielt eine gute Erziehung. Als junge Frau nahm sie Schauspielunterricht und spielte zehn Jahre lang auf verschiedenen deutschen Bühnen. Nachdem der erhoffte Durchbruch ausblieb, kehrte sie 1868 völlig pleite nach München zurück. Um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können, lieh sie sich von einem Zimmerman Geld und bezahlte ihm dafür 10 Prozent Zinsen pro Monat. Dies sprach sich herum und bald bot man ihr allerorten Kredite an. 1869 gründet Adele Spitzeder zusammen mit ihrer Lebensgefährtin eine Bank, die wegen der vielen Anleger aus Dachau im Volksmund den Namen „Dachauer Bank“ erhielt. 1871 erwarb sie ein großes Haus in der Schönfeldstraße in München. Hier wurde aus dem von ihr initiierten Schneeballsystem eine Massenbewegung. Sie lieh sich nun in großem Stil Geld und stellte hohe Zinsen in Aussicht. Allerdings gewährte sie keine Sicherheiten und versicherte sich mehrmals bei Anwälten ob der Gesetzmäßigkeit ihres Tuns. Die versprochenen Zinserträge von 10 Prozent beglich sie durch die Aufnahme weiterer Kredite. Gerade Kleinsparer drängten ihr das Geld im Versprechen auf große Renditen förmlich auf. Einlagen von bis zu 100.000 Gulden pro Tag waren keine Seltenheit. 40 Angestellte, weitgehend ohne kaufmännische Kenntnisse, kümmerten sich um das Geld, das in Säcken auf den Fluren stand. Statt einer ordentlichen Buchführung arbeitete Adele mit einem Quittungsblock. Ihre zahlreichen Kritiker brachte sie durch ihre öffentlichkeitswirksamen Auftritte und ihre Großzügigkeit zum Verstummen. So errichtete sie im Orlandohaus am Platzl eine Volksküche, in der bis zu 4000 Menschen täglich verköstigt wurden. Auf ihren Ausfahrten huldigten ihr die Menschen wie einer Königin. Um die PR in eigener Sache weiter anzukurbeln, bestach sie Journalisten und kaufte sich gar eine eigene Zeitung. Erst nachdem eine großangelegte Pressekampagne, unterstützt vor allem von Konkurrenten aus dem Bankwesen, am 12. November 1872 40 Anleger dazu zu brachte, ihre Einlagen zeitgleich abzuziehen, brach das Kartenhaus zusammen. Es kam zu einem Sturm auf die Bank, die nicht in der Lage war, die geforderten 180.000 Gulden auszuzahlen. Das Bankhaus wurde geschlossen und Adele Spitzeder wegen Verdacht auf betrügerischen Bankrott verhaftet. Am 20. Juli 1873 wurde sie zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach ihrer Haftentlassung begann sie erneut mit Geldgeschäften, ehe sie 1880 ein weiteres Mal inhaftiert wurde. Nach kurzem Auslandsaufenthalt trat sie unter dem Namen Adele Vio als Sängerin auf. Am 27. Oktober 1895 starb Adele Spitzeder an Herzversagen. Sie liegt auf dem Münchner Südfriedhof begraben.

(Schumann, Dirk [1995]: Der Fall Adele Spitzeder 1872. Eine Studie zur Mentalität der „kleinen Leute“ in der Gründerzeit. In: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 58, S. 991-1026)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

Sekundärliteratur:

Bachmann, Christoph: Kriminalfälle (19./20. Jahrhundert). In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_46390, (25.02.2014).



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