Revolutionäres Niederbayern

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Sophie und Karl Liebknecht mit ihren Kindern Robert, Vera und Helmi 1913.

Von zentraler Bedeutung für das Gelingen der Revolution im Agrarland Bayern war die Unterstützung der ländlichen Bevölkerung. Diese wurde gewährleistet durch den blinden Anführer des bayerischen Bauernbundes Ludwig Gandorfer und dessen Bruder, den Landtagsabgeordneten Karl Gandorfer. Beide Brüder besaßen stattliche Bauernhöfe in Pfaffenberg/Niederbayern. Als die Kinder Karl Liebknechts die täglichen Schikanen in der Schule nicht länger ertrugen, wurden sie um ihrer Sicherheit willen, aus Berlin weggebracht. Robert fuhr an den Ammersee, Vera ging nach Scheveningen in Holland und Wilhelm, genannt Helmi, wurde im Juni 1918 nach Pfaffenberg auf den Zollhof geschickt, nicht ohne fürsorgliche Ermahnungen seines Vaters:

Schicke Dich in die Leute, auch wenn Dir vieles fremd u. unbehaglich u. unerwünscht scheinen mag: es wird nur der erste Eindruck sein. Was Dir auch gegen den Strich gehen mag: verschlucke Deine Bedenken – such jeden erst aus sich selbst u. seinen Verhältnissen heraus zu verstehen – so wirst Du mit ihm leben können. Kritisiere Dich selbst mehr als andre – so wirst Du erkennen, dass alle Fehler der andren auch in Dir stecken. [...] Du wirst bald fühlen, ob man kleine Gefälligkeiten, ein zur Hand gehen in diesem u. jenem von Dir erwartet – sei gefällig! Eventuell auch in dieser oder jener landwirtschaftlichen Verrichtung: Sieh Dich um in der Landwirtschaft, suche sie zu verstehen. Das ist höchst wertvoll.

(Karl Liebknecht: Brief an Wilhelm Liebknecht. 16. Juni 1918 aus dem Gefängnis in Luckau. In: Karl Liebknecht: Lebt wohl, Ihr lieben Kerlchen. Briefe an seine Kinder. Hg. v. Annelies Laschitza und Elke Keller. Aufbau Verlag, Berlin 1992, S. 157)

Der Aufenthalt Helmi Liebknechts dauerte mehrere Monate und wie aus einem der letzten Briefe Karl Liebknechts aus dem Gefängnis an seine Kinder hervorgeht, befanden sich zumindest im September 1918 alle drei Liebknecht Kinder auf dem Zollhof. Liebknecht ermahnte sie noch einmal eindringlich sich zu benehmen und dass man auch in seinem Namen Herrn Gandorfer herzlich grüßt u. vielmals dankt (Dass Ihr ihm ja nicht beschwerlich fallt! Ich hab ja keine Ahnung, wie die Verhältnisse liegen – u. ob die Verlängerung Eures Aufenthalts nicht eine Aufdringlichkeit ist: das darf nicht sein!! Ihr müßts fühlen u. Euch danach richten! Natürlich muß Herr Gandorfer unbedingt seine Unkosten ersetzt bekommen!)“.

(Karl Liebknecht: Brief an seine Kinder. 8. September 1918 aus dem Gefängnis in Luckau. In: Karl Liebknecht: Lebt wohl, Ihr lieben Kerlchen. Briefe an seine Kinder. Hg. v. Annelies Laschitza und Elke Keller. Aufbau Verlag, Berlin 1992, S. 164)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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