Polonius Fischer

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Am Stachus. Foto: Rüdiger Rohrbach

Kommissar Polonius Fischer, ein ehemaliger Mönch, ist der Protagonist in Friedrich Anis Romanen Idylle der Hyänen, Hinter blinden Fenstern, Totsein verjährt nicht. Er hat sich im obersten Stockwerk eines Sechzigerjahrebaus im Zentrum ein Zuhause geschaffen, in dem er sich wohl fühlt.

Wieder einmal hatte er keinen Blick in die hell erleuchteten Schaufenster des traditionsreichen Porzellangeschäfts Kuchenreuther im Parterre geworfen. Seine beiden Zimmer gingen auf die sechsspurige, von Trambahnschienen und einem Grünstreifen geteilte Sonnenstraße zwischen Sendlinger-Tor-Platz und Stachus. Je mehr Verkehr herrschte, desto interessierter blickte Fischer von seinem Balkon hinunter, ohne dass er seine Neugier hätte begründen können. Er mochte es, wenn unten Menschen wuselten und die Autos sich an den Ampeln stauten, wenn Fahrradfahrer Fußgänger beschimpften und umgekehrt; er brachte stundenlang Geduld für das gewöhnlich Treiben gewöhnlicher Leute an einem gewöhnlichen Tag auf. Er saß da und schaute und lauschte. Manchmal bemerkte er auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig vor dem gesichtslosen fünfstöckigen Flachbau Passanten, die stehengeblieben waren und hinauf in seine Richtung deuteten. Er konnte sich ihr Staunen gut vorstellen. Vermutlich hatte er nicht nur als einziger auf dem aus sechs Abteilungen bestehenden Balkon dieses Hauses, sondern als einziger Mieter überhaupt in der Stadt die Möglichkeit, sich zum Nichtstun in einen blauweiß gestreiften Strandkorb zu setzen.

(Friedrich Ani: Idylle der Hyänen. dtv, München 2007, S. 165)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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