Lothringer Straße 11

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Holzschnitt von Joseph Apfelböck im Rahmen eines Artikels zum Prozessbeginn. Neue Freie Volkszeitung, 26.11.1919. (Bayerische Staatsbibliothek/Historisches Lexikon Bayerns)

Am 17. August 1919 erstatten der Konditorlehrling Joseph Zelmer und der Schneider Joseph Holmer Anzeige, weil im Haus ihres Freundes Joseph Apfelböck in der Lothringerstraße 11 etwas nicht stimmt. Wie so oft haben sie  ihn besucht, weil seine Eltern nicht da waren und sie daher ungestört Schießübungen machen konnten. Doch von Anfang an wird das Vergnügen gestört durch einen starken Verwesungsgeruch, der in der Wohnung herrscht und den der junge Apfelböck nicht plausibel zu erklären vermag. Als die Polizisten sich gewaltsam Einlass verschaffen, machen sie eine furchtbare Entdeckung: „Zwischen der Verbindungstüre und der Fußseite der beiden Ehebetten liegt die Leiche eines mit Hemd, Hose und Strumpfsocken bekleideten Mannes von etwa 50 Jahren, das Gesicht und der Schädel sind schwarz und mumifiziert“, heißt es im polizeilichen Augenscheinprotokoll vom 18. August 1919. „Im rechten Winkel zu dieser Leiche zwischen Korridorwand und Bett liegt, die Füße an jene der männlichen Leiche anschließend, den Kopf neben dem Kachelofen, die nur mit einem Unterrock und einer Leinenbluse, die den vorderen Rumpf freilässt, bekleidete Leiche einer Frau in den vierziger Jahren.“ Die beiden stark verwesten Leichen werden von einem nahen Verwandten identifiziert als Joseph und Maria Apfelböck. Ihr einziger Sohn Joseph ist verschwunden. Die kleine Familie lebt seit fast zehn Jahren in der kleinen, Wohnküche und Schlafzimmer umfassenden, Wohnung im Haidhausener Franzosenviertel.

Als Joseph kurze Zeit darauf bei seinem Onkel auftaucht, bringt ihn dieser zur Polizei. Nachdem Joseph zunächst behauptet hat, der Vater habe im Jähzorn die Mutter und dann sich selbst getötet, legt er bald ein Geständnis ab, dass die Stadt zutiefst erschüttert: Ein junger Mann, ein halbes Kind hat ohne nachvollziehbaren Grund seine Eltern ermordet. Die Tat ist schon Ende Juli geschehen. Joseph Apfelböck, der zu keinem Zeitpunkt Reue zeigt, wird zu 15 Jahren Haft verurteilt, die er in der Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech verbüßt. Er absolviert im Gefängnis eine Schneiderlehre. Nach seiner Entlassung 1933 gründet er eine Familie. Er lebt in München, wo er Mitte der 1980er-Jahre stirbt.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

Sekundärliteratur:

Bachmann, Christoph: Kriminalfälle (19./20. Jahrhundert). In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_46390, (21.03.2014).



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