Gérard de Nerval über München III

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Ansicht der Glyptothek, um 1845 (Bayerische Staatsbibliothek, Porträtsammlung)

Nach vielen kaum angedeuteten Plätzen, vielen erst geplanten Straßen, wo Leuten, die dort bauen wollen, wie in den Wüsten Amerikas kostenlos Grundstücke zur Verfügung gestellt werden, kommt man zur Glyptothek, das heißt zum Museum der Skulpturen. Man ist dermaßen griechisch in München, dass man in Athen notgedrungen bayerisch sein müsste, wenigstens haben sich die echten Griechen darüber beklagt. Das Gebäude selbst ist in seinen Proportionen so antik, dass die zum Eingang führenden Stufen nur von Titanen erklommen werden können; eine kleine Treppe auf der Seite hilft diesem Missstand ab... Im Inneren befinden sich große Säle, die die ganze Höhe des Gebäudes einnehmen. Sie sind durchweg mit dieser dunkelroten Farbe gestrichen, welche die Stadtführer so beharrlich als „echtes antikes Rot“ bezeichnen. Die sich davon abhebenden Ornamente wiederum weisen jenen pompejanischen Stil auf, dessen wir durch unsere Cafés, unsere Passagen und die Dekorationen der Post schon so überdrüssig sind.

Gérard de Nerval, Auf Sand gebaut, Münchner Eindrücke eines Franzosen, 1840 (Zit. aus: Gérard de Nerval: Auf Sand gebaut. Münchner Eindrücke eines Franzosen im 19. Jahrhundert. In: Süddeutsche Zeitung. 20./21. Mai 1972, S. 128)

 

Gérard de Nerval (1808-1855), französischer Dichter; Aufenthalt in München: 1840


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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