Nadeschda Konstantiovna Krupskaja über München

Diese Münchner Zeit blieb uns stets in angenehmer Erinnerung ... Ich erinnere mich an eine Maifeier. In jenem Jahr war es der deutschen Sozialdemokratie zum ersten Mal gestattet worden, einen Umzug zu veranstalten, aber nur unter der Bedingung, dass man Ansammlungen innerhalb der Stadt vermeide und die Feier außerhalb veranstalte. Und nun zogen die deutschen Sozialdemokraten in großen Kolonnen, mit Kind und Kegel und mit den üblichen Rettichen in der Tasche, schweigend im Eilmarsch durch die Stadt, um später in einem Vorstadtrestaurant Bier zu trinken. Es gab keinerlei Fahnen oder Plakate. An eine Demonstration aus Anlass des Weltfeiertages der Arbeiterklasse erinnerte diese „Maifeier“ in keiner Weise. In das Vorortrestaurant, das die Prozession aufsuchte, gingen wir nicht mit. Wir blieben zurück und schlenderten nach alter Gewohnheit durch die Straßen Münchens, um das Gefühl der Enttäuschung zu betäuben, das unwillkürlich unser Herz bedrückte: Wir hatten an einer kampfesfreudigen Demonstration teilnehmen wollen und nicht an einer Demonstration mit polizeilicher Genehmigung.

Nadeschda Konstantinovna Krupskaja, Lenins Frau, über die Zeit in München, 1901/02 (Zit. aus: Lenin in München. Dokumentation und Bericht von Friedrich Hitzer. Hg. v. der Bayerischen Gesellschaft zur Förderung der Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion e.V. München, Frankfurt a. Main 1977, S. 463-466)

 

Nadeschda Konstantiovna Krupskaja (1869-1939), russische Politikerin; Aufenthalt in München: 1900 bis 1902


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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