1810-1880: Vom Hochzeitsfest zur Nationalfeier

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Ferdinand Schiesl, Plan der Theresens-Wiese 1810, Lithographie (Münchner Stadtmuseum)

Mitte Oktober 1810 fand das Oktoberfest zum ersten Mal statt. Damals feierte ganz München die Vermählung des Kronprinzen Ludwig mit der Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Zu den Feierlichkeiten, die sich einige Tage hinzogen, gehörte auch ein Pferderennen „vor dem Sendlinger Thore, seitwärts der Straße, die nach Italien führt“. Damals hatte München gerade einmal 40638 Einwohner, einschließlich der Soldaten. Fast 30000 Münchner feierten ihren Kronprinz und seine Gemahlin. Die „unzähligen Scharen“ von Zuschauern – Bürger, Handwerker, Bauern, Geschäftsleute, Wirte, Hausmädchen, Lohnkutscher – lagerten auf einem Hang über der Wiese, die mit königlicher Genehmigung künftig den Namen „Theresienwiese“ tragen durfte. Bereits ein Jahr später wurden dort Oktoberfest und Zentrallandwirtschaftsfest gemeinsam gefeiert. König Max Josef und Kronprinz Ludwig erschienen persönlich. Somit war das Oktoberfest zum bayerischen Nationalfest erhoben worden.

Langsam, aber sicher weitete sich das Oktoberfest aus. 1818 schon errichtete ein Praterwirt aus Wien Kegelbuden, Schaukeln und Karussells; eine Fischbraterei verbreitete anregende Düfte, und in einfachen Bierbuden konnte man den Durst löschen. Die Leistungsschau der Bauern aus dem Umland faszinierte besonders den angehenden Schriftsteller Friedrich Hebbel. Er war 1836 aus dem protestantischen Hamburg ins katholische München gekommen, um dort bis 1839 Jura, Philosophie, Geschichte und Literatur zu studieren. Mit wachem Geist registrierte er die Lebensfreude und Sinneslust der Münchner, aber auch das Selbstbewusstsein der einfachen Leute, die von Adligen und Bürgern respektiert und geachtet wurden.

1850 wurde auf der Theresienhöhe über der Festwiese das Monumentalstandbild der „Bavaria“ enthüllt, die nun als Sinnbild Bayerns über München wacht. 1872 zog der Schausteller August Schichtl erstmals auf die Wiesn. Seine Spezialität war das „Köpfen einer lebenden Person“ und die „Parade“, mit der er die Massen in die Schichtl-Bude lockte. Der in Südmähren geborene Dichter Roda Roda, Exponent der Habsburger Donaumonarchie, liebte diese Art von Volksbelustigung. Zwischen 1906 und 1926 lebte er mit kurzen Unterbrechungen in München und war ein häufiger Besucher des Oktoberfestes. Mit seinem legendären Zwicker beobachtete er scharf das Treiben vor und hinter der Kulisse der Schaubuden.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

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