Hauptstadt vieler Bewegungen

München ist eine internationale und weltoffene Stadt, das belegt beeindruckend die Statistik: In München lebten 2006 etwa 1,33 Mil­lionen Menschen aus über 180 Nationen, davon hatten 23 Prozent einen ausländischen Pass. Etwa genauso viele sind „echte Münch­ner“. Sie sind hier geboren und geblieben. Im multikulturellen Großstadtvergleich nimmt München hinter Frankfurt Platz Zwei ein. Ungefähr 13 000 ausländi­sche Studenten, das sind fünfzehn Prozent, studieren an einer der drei Hochschulen in München.

Die Stadt bot in den letzten sechzig Jahren vielen Flüchtlingen aus den Krisenregionen der Welt vorübergehend Schutz und Sicher­heit. Den Anfang machten 1946 jüdische Flüchtlinge, sogenannte „Displaced Persons“, aus dem Raum zwischen Ostsee und Schwar­zem Meer. Während des Zweiten Weltkrieges waren sie auf der Flucht vor den vordringenden Sowjets und den deutschen Truppen ihrer Heimat beraubt worden. Neben den Überlebenden der Lager, der Zwangsarbeit und der Todesmärsche machten sie das Gros der jüdischen Flüchtlinge aus. Auf der Suche nach einer neuen Heimat fanden sie in der gut zur Hälfte zerstörten Trümmerstadt München  eine vorübergehende Bleibe. Die Stadt wurde für sie eine Zwischenstation, „ein Ort des Übergangs“, so Dan Diner, Professor für Geschichte an der Universität von Jerusalem, in dessen Pass als Geburtsort „München“ steht.

München musste sich den Ruf als internationale, weltoffene Stadt nach Kriegsende erst wieder verdienen, zu eng war die Stadt mit dem Unrechtsstaat Adolf Hitlers verbunden. Von München aus begann der Siegeszug der NSDAP, den sympathisierende Münchner Bürger mitfinanzierten. Hitlers Bühne stand am Odeonsplatz und am Königsplatz. Er sorgte dafür, dass sich in München der Geist des Nationalsozialismus in monumenta­len neuen Gebäuden, Kunstausstellungen und politischen Straßen­inszenierungen festigte und dass die „entartete Kunst“ aus den Museen verschwand. Das missfiel nicht nur dem jungen irischen Schriftsteller Samuel Beckett, der sich im März 1937 mehrere Wo­chen in München aufhielt. Einer Freundin gestand er: „Die Tour ist ein Misserfolg. Deutschland ist grässlich. Das Geld ist knapp. Ich bin die ganze Zeit müde. Alle modernen Bilder sind im Keller.“

Es ist eine Paradoxie der Geschichte, dass die Geburtsstadt des Nationalsozialismus sich seit der Prinzregentenzeit in aller Welt einen Ruf als die toleranteste, freizügigste und heiterste Stadt Deutschlands erworben hatte. In diesem Klima gediehen offenbar genauso prächtig Antisemitismus, Herrenmenschentum und germanische Heilslehren. Im Dunstkreis der Proklamationen mit absolutem Gültigkeitsanspruch und der entfesselten Ideale holte sich Hitler den letzten Schliff für seine politischen Wahn­vorstellungen. Er stand in der dicht gedrängten Menschenmenge, die im August 1914 auf dem Münchner Odeonsplatz den Kriegsaus­bruch bejubelte, und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg kehrte Hitler nach München zurück, wurde Zeuge der kurzlebigen Räterepublik und deren blutiger Niederwerfung durch Regierungstruppen und illegale Freicorps. 1919 trat er in die Deutsche Arbeiter-Partei ein und übernahm zwei Jahre später den Vorsitz der Partei, die inzwischen NSDAP hieß. Mit dem Putsch vom November 1923 wollte Hitler von München aus nach der Macht im Reich greifen, was ihm erst 1933 mit der Wahl zum Reichskanzler gelang.

Führende Schriftsteller, Musiker, Künstler, Wissenschaftler und Politiker flüchteten nach Hitlers Machtübernahme aus München. Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann folgte dem Rat seiner weitsichtigen Kinder und ging im März 1933 ins Exil. Die deutsch­französische Schriftstellerin Annette Kolb floh als engagierte Pazi­fistin und Kosmopolitin nach Paris. Der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf wurde auf einer Vortragsreise nach Wien von der Gleichschaltung Bayerns überrascht und konnte nicht mehr nach München zurückkehren. Als Aktivist während der Räterepublik und nach seinem Aufruf „Verbrennt mich!“ war er den Nazis besonders verhasst. Im September 1938 bezog er mit seiner jüdischen Frau Miriam Sachs eine Wohnung in Manhattan. Wie viele Emigranten waren die beiden mit dem Schiff von Rotterdam nach New York geflüchtet, neun Wochen, bevor die deutschen Truppen in die Tschechoslowakei, den bisherigen Zufluchtsort, einfielen. Sein Schreib­tisch, beklebt mit Postkarten und Bildern aus Oberbayern, wurde zum Ort der Erinnerung an seine verlorene Heimat. Wie bei Thomas Mann mit Doktor Faustus entstand bei Oskar Maria Graf mit Unruhe um einen Friedfertigem und Das Leben meiner Mutter aus der Bewältigung des Heimatverlustes große Literatur.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2008): „… und dazwischen ein schöner Rausch“. Dichter und Künstler aus aller Welt in München. Mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 71-75.



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