Elisabeth Erdmann-Macke in München

Der Maler August Macke kommt im November 1909 mit seiner Frau Elisabeth auf Einladung von Freunden für ein Jahr nach Tegernsee. Der Aufenthalt in der ländlichen Idylle inspiriert ihn zu 200 Werken mit meist ländlichen Motiven. 1910 lernt er in München den Maler Franz Marc kennen. In der Folgezeit intensiviert Macke seine Beziehungen zur Künstlergruppe Der Blaue Reiter. Seine Frau Elisabeth erinnert sich, wie „trotz des köstlich einsamen und fruchtbaren Landlebens“ in ihm allmählich der Entschluss reift, für den Winter nach Bonn in ein neues Atelier zu wechseln. Nach ein paar Touren in die nähere und weitere Umgebung des Tegernsees wird die Frage nach einem Umzug immer dringlicher:

Wir überlegten, wie wir das neue Häuschen in Bonn einrichten wollten und was wir noch alles an Möbeln und praktischen Dingen brauchten. Bei unseren Besuchen in München sahen wir uns in den Werkstätten alles Mögliche an, aber August gefiel meistens irgendetwas nicht an den Sachen, die auch sehr teuer waren. So erinnere ich mich an einen Rundgang durch Möbelgeschäfte, der ohne Erfolg auf der Oktoberwiese endete. Wir waren voller Erwartung dorthin gegangen, waren aber furchtbar enttäuscht, nur eine Fress-und Saufangelegenheit großen Stils vorzufinden (ausgenommen die köstlichen Backhendeln), und erfreuten uns an einem dort gastierenden Zoo und einer Samoanergruppe mit wunderschön aussehenden Männern und Mädchen, die allerlei aus ihrem Leben vorführten. Wir hatten uns nun allmählich entschlossen, unserem guten Staudacher den Auftrag zu geben, einige Möbel für uns anzufertigen, die August entwarf und zeichnete. Staudacher machte uns unser Schlafzimmer, bestehend aus zwei großen Betten, zwei Nachttischchen, einem zweiteiligen Kleiderschrank, Kommode und Kinderschränkchen aus gutem Fichtenholz, Stücke, die wir lang behielten [...].

August malte viel und nahm mich oft zum Modell. [...]

Es waren eine Menge Bilder in diesem Jahr in Tegernsee entstanden, August schätzte sie alles in allem mit einigen wenigen früheren auf zweihundert. Den Malerfreunden wie Louis Moilliet und Franz Marc gefielen sie gut, und sie hatten großes Zutrauen in seine Zukunft. August wusste stets genau, was er wollte und wie weit es ihm schon gelungen war, das ihm Vorschwebende zu verwirklichen, aber trotzdessen verließen ihn nie eine äußerst sympathische Bescheidenheit und große Kameradschaft und Neidlosigkeit gegenüber den Malerfreunden und Kollegen, deren Arbeiten er schätzte. [...]

Die letzten Wochen eilten nun schnell vorbei, wir kamen immer mehr in Aufbruchstimmung. August konnte auch nicht mehr mit der rechten Ruhe malen, es gab dauern zu überlegen und zu bereden wegen der Packerei. Die Möbel waren nun fertig, wir waren oft in der Werkstatt zum Meister Staudacher gegangen und hatten die Arbeit verfolgt. Er machte uns auch einen Vorschlag um unser Klavier. Der Einfachheit halber hatten wir uns einen halben Waggon gemietet, der unser Hab und Gut bequem fasste. [...]

An einem Novembermorgen reisten wir in der dunklen, kalten Frühe ab. (Elisabeth Erdmann-Macke: Erinnerungen an August Macke. Frankfurt am Main 1987, S. 198-205, S. 211. © Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1987)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 232f., S. 256.



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