Wo ist der künstlerische Zugriff?

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Franz Kafka um 1910, ein Jahr vor der Entstehung seines Amerikaromans "Der Verschollene"

Ich kenne wenige von Journalisten verfasste Romane, die den Freiraum nutzen, den eine zu erfindende Geschichte und ihre Erzählweise ihnen bietet – und den zu nutzen eine gute fiktionale Geschichte erst hervorbringt. Was mir fehlt, ist die Willkür und Entschlossenheit des künstlerischen Zugriffs. Ein Beispiel dafür findet sich in Kafkas Roman Der Verschollene. Der 17 Jahre alte Protagonist Karl Roßmann hat mit einem älteren Dienstmädchen ein Kind gezeugt. Große Schande, seine Eltern schieben ihn in die USA ab. Der Beischlaf ist es also, der die Handlung in Gang bringt. Und wie schildert Kafka ihn? So:

Dann legte sie sich auch zu ihm und wollte irgendwelche Geheimnisse von ihm erfahren, aber er konnte ihr keine sagen und sie ärgerte sich im Scherz oder Ernst, schüttelte ihn, horchte sein Herz ab, bot ihre Brust zum gleichen Abhorchen hin, wozu sie Karl aber nicht bringen konnte, drückte ihren nackten Bauch an seinen Leib, suchte mit der Hand, so widerlich daß Karl Kopf und Hals aus den Kissen heraus schüttelte, zwischen seinen Beinen, stieß dann den Bauch einigemale gegen ihn, ihm war als sei sie ein Teil seiner selbst und vielleicht aus diesem Grunde hatte ihn eine entsetzliche Hilfsbedürftigkeit ergriffen.

Ein Satz, eine Welt. Ohne dass es ausdrücklich gesagt werden musste, steht alles darin. Rätselhaft, präzise, aufgeräumt, atemlos. Widersprüchlichkeit, Gleichzeitigkeit. Man sieht sich den Satz an, versteht jedes Wort und nichts.

Jede Wette: In einem typischen Journalistenroman wäre der Beischlaf, seine emotionalen Implikationen, die Beweggründe, Leidenschaften seitenweise ausgebreitet worden, wahrscheinlich im pointierten Dialog des Protagonisten mit seinem besten Freund.

Verfasser: Andreas Unger