Misserfolg „Anja und Esther“

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Erika Mann (l.) und Pamela Wedekind, 1927

Der „Laienbund Deutscher Mimiker“ hatte Erika Manns Theaterleidenschaft geweckt. Dazu trug entscheidend die Anerkennung bei, die sie vom Publikum, das überwiegend aus Verwandten, Freunden und Nachbarn bestand, erfuhr. Man attestierte ihr Talent, lobte ihre Darstellungsweise und prophezeite ihr Erfolg. Nachdem sie Bühnenluft geatmet hatte, fing sie genau wie ihr Bruder Feuer. Beide liebten das Theater. Doch für Klaus Mann hatte das Schreiben Priorität vor dem Spielen, sowohl als Dramatiker als auch als Kritiker. 1924 verfasste er sein erstes Stück Anja und Esther, das 1925 uraufgeführt wurde. In nur vierzehn Tagen habe er es „wie unter Diktat“ in seinem Jugendzimmer in der elterlichen Villa „zu Papier gebracht“. Vorbild für die Titelheldinnen seines Erstlings waren die beiden Menschen, die ihm damals am nächsten standen: Erika und Pamela.

Seine Figuren Anja und Esther sind Erzieherinnen in einem Erholungsheim für schwer erziehbare Kinder und haben ein lesbisches Verhältnis. Der verträumten Anja (Erika) bedeutet die Beziehung viel mehr als der egozentrischen Esther (Pamela). Sich selbst hat Klaus Mann als Vorbild für einen der männlichen Protagonisten genommen: Kaspar, einen jungen Dichter. Neben ihm tritt Jakob, ein irritierter junger Mann, auf, der unglücklich in Anja verliebt ist. Entscheidend für die Handlung ist der dritte männliche Hauptdarsteller Erik, der Esther für sich gewinnt und mit ihr das Erziehungsheim verlässt. Auf diese Weise verliert Anja den Menschen, dem sie sich „wahrhaft tief und menschlich verbunden“ fühlt. Unfähig, ihren Schmerz zu äußern, leidet sie schweigend und bleibt „gefangen und geborgen“ zurück. Nicht nur die Figuren entsprangen Klaus Manns Umgebung, auch der Schauplatz hatte sein Vorbild in der Wirklichkeit: die abgelegenen Odenwaldschule in Heppenheim an der Bergstraße, die er besucht hatte.  

Anja und Esther war das erste Stück, mit dem Klaus Mann an die Öffentlichkeit trat. Es feierte im Herbst 1925 gleich zweimal Premiere: am 20. Oktober in München und am 22. Oktober in Hamburg. Die Aufführung an den Münchner Kammerspielen unter der Regie von Otto Falckenberg fand wenig Beachtung, im Gegensatz zur Hamburger Inszenierung von Gustaf Gründgens, der auch die Rolle des Jakob übernommen hatte. Die anderen Mitwirkenden waren die Geschwister Mann und Pamela Wedekind – eine Besetzung, mit der Falckenberg nicht konkurrieren konnte. Die Kinder Thomas Manns auf der Bühne zu erleben, war eine kleine Sensation, auf die die Kulturszene neugierig war. So lautete denn auch die Ankündigung der Hamburger Premiere am 22. Oktober 1925: „Dichterkinder spielen Theater“.

Die Vorstellung geriet wegen der lesbischen Beziehung von Anja und Esther beinahe zu einem Skandal. Die Kritiken waren durchweg negativ. Der renommierte Theaterkritiker Herbert Ihering nannte das Stück einen szenischen „Marlittroman der Homosexualität“. Nur die schauspielerischen Leistungen der beiden Protagonistinnen Erika Mann und Pamela Wedekind wurden gelobt. Das Stück selbst fiel durch. Was die Aufführungen allen Beteiligten brachte, war Publicity. So zierten die drei Dichterkinder das Cover der auflagenstarken Berliner Illustrierten.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Gunna Wendt

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