Kunstform Comic

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Eine Seite von „Little Sammy Sneeze“ (1904-1906), einer Serie von Winsor McCay, einem der ersten Comiczeichner, der bewusst mit den Begrenzungen seines Mediums spielte; hier: Durchbrechen der vierten Wand durch Einbeziehung der Panelrahmung in die Handlung

Es ist wie mit Phantastik und Krimis: Wenn man es in der Hand hat, weiß man, was es ist. Es trennscharf zu definieren fällt jedoch auch Experten nicht immer leicht. Zu groß ist die Bandbreite, zu heterogen das Erscheinungsbild, groß auch der historische Wandel. Kurz ist hingegen die Zeitspanne, seitdem sich die Forschung vertieft mit dieser Kunstform auseinandergesetzt hat.

Mittlerweile ist die grafische Literatur als solche anerkannt. Als eigene narrative Kunstform, die Aspekte von Literatur und bildender Kunst verbindet und auch Erzählformen und Sehgewohnheiten des Films aufgreifen kann. In Frankreich, wo Comics eine längere Tradition haben, spricht man sogar von der neunten Kunst.

Comics zu „lesen“ erfordert andere Fähigkeiten vom Rezipienten als ein als Fließtext verfasstes literarisches Werk. Neben den eher pointierten, oft auf das Wesentliche reduzierten Texten der Sprechblasen müssen auch ikonographische Elemente dekodiert und Leerstellen zwischen den einzelnen Bildern aufgefüllt werden. Dietrich Grünewald (Grünewald, Dietrich [2000]: Comics. Niemeyer Verlag, Tübingen, S. 15) spricht von „kombinierende[r], verlebendigende[r] Lese- und Interpretationsarbeit“, die geleistet werden muss.

Die Bezeichnung „Comic“ hat sich dabei als ein international anerkannter Sammelbegriff, der die verschiedensten Formen von modernen Bildgeschichten umfassen kann, etabliert. Neben den klassischen Comicstrips, die in einer chronologischen Abfolge von Bildern (Panels) eine kurze, oft komische Geschichte erzählen und ihren Ursprung in der amerikanischen Zeitungskultur haben, sind im Laufe der Zeit weitere Formate hinzugekommen. Das Erscheinen als Heft unterstützt das serielle Erzählen, während die eher im franko-belgischen Raum typische Albenform abgeschlossene (Fortsetzungs-)Geschichten begünstigt. Japan hat mit seinen Mangas eine ganz eigene Bildsprache entwickelt.

Graphic Novel ist die am besten bekannte Bezeichnung für epische Großformen im Buchformat, die abgeschlossen in einem oder mehreren Bänden erscheinen. Sie tendieren zu größerer Komplexität, richten sich meist an Erwachsene und widmen sich oft anspruchsvolleren Themen. Unter diesem Label sind Comics auch in den traditionellen Buchhandel gelangt.

Obwohl Comics, die unter diese Sparte fallen, das öffentliche Ansehen der Gattung allgemein aufgewertet haben, ist die Klassifizierung nicht unumstritten. Unabhängig davon, ob es sich nun bei Graphic Novels wirklich um eine eigene Form oder nur um eine geschickte Vermarktungsstrategie handelt, wäre es ein Trugschluss, eine Distinktion zwischen diesen „anspruchsvollen“ Werken für Erwachsene und den scheinbar belanglosen, eher für Kinder gedachten Comics zu erzeugen. Banale sowie großartige grafische Literatur gibt es in allen Formaten.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Ingold Zeisberger

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