Pionier in seinem Metier

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François Gérard (1770-1837): Luís de Camões, ca. 1790/1810

Wir haben im Verlauf dieser Abhandlung mehrmals feststellen können, dass Karl von Reinhardstöttner mit Schriften oder Aktivitäten gewissermaßen Pionierarbeit geleistet hat. Von Fachleuten wird ihm bestätigt, dass die Romanistik in Deutschland ihm manche wissenschaftliche Innovation verdankt.

Der Nachruf der Technischen Hochschule München, an der er 37 Jahre lang gelehrt hatte, hält rühmend fest, dass er zehn Jahre lang ohne amtlichen Lehrauftrag die „Kandidaten der Realien“ beider Münchner Hochschulen in Geschichte und Theorie der Pädagogik auf die Prüfungen in diesen Disziplinen vorbereitet hat. Diese Prüflinge der Fächer Physik, Chemie, Biologie, Geographie und Mathematik hatten eine pädagogische Prüfung abzulegen, obwohl offiziell an beiden Schulen keine Möglichkeit zur Ausbildung geboten war. So war es Reinhardstöttner, der durch Eigeninitiative und Idealismus diesem Mangel abhalf und in seiner Zeit zum Vorreiter auf diesem speziellen Aufgabenfeld wurde.

Desgleichen würdigte derselbe Nachruf von Fachkollegen die „für diese Zeit [...] sehr zweckmäßig angelegt(en)“ drei Teile – Grammatik, Übersetzungsübungen und Lesebuch – eines schon 1868 verfassten kleinen Lehrbuchs Theoretisch-praktische Grammatik der italienischen Sprache, das jahrzehntelang die doch ziemlich starke Konkurrenz erfolgreich bestehen konnte.

Reinhardstöttner wird als Wegbereiter zeitgenössischer portugiesischer Lyrik gesehen, denn die neueren Lyriker Gomes de Amorim und Joaquin de Araujo hat man in Deutschland wohl erst durch die obengenannte Abhandlung kennengelernt (Karl von Reinhardstöttner, Portugals neuere Lyrik, 1879). Dieses frühe Engagement für portugiesische Gegenwartsliteratur hebt Briesemeisters/Schönbergers Geschichte der Lusitanistik in Deutschland besonders hervor.

Als engagierter Pädagogikreformer in Sachen moderne Sprachen an Hoch- und Mittelschulen war er es, der „als der erste mit Entschiedenheit für eine Hebung und Ausgestaltung dieser Studiengattung eine Lanze gebrochen hat.“ (Nachruf der TH; s. a. das Einleitungskapitel) Karl von Reinhardstöttners Beiträge zur Textkritik der Lusiades des Camoes von 1872 bilden überhaupt die erste lusitanistische Habilitationsschrift in Deutschland (Briesemeister; Schönberger); ebenfalls eine „erste Leistung“ war Die Grammatik der portugiesischen Sprache, auf der Grundlage des Lateinischen und der romanischen Sprachvergleichung (1878) als die erste „Einzeldarstellung nach den wissenschaftlichen Ansprüchen und Methoden der noch jungen Romanischen Philologie“ (Briesemeister; Schönberger) – Reinhardstöttner als einer der ersten Vertreter der Komparatistik. Schließlich und endlich ist Reinhardstöttners Portugiesische Literaturgeschichte von 1904 der erste Versuch einer Überblicksdarstellung der portugiesischen Literatur (Briesemeister; Schönberger).

Sechs „Pionierleistungen“ auf verschiedenen wissenschaftlichen Feldern – das allein sollte Grund genug sein, den Prof. Dr. Karl von Reinhardstöttner aus der Schublade des Heimatdichters herauszuholen und ihm das Ansehen auch im außerakademischen Bereich zu gewähren, das er verdient. Er hat es bis dato nicht gewonnen. In der kleinen Nebenstraße in Cham-West, die seinen Namen trägt, wußte bei einer Befragung die Hälfte der Anwohner nicht, wer Karl von Reinhardstöttner war; zwei glaubten zu wissen, er sei „so ein Heimatdichter“ gewesen.

Sein letztes Lebensjahrzehnt ist geprägt von sehr ambivalenten Erfahrungen. Erst 1902 wird er in reichlich später Würdigung seiner Verdienste zum Honorarprofessor der Technischen Hochschule München ernannt. 1904 durfte er das Erscheinen seiner mit so viel Liebe und Ausdauer geschaffenen Portugiesischen Literaturgeschichte erleben, und 1907 kam der letzte Band seiner Bayerwald-Erzählungen heraus. Mit diesen beiden Werken endet seine publizistische Aktivität.

Die letzten Lebensjahre sind überschattet von Krankheiten, vom Tod seines Sohnes Oskar 1907 und von drückenden finanziellen Sorgen. Er beantragt aus gesundheitlichen Gründen im März 1909 die vorzeitige Pensionierung, erlebt sie aber nicht mehr; ein Schlaganfall setzt am 1. April 1909 seinem Leben ein Ende. Seine letzte Ruhestätte fand er im Moosacher Friedhof (heute Westfriedhof) in München.


Verfasser: Max Heigl (Text) / Bayerische Staatsbibliothek (Bildbeigaben)

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