Der Erzähler: Reiseführer "Land und Leute im Bayerischen Walde"

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Karl von Reinhardstöttner: Land und Leute im Bayerischen Walde, Bamberg, 1890; Bavar. 4570 h-17 (c) BSB München/Münchener DigitalisierungsZentrum

In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens dominierten immer deutlicher Lust und Begabung für sprachliche Darstellung und eine enorme Erzählfreude sein Schaffen und verbanden sich auf glückliche Weise mit seinem immensen Wissens- und Erfahrungsfundus, allem voran Land und Leute im Bayerischen Walde, sein 1890 erschienener Bestseller aus der Bayerischen Bibliothek. Hierin verschmolzen wissenschaftlich-volkskundliche und erzählerisch-unterhaltende Bestrebungen zu einer bisweilen schwärmerischen, letztlich aber ehrlichen und tief empfundenen Zuneigung zu „seinem“ Wald, den er in ausgedehnten Wanderungen bis in den letzten Winkel kennen und lieben gelernt hatte.

Dieser frühe „Reiseführer“ durch den Bayerwald, der nach eigenem Bekenntnis keiner sein sollte, verfolgte, wie sein Autor im Vorwort gesteht, einen gewissen Propagandazweck mit dem „Endziel, Vorurteile gegen den schönen Wald zu zerstreuen, ihm Freunde zu werben und den einen oder anderen zu veranlassen, seine Schritte hierher zu lenken.“ Das Büchlein sei „eine einfache Plauderei aus wohlmeinendem Herzen, eine Erholung von streng wissenschaftlicher Thätigkeit [...].“ Man merkt dem lockeren Plauderton diesen Erholungseffekt an, denn das Buch steckt voller Geschichten im kleinen, anekdotenhaft dahinerzählt und doch voll anschaulicher Information über Mensch und Natur in dieser Region. Man wird ganz unaufdringlich konfrontiert mit Themen der Zeit wie der Frauenfrage, latentem Aberglauben und überholten religiösen Vorstellungen, Fortschrittsverweigerung des Waldadels, Eintreten für die Erhaltung des Waldes und Umweltschutz, Konkurrenz von Handwerk und Industrie, Arbeitsplatzproblemen, sozialen Konflikten, Sitten- und Kriminalgeschichte u.v.m. Er sieht mit kritischem Blick auch gewisse Schattenseiten des Waldlers und ist dabei strenger als Bernhard Setzwein, der in einem Artikel „Von Urwäldern und Räuberhöhlen“ feststellt: „Die ‚Soziologie des Bayerwaldlers‘, wie wir sie bei Reinhardstöttner formuliert finden [...], nimmt sich natürlich schon etwas seltsam für uns heute aus. Selbst wenn einer wie Reinhardstöttner über die Waldler schreibt – er, der sie nun wirklich aus eigenem Erleben gekannt hat –, dann klingt das immer ein wenig so, als ob ein portugiesischer oder spanischer Seefahrer des 15. Jahrhunderts über einen neu entdeckten Urvölker-Stamm schreibt.“

Interessanter und Reinhardstöttner gemäßer sind aber Setzweins folgende Zeilen: „1890, wie gesagt, ist Karl von Reinhardstöttners Buch erschienen, in einem Punkt allerdings zeigt es sich schon weitaus moderner, es weiß nämlich schon von all den Spanien- und Italienurlaubsreisen, die doch eigentlich erst eine Errungenschaft unserer Tage sind. Was Reinhardstöttner allerdings den in den Süden Reisenden mit auf den Weg gibt, muß nachdenklich stimmen.“

So steht z.B. auf Seite 7 ff. eine längere aufschlußreiche Passage, die an den Scharfblick des jungen Reinhardstöttner bei seiner Europa-Prophezeiung denken lässt:

Hier ist es nicht wie in den gewaltigen Bergen unserer majestätischen Alpen und an den Ufern unserer reizenden süddeutschen Seen. Was die Natur an Großartigem in den Alpen geschaffen hat, ist in die Dienste der Gewinnsucht gezogen worden. Wo sich eine weite Fernsicht auftut, da steht meist auch ein Haus, Hotel genannt, dahinter, und so ländlich-anspruchslos, so einfach und bescheiden diese Hütte im Alpenstil auch bisweilen aussieht, das Uhlandsche Wort: „Da fragt’ ich nach der Schuldigkeit“ gestaltet sich oft zu sehr bitterer Erfahrung. Wohl war die Verpflegung dort ländlich einsam und mehr als bescheiden, aber die Luft der Berge ist teuer, und das „Gesegnet sei er allezeit!“ wird selten ein scheidender Wanderer ausrufen, der bei manchem dieser Wirte „wundermild“, oder besser gesagt, dieser Besitzer der schönen Aussicht, „zu Gaste“ war.

Exzessive Kommerzialisierung und Ausbeutung der Natur und ihrer Schönheiten bis hin zur „Besteuerung“ der Luft, Übervorteilung der Gäste durch Wucherpreise für schlechten Service – diese Beobachtung ist nicht weit entfernt von Verhältnissen unserer Tage.

Sein Blick auf den Bayerischen Wald ist durch Sympathie und Zuneigung geprägt; er schildert ihn so, wie er ihn um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert sah und sehen wollte: „Der Bayerische Wald ist anspruchslos [...], er ist ‚kein modernes Reiseziel für Bequemlichkeitsenthusiasten und Komfortleute‘. Kein ländliches Hotel zieht den Reisenden an; aber er scheidet auch aus seiner Herberge mit der sicheren Zuversicht, dem Wirte nichts gezahlt zu haben, was dieser ihm nicht bieten konnte. Luft und Aussicht sind frei für jeden. Sie zu besitzen, gilt hier noch als Diebstahl.“

Es braucht nicht extra betont zu werden, dass sich das von Grund auf verändert hat. Schön zu lesen, wenn auch nicht mehr zeitgemäß und nur als soziohistorische Information zu betrachten: seine amüsante Schilderung des Lehrers in der Dorfgesellschaft. Es sei dem Verfasser dieser Abhandlung gestattet, hier eine längere Passage zu zitieren, nicht zuletzt deshalb, weil mein Vater ab ca. 1922 ein Dorfschullehrer war und ich selbst viele Details des Lehreralltags als väterliche Erfahrungen tradiert bekommen habe. Seite 66-69 kann ich da mit einigem Schmunzeln lesen:

Die Hauptfigur der Gesellschaft bleibt natürlich der Lehrer, an den sich auch diejenigen wenden müssen, die musikalische Vergnügungen lieben. Der Lehrer! Das zaubert mir das Bild eines Mannes der alten Schule herauf, eines echten Waldlers, der so ganz als der Typus dieser Rasse gelten kann. Seine Wiege stand in ärmlicher Hütte, Musizieren und im Sommer Mauern war sein erster Beruf. Aber der rege Drang, sich fortzubilden, trieb den Jüngling zum Buch und zur Feder, und wenn der Winter ihm die Ausübung seines Architektenberufes nicht mehr gestattete, da sammelte er als „Winterschulhalter“ die lernbegierigen Söhne des Landes zu seinen Füßen. Langsam strebte er vorwärts, er wagte die vorgeschriebenen Prüfungen, er bestand sie und ward bald wirklicher Lehrer seines Ortes; obwohl, rühmte er gern von sich, der Prophet in seiner Heimat nichts gelte, habe durch ihn doch selbst die Bibel Widerlegung erfahren.

Es lag etwas unendlich Anziehendes in dem ganzen Manne, der alle Spuren des Selbstgeschaffenen an sich trug, aber dessen ungeachtet, oder eben deshalb, treu und ganz Waldler geblieben war. Es gab nichts, was ihn nicht interessiert, nichts, worüber er nicht ein aus sich geschöpftes Urteil gefällt hätte. Alle Autoritäten der Welt – „Papst und Bismarck“ – hatten für ihn nur dann Geltung, wenn das Resultat seines Forschens mit denen ihrer Kirchen- und Staatspolitik übereinstimmte. Sein Denken führte ihn zum reinsten Liberalismus, und zwar so überzeugend, dass es ihm inmitten anders denkender niemals ernste Gegner schuf; die deutsche Idee und ihre Verwirklichung war trotz des engsten Lokalpatriotismus die Freude seines Alters.

Nie ist mir eine selbständigere Natur entgegengetreten, die eben ihres unabhängigen Denkens halber auch ihre Irrtümer erträglich machte. Weitum bekannt als der originellste der Waldler, voll wahrer Frömmigkeit doch freisinnig in allem, ein Vater und Vertreter seiner Gemeinde, die er bis zu den höchsten Instanzen mit Erfolg verfocht, ein Mann von siebenzig Jahren, doch zu jedem ehrlichen Spasse zu haben, hat er sich bei den Seinigen wahrhaft unsterblich gemacht. In dem Stereotypen seiner Ausdrücke lag etwas unendlich Wirksames; in der offenen Geradheit, mit welcher er seine persönliche Anschauung auch dem einzelnen gegenüber vertrat, etwas übermäßig Drastisches. Er rühmte sich, „allzeit die Wahrheit zu sagen“, und so kam es ihm nie darauf an, einer Dame zu bekennen, sie habe seit der letzten Begegnung wesentlich gealtert; und auch die hohe Obrigkeit durfte sich, um die volle Wahrheit zu erfahren, nur an ihn wenden. Wer weite Turen machte, der „hatte eben Pferdefüsse“, und wer den Arber und den Hohenbogen bestieg, der vergass, dass die „Berge von unten ebenso schön seien“, wie von oben. Wenn er erzählte, so blieb er wohl auch etwas unter der Wahrheit, doch strenge eiferte er gegen jede Lüge. Die Geschichte seiner Heimat, seines Waldes war ihm geläufig.

Wenn die Mühe des Taroks vorüber war, für den er, wie selten jemand, Verständnis besass, dann begann er zu erzählen von dem Schloss am Burgstall und seinen Sagen, dann erstunden die alten Ruinen zu mächtigen Burgfesten, und das Ritter- und Riesengeschlecht bevölkerte die Höhen aufs neue. Man konnte nach allen Seiten hin von dem biederen Alten lernen, in dem so viel Originalität steckte, wie nicht in tausend anderen zusammen. Aus allem wußte er Sprüche der Weisheit zu ziehen, und auch dem Tarokspiel entnahm er die goldene Lebensregel, die er auf das dienstliche Wirken so lehrreich zu übertragen verstand, dass „der Ober allezeit den Unter steche“.

So wie er dann abends in seinen Shawl gehüllt – der Shawl gilt ja vielfach als Attribut des Waldler Lehrers – von seiner treuen „Kathl“ mit der Laterne begleitet, das Bräuhaus verlassen hatte, um mit Hilfe seines Stockes den Weg über die steinigen Pfade zu nehmen, da war es ruhig, und man empfand, dass die Seele der Gesellschaft weg sei. Welch schwerer, unersetzlicher Verlust, dass auch solche Originale die Welt verlassen müssen!

Eine Kostprobe aus einer Vielzahl gleichartiger Porträts eines „Waldlers“! Dem Waldler Lehrer ähnlich sieht er den Waldler Bauern (S. 79):

Für seine häuslichen Verhältnisse hat er gesorgt, die Nahrung und den Unterhalt bietet ihm das eigene Feld, die eigene Scheune, und was die übrigen Bedürfnisse betrifft, so herrscht hier die vollständigste Gewerbefreiheit, die nur denkbar ist, indem ein richtiger Hausvater so ziemlich alle Handwerke versteht. Er schärft und „dengelt“ Sensen, er schleift Messer, Säge und Axt; er versieht die Geräte mit neuen Stielen, er bindet Besen und macht sich Rechen, er schnitzt Schindeln für sein Dach und verputzt und tüncht Haus und Stube, er baut den Backofen und setzt den Kochherd, er schneidet Holzschuhe und flickt Körbe, er behaut Balken und macht Holz, er pflanzt Bäume und richtet Zäune auf; er rasiert und schneidet Haare, und dabei hilft einer dem andern treulich aus, denn jeder hat es auf einem Gebiete so ziemlich zu einer gewissen Fertigkeit gebracht, in welcher er andere überholt, und die er dann mit Vorliebe ausübt.

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Verfasser: Max Heigl (Text) / Bayerische Staatsbibliothek (Bildbeigaben)

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