Von Würzburg nach München

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Matthias von Lexer (1830-1892), Germanist

Reinhardstöttners berufliche Laufbahn gestaltete sich also nicht so harmonisch wie seine Freizeit- und Ferienidyllik in Lixenried. Nach der Promotion in Halle strebte er die Habilitation an der LMU München an; das Ergebnis kennen wir: Im Januar 1872 lehnte die dortige Fakultät die Habilitationsschrift und das Colloquium ab. Vier Monate später, am 11. Mai 1872, konnte er sich mit derselben Arbeit an der königlichen Julius-Maximilians-Universität Würzburg als Privatdozent für romanische Sprachvergleichung und Literatur habilitieren. Die Würzburger nahmen ihn mit offenen Armen auf, und schon bald war die Reputation des neuen Kollegen als Verfasser der „ersten lusitanistischen Habilitationsschrift in Deutschland“ (Briesemeister; Schönberger, a.a.O.) so groß, dass die Fakultät ihn unbedingt halten wollte: „Der Fakultätsbericht spricht davon, dass sich die philosophische Fakultät zur Gewinnung einer solchen Kraft für ein an der Würzburger Hochschule noch nicht besetztes Fach nur Glück wünschen könne [...]. Es gereicht der philosophischen Fakultät der Würzburger Universität unter dem Dekanat Lexer zu hohem Ruhm, dass sie Reinhardstöttner sich frei entfalten lassen wollte.“ (Hämel, a.a.O.)

Pikanterie des Lebens: Der genannte Dekan Matthias von Lexer, der Lexer des Mittelhochdeutschen Handwörterbuchs, wurde 1890 als Nachfolger Konrad Hofmanns an die LMU München berufen. Da war Reinhardstöttner aber schon seit 18 Jahren als Dozent an den Militärbildungsanstalten und der Technischen Hochschule München tätig, und seine Neigung hatte sich seit geraumer Zeit verlagert: vom Wissenschaftlich-Pädagogischen mehr hin zum kulturhistorischen Forschen und Erzählen. Trotz des wohlwollenden Drängens seitens der Würzburger Fakultät und der verlockenden Arbeitsbedingungen („freie Entfaltung“) orientierte sich Reinhardstöttners Bestreben nach München, „da er nur hier am Sitze der Bibliothek im Stande ist, seine begonnene „Portugiesische Literaturgeschichte“ zu vollenden – ein Werk, zu dem ihm in Würzburg alle Quellen mangeln.“ (s. Personalakte)

Seinem Streben nach München wurde nur bedingt entsprochen, denn er wurde „durch Beschluß seiner Majestät des Königs am 18. August 1872 [...] als Professor der modernen Sprachen an das kgl. Cadettencorps berufen [...].“ (s. Personalakte)

Nun war er zwar in München, wurde im Lauf der Jahre auch zum königlichen Gymnasialprofessor (1881) und zum Honorarprofessor an der Tschechischen Hochschule (1902) befördert, aber die Lehrtätigkeit an der königlichen Militärbildungsanstalt musste er verständlicherweise angesichts seiner „vorzüglichen Qualifkation, welche ihm die philosophische Fakultät Würzburg gab“ (s. Personalakte), weder befriedigend noch angemessen empfinden, und so bewarb er sich, nachdem ihm der Weg an die Ludwig-Maximilians-Universität nach den geschilderten Erfahrungen verschlossen war, um eine Stelle als Privatdozent am königlichen Polytechnikum resp. Technische Hochschule.

6. September 1872

Hohes Direktorium der königlichen polytechnischen Hochschule!

Der ergebenst Unterfertigte erlaubt sich unter Beilage seiner Atteste und eines Lebensabschnittes zur Motivierung seines Gesuches an das Direktorium der königlichen polytechnischen Schule die Bitte zu stellen, ihm mit Rücksicht auf seine bisherige wissenschaftliche Tätigkeit die Erlaubnis ertheilen zu wollen, als Privatdozent an der königlichen polytechnischen Schule über roamnische Sprachen und Litteratur zu lesen. An dieses ergebene Gesuch knüpft er die weitere Bitte, die derfallige Entscheidung baldmöglichst ergehen zu lassen, da er nur unter der Bedingung der Aufnahme an das Königliche Polytechnikum auf seine Dozentur in Würzburg verzichten könnte. In der Hoffnung auf geneigte Berücksichtigung seiner Bitte zeichnet

Einem Hohen Direktorium
ergebenster
Dr. Carl von Reinhardstöttner
Privatdozent an der kgl. Julius-Maximilians-Universität Würzburg
München, Gunterstraße 9/II

(s. Personalakte)

Schon im folgenden Monat erging der Bescheid:

Vormerkung ad. Nr. 1823/72

Auf den berichteten Antrag des Direktoriums der polytechnischen Schule vom 31. Oktober 1872 wurde mit höchster Ministerialentschließung vom 5. Oktober 1872 Nr. 12439 der vormalige Privatdozent an der k. Universität Würzburg und nunmehrige Professor am k. Cadettencorps zu München Dr. Carl von Reinhardstöttner als Privatdozent für romanische Sprachen an der allgemeinen Abtheilung der k. polytechnischen Schule zu München zugelassen.

(s. Personalakte)

Sein neues Tätigkeitsfeld waren also zwei Institute mit für einen leidenschaftlichen und hochqualifizierten Linguisten höchst unattraktiven Schwerpunkten: Militär und Technik.

Dieser Einsicht trug, leider erst nach Reinhardstöttners Tod 1909, der erstaunlich umfangreiche und detaillierte Nachruf der Technischen Hochschule München Rechnung:

Die Vorlesungen und Übungen von Reinhardstöttners konnten der Natur der Sache nach immer nur ein kleineres Publikum anziehen, aber diejenigen, welche seinen Hörsaal besuchten, zogen reichen Gewinn aus dem, was ihnen geboten ward. Die Elemente der modernen Sprachen lagen außerhalb seines Wirkungskreises [...]. Der Dozent für neuere Sprachen hatte also wesentlich in deren Literatur einzuführen, und das Bedürfnis, solch tiefere Studien zu machen, konnte an einer technischen Hochschule niemals ein ausgedehntes werden [...].

Hierin lag denn auch die Ursache für das, was der Nachruf in den folgenden Zeilen klarlegte:

Als sich später unser Kollege mehr kulturgeschichtlichen Arbeiten [...] und vor allem der Geschichte der Erziehung und des Unterrichtes zuwandte, änderte er den Plan seiner akademischen Darbietungen entsprechend ab [...]. Die Kandidaten der Realien wurden [...] auch in Geschichte und Theorie der Pädagogik geprüft, ohne daß ihnen doch die Möglichkeit gegeben war, an beiden Münchener Hochschulen diese Fächer so betreiben zu können, wie es für ihre Zwecke wünschenswert erschien. Hier setzte deshalb der Verstorbene ein, und über ein Jahrzehnt hat er die pädagogischen Disziplinen zur vollen Anerkennung der seine Vorlesungen frequentierenden Hörer vertreten. Es war zu bedauern, daß es nicht gelang, für ihn einen dauernden Lehrauftraga zu erwirken.

(Nachruf der TH)

Reinhardstöttner leistete diese Arbeiten also aus reinem Idealismus und pädagogischem Impetus über das verpflichtende Stundendeputat hinaus, ohne amtlichen Lehrauftrag und ohne zu Lebzeiten eine angemessene offizielle Würdigung zu erfahren.

Diesen Unzuträglichkeiten zum Trotz betrieb er nebenher unermüdlich seine sprach- und literaturwissenschaftlichen Forschungen und Studien und trat mit zahlreichen Publikationen an die Öffentlichkeit, z.B. der Herausgabe von Os Lusiades de Luiz de Camoes (1874), Grammatik der portugiesischen Sprache auf Grundlage des Lateinischen und der romanischen Sprachvergleichung (1878), Theoretisch-praktische Grammatik der italienischen Sprache speziell für Studierende und Kenner der antiken Sprachen (1880), Die Plautinischen Lustspiele in späteren Bearbeitungen (1880), diverse Übersetzungen italienischer Standardwerke (1881 u. 1882) sowie Sammlung und Herausgabe spanischer Neudrucke des XV. und XVI. Jahrhunderts (1886) u.v.m.

Auf die von ihm stets mit besonderer Vorliebe gepflegte portugiesische Sprache war von Reinhardstöttner durch seine Habilitationsschrift (Beiträge zur Textkritik der Lusiades des Camoes, München 1872) geführt worden. Dem großen lusitanischen Dichter ist er überhaupt treu geblieben, wie verschiedene einschlägige Publikationen bekunden [...]. Aber auch andere Probleme der portugiesischen Literaturgeschichte [...] gaben ihm zu tun. [...] Alle diese Schriften sind, vornehmlich auch in Portugal selbst, mit Beifall aufgenommen worden.

(Nachruf der TH)

Es mag ohnehin merkwürdig berühren, dass diese verdienstvollen Arbeiten mehr im Ausland denn im deutschen Sprachraum Anerkennung fanden. Diese Anerkennung schlug sich vor allem in ehrenvollen Berufungen in vorwiegend ausländischen Akademien und Gesellschaften nieder. So wurde er schon mit 31 Jahren zum auswärtigen Mitglied der Kgl. Akademie der Wissenschaften zu Lissabon ernannt. In den folgenden Jahren wurde er

– Mitglied der portugiesischen Sociendade de Geographia de Lisboa,

– Mitglied der portugiesischen Sociendade de Geographia Commercial de Porto,

– Mitglied der brasilianischen Academia Pernambucana de Recife,

– Ehrenmitglied der portugiesischen Sociedade de Nacional Carmoniana zu Porto,

Komtur des portugiesischen St. Jakobus-Ordens,

Offizier des Ordens der italienischen Krone.

Dagegen nehmen sich die beiden „vaterländischen“ (bayerischen) Ehrungen reichlich mickrig aus:

Dienstauszeichnungskreuz II. Klasse

Jubiläumsmedaille.

Der Prophet im eigenen Lande ...!

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Verfasser: Max Heigl (Text) / Bayerische Staatsbibliothek (Bildbeigaben)

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