Affäre Hofmann

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Konrad Hofmann, Fotografie (c) BSB München/Bildarchiv

Im Sommersemester 1868, seinem letzten Münchner Studienjahr, hörte er „Deutsche Mythologie“ bei Prof. Konrad Hofmann, dem „Platzhirschen“ der konservativen Sprachwissenschaft, und war im weitesten Sinn dessen Schüler. Just dieser Prof. Konrad Hofmann sollte ihm vier Jahre später die Habilitation an der Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) München verwehren.

In der Broschüre (Über das Studium ...) hatte Reinhardstöttner die Vernachlässigung der neuen Sprachen an der LMU München beklagt und scharf kritisiert. 110 Jahre später, 1977, wird ihm von kompetenter Seite bestätigt, dass an dieser Vernachlässigung der genannte Professor Konrad Hofmann großen Anteil hatte: „Hofmanns Lehrangebot spiegelt getreu den Wissenschaftsbegriff seiner Zeit, der nur den älteren, historisch gewordenen Sprach- und Literaturstufen der lebendigen Sprachen die Würde eines akademischen Forschungsgegenstandes zugestand. In diesem traditionellen Sinne fühlte er sich auch weniger als Germanist oder Romanist, sondern vielmehr, wie er einmal sagte, als Vertreter der ‚mittelalterlichen Philologie‘.“ (Seidel-Vollmann, Stefanie [1977]: Konrad Hofmann, der erste Münchner Romanist (1853-1990). In: Ludovico Maximilianea Forschungen, Bd. 8, S. 146).

An anderer Stelle: „Hofmann war und blieb ein Philologe alten Stils, der sich von den literaturwissenschaftlichen Strömungen und den neuen sprachwissenschaftlichen Erkenntnismethoden [...] fernhielt.“ (Ebda., S. 174) Das stand im krassen Gegensatz zu den Vorstellungen in Reinhardsöttners Broschüre; hinzu kam: „Hofmanns zögernde, oft geradezu ablehnende Haltung in der Frage des Gelehrtennachwuchses bewirkte, daß ihm nur ein ganz kleiner Kreis von ‚Schülern‘ im engeren Sinne zugeschrieben werden kann.“ (Ebda., S. 174; Hervorh. d. d. Verf.).

Seidel-Vollmann attestiert ihm auch „Empfindlichkeit in allen Fragen wissenschaftlicher Seriosität und [...] Engagement im Kampf gegen echten oder vermeintlichen Dilettantismus in seinem Fache [...], daß gerade die nicht exakt wissenschaftliche, ‚dilettantische‘ Behandlung der germanischen und romanischen Literatur im kulturpolitischen Leben eine weitaus günstigere Resonanz fand als seine Tätigkeit.“ (Ebda., S. 169; Hervorh. d. d. Verf.)

Neue Sprachen auf gegenwärtiger Sprachstufe waren in seinen Augen demnach „nicht seriös“ und „dilettantisch“. Und gerade diese Aktivitäten fanden mehr öffentliche Aufmerksamkeit als seine eigenen Verdienste in diesem Fachbereich! Eifersucht? Angst um sein Platzhirschenmonopol? Die Vorgänge um Karl von Reinhardstöttners Bewerbung bei der Fakultät der LMU um die venia legendi für romanische Philologie im Jahre 1872 scheinen dies zu belegen. Seidel-Vollmann: „Dieses Gesuch stellt die erste Bewerbung für eine Dozentur der romanischen Philologie an der Münchner Universität dar. Das Gutachten Hofmanns über die eingereichte hispanistische Abhandlung ‚Beiträge zur Textkritik der Lusiaden des Camoesa‘ ist zwar im Gesamttenor keineswegs anerkennend, doch wird die Zulassung zum Habilitationscolloquium immerhin befürwortet.“ (Ebda., S. 172)

Seidel-Vollmann zitiert den Gutachter Hofmann: „Daß hier überhaupt von solchen kritischen Schwierigkeiten, wie sie klassische und mittelalterliche Literatur bietet, nicht entfernt die Rede sein kann, liegt auf platter Hand. Die Arbeit macht daher oft den Eindruck des unfruchtbaren Minutisierens und kommt am Schlusse zu keinem bedeutenden Resultate. Aber sie ist fleißig, ordentlich und nüchtern gemacht und der Verfasser scheint, wie auch sein italienischer Specimen zeugt, für diese Art kleinerer Philologie besondere Lust und Anlage zu haben. Ich stimme daher für Zulassung.“ (Ebda., S. 172)

Das klingt reichlich herablassend. Seidel-Vollmann berichtet weiter: „Der Verlauf des zweistündigen Habilitationscolloquiums verlief jedoch nicht zufriedenstellend [...].“ (Hervorh. d. d. Verf.)

Die „Art kleinerer Philologie“ hatte also dem Münchner Grossphilologen nicht genügt. Sieht man das im Kontext mit der gesamten reinhardstöttner’schen Vorgeschichte, dann bekommt Hofmanns Verhalten ein „Gschmäckle“. Hat vielleicht des jungen Doktors vehementes und in pädagogischen Kreisen mit Beifall aufgenommenes Engagement für Gleichrangigkeit von klassischen und modernen Sprachen den Platzhirschen Hofmann herausgefordert, gar erzürnt? Ein Neuerer! Einer von den Modernisten, die er so sehr verachtete? Oder gar ein künftiger Rivale im Fach?

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Verfasser: Max Heigl (Text) / Bayerische Staatsbibliothek (Bildbeigaben)

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