Von der Sommerfrische zum Massentourismus

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Ausflugbus aus Waging am See (Foto: Privatbesitz)

Mit den Wirtschaftswunderjahren kam auch der Fremdenverkehr im Alpenvorland wieder in Schwung. Je mehr Menschen mit dem eigenen Automobil oder dem Omnibus anreisten, desto mehr Straßen, Alpenpässe, Tunnels und Brücken durchschnitten kreuz und quer die Alpentäler. Anfang der 1960er Jahre hatten die Bundesbürger mindestens zwölf Arbeitstage im Jahr Urlaub und das nötige Geld, um dem Lärm und Dunst der Großstädte wenigstens für ein paar Tage zu entfliehen. Sie brauchten eine Unterkunft, sei es in Privatpensionen, in Wirtshäusern oder in Hotels. Die Orte stellten sich auf die fremden Gäste ein. Immer mehr Hotels, Gasthäuser, Pensionen und Fremdenzimmer schossen aus dem Boden. Bauernhäuser wurden umgebaut, modernisiert, den Vorstellungen und Ansprüchen der Gäste angepasst. Almhütten wurden zu rentablen Verpflegungsstationen für Bergwanderer. Jedes verfügbare freie Zimmer wurde zum Fremdenzimmer. Anders als in Hotels und Gasthäusern lebten dort einheimische Vermieter und Gäste auf engstem Raum zusammen.

Der Fremdenverkehr entwickelte sich im Alpenraum rasch zu einer der bedeutendsten, wenn nicht zur wichtigsten Einnahmequelle. Bald schon waren Sportreisen und Aktivurlaub angesagt. Tagsüber joggten die Sommergäste in der frischen Bergluft, eroberten mit Mountainbikes Gipfel, erklommen „free-climbing“ felsige Hänge und zogen in den Seen und Schwimmbädern ihre Bahnen. Abends amüsierten sich die Jüngeren in Discotheken und Clubs, die Älteren bei Heimatabenden, Stubenmusi und Bauerntheater. Diese Unterhaltung war ganz auf die Bedürfnisse und Vorstellungen der Touristen aus der Stadt zugeschnitten, die wiederum ihre Eindrücke von der alpenländischen Volkskultur mit nach Hause nahmen.

Links: Die Simplicissimus-Mitarbeiter beim Six-Bauer in Finsterwald anlässlich des „Ganghofer-Schießens“ zum 50. Geburtstag von Ludwig Ganghofer, Juli 1905 (Archiv Monacensia). Mitte: „Abschied von der Sommerfrische“, Zeichnung von Eduard Thöny. Simplicissimus, Jg. 43, Heft 34, 1938. Rechts: Ankunft der Sommergäste am Bahnhof Waging am See, 1950er Jahre (Foto: Privatbesitz).

Die heutigen Formen des „sanften“ Tourismus knüpfen auf verblüffende Weise an die Sommerfrische von früher an, neuerdings gesteuert von einer perfekten Gesundheitsindustrie. Es geht ums schnelle und gezielte Ausspannen, Abschalten und Auftanken. Kutschfahrten sorgen für Entschleunigung, Yoga für das seelische Gleichgewicht, Angebote rund ums Heu für „wohltuende Entspannung direkt aus der Natur“. Wie vor hundert Jahren vertraut der heutige Erholungssuchende auf die Heilwirkung des Bergwiesenheus mit Kräuterbädern, Heuwickel und „bloßem Liegen im duftendem Heu“.

So oder so ähnlich erging es wohl D. H. Lawrence und seiner Geliebten Frieda von Richthofen. Die beiden erlebten den Beginn ihrer großen Liebe im Mai 1912 während eines mehrwöchigen Aufenthalts im Isartal, wo Friedas Schwester Eise von Jaffe lebte. Ein Jahr später kamen sie wieder. Was die beiden in der Sommerfrische erlebten, schrieb David Herbert Lawrence weitgehend authentisch in seinem Roman Mr. Noon (1921) nieder. Hinter seinen Hauptpersonen Johanna und Gilbert verbergen sich unschwer Frieda von Richthofen und Lawrence selbst. Auf ihrer Gebirgstour über den Achenpass fühlen sie sich, der Natur schonungslos ausgesetzt, von allen Zwängen befreit: „Dann vergruben sich die beiden in einem tiefen Loch im Heu, häuften das Heu über sich und dachten, sie hätten es gut. Johanna war hellauf begeistert. Endlich war sie ihrer Villa Marvell in Boston und der ganzen Zivilisation entkommen und schlief wie eine Landstreicherin. Sie wollte in der Dunkelheit des Heus geliebt werden, und so wurde sie geliebt, und schließlich legten sich die beiden zum Schlafen zurecht. Sie klammerten sich eng aneinander und legten die Mäntel über sich und häuften das Heu über die Mäntel.“


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 19-21.



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