Totenrede auf den Idealismus

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Grabstelle Benno Ohnesorg in Hannover, November 2008

Das aus der Vogelperspektive eingefangene Bild erinnert an eine Pietà: Beerdigungsredner Thomas Linde läuft im Roman Rot vor ein Auto – neben dem in einer Blutlache Liegenden kniet eine Frau, ähnlich Friederike Hausmann, die neben dem sterbenden Benno Ohnesorg gesessen ist.

Ich schwebe. Von hier oben habe ich einen guten Überblick, kann die ganze Kreuzung sehen, die Straße, die Bürgersteige. Unten liege ich. Der Verkehr steht. [...] Neugierige haben sich versammelt, einige stehen um mich herum, jemand hält meinen Kopf, sehr behutsam, eine Frau, sie kniet neben mir. Ein Auto ist in die Fensterscheibe eines Uhrengeschäfts gefahren, [...]. Eine große Schaufensterscheibe, die wie eine glitzernde Wolke aufflog und jetzt am Boden liegt, bruchstückhaft spiegeln sich Häuser, Bäume, Wolken, Menschen, Himmel, von hier oben ein großes Puzzle, aber alles in Schwarzweiß. Seltsamerweise gibt es keine Farbe, seltsam auch das, der da unten spürt keinen Schmerz. Er hält die Augen offen. Ich höre Stimmen, die nach einem Krankenwagen rufen [...], jemand sagt: Er ist bei Rot über die Straße gelaufen. […] Der Fahrer sitzt auf dem Kantstein, er hält den Kopf in beiden Händen, er zittert, zittert am ganzen Leib, während ich daliege, ruhig, [...] aber die Gedanken flitzen hin und her [...].

(Uwe Timm: Rot. München 2003, S. 7f.)

Die letzten Sekunden Lindes im Angesicht des Todes werden auf 400 Seiten ausgedehnt, auf denen der Protagonist auf ein Weiteres sein Leben mit seinen Erfüllungen und (unerreichten) Zielen resümiert, so wie er einst das anderer resümiert hat. Ein Erinnerungssplitter reiht sich an den nächsten und entfacht die Wiedergabe einer biografischen Erfahrung. Es ist ein individueller Tod ebenso wie der Tod einer Generation und ihrer Ideale: Mehrere Krisen gehen dem unachtsamen – oder gewollt unachtsamen also suizidalen? – Überqueren der Straße voraus. Linde kommt gerade von einem Treffen mit seiner Affäre Iris. Diese erwartet ein Kind von ihm und will sich von ihrem Mann trennen; sie fordert den Ich-Erzähler heraus, Verantwortung zu übernehmen und sich zu ihr und dem Kind zu bekennen. Linde fühlt sich überfordert. Einen anderen Krisenpunkt bildet die Beerdigungsrede, die er zwei Wochen zuvor für einen alten Weggefährten halten musste: In der Wohnung des Verstorbenen findet er Konstruktionspläne für einen Bombenanschlag auf die Berliner Siegessäule, die an den durch Preußens Sieg gegen Frankreich 1871 geeinten Nationalstaat erinnert und von den Nationalsozialisten auf einen nochmalig erhöhten Podest befestigt worden ist.

Der Verstorbene hat ihn im Testament als seinen Trauerredner bestimmt, nun erscheint es ihm, als sei er auch dazu angehalten, die nicht verwirklichte Tat umsetzen. Das Erlischen der Liebe in der Ehe oder ein gescheiterter Sprengstoffanschlag – das Alter fordert sein Tribut: setzt Ratio an die Stelle der Leidenschaft. Aus dem Kontrastpaar von Gefühl und Vernunft leitet sich auch die Titelgebung des Romans ab: Rot ist einmal das Rot der Sinnlichkeit der Geliebten Iris und drückt sich auch in der Leidenschaft des Ich-Erzählers für die Jazz-Musik aus. Zugleich ist Rot die Farbe der Linken, des politischen Idealismus. Rot ist aber auch der blutende Tod – der Tod der Leidenschaft, der linken roten Ideale. Dennoch scheint es gegen Ende, als würde das Ideal gerettet: Aschenbergs Tod verhindert den Anschlag, bei dem Menschen zu Schaden hätten kommen können – der Tod läutert die Geschichte. Doch der (Sieges-)Engel entfliegt zum Ende des Romans gen lichten Himmel; dabei scheint es doch, als würde er im Entfliegen gesprengt werden.

Dieser da, schau, der Engel dort. Schwebt er? Ja doch. [...] Er schwebt, da, er hebt ab, er fliegt, endlich fliege ich, sagt er. [...] Heil dir im Siegerkranz, da staubt es heraus, ringförmig, kleine Wolken an der ersten Trommelreihe, [...] Sieg, Sieg, Viktoria, hurra, in den Staub mit allen Feinden Brandenburgs, der fliegt ja, der Engel, will er sich die Stadt von oben ansehen, die Wolken und das, was jetzt hochschießt, Steinbrocken, vergoldete Kanonen, die fliegen um ihn herum, [...] der Engel stürzt, mit dem Kopf voran, während zwei Säulenteile wegbrechen, [...] alles stürzt, dieser Lärm, ein Sausen, Reißen, Zischen, Flügelschlag, ich fliege, endlich, Lösung, immer dieses Voranschreiten, Erlösung, endlich, Gegenwart, Sturz, Allgegenwart, Gewölk, sanftes Grau und darüber das Licht. Licht.

(Ebda., S. 393f.)

Das Ideal der '68er wird gerettet, auf Erden ist es gescheitert, muss es scheitern, aber das Ideal verbleibt in einer überzeitlichen Sphäre, im kollektiven Gedenken. Dem Reden und Schreiben kommt dabei eine wesentliche Bedeutung zu: Es ist ein ordnendes und sinngebendes Verfahren, im Moment der Konfrontation mit dem Tod oder posthum. Ein Leben wird in Worten besiegelt. Und die Anrede einer „verehrte[n] Trauergemeinde“ entspricht dem Wunsch nach Vergemeinschaftung des individuellen Schicksals. In der Rede wie in der Schrift, also im Wort, wird der Verstorbene transfiguriert. Und die Beerdigungsrede für den Freund ist zugleich ein Nachruf auf die '68er-Bewegung: Sie zieht keinen Schlussstrich unter die Revolte, sondern transfiguriert diese im Wort. Die Erinnerungskultur stiftet eine unvergängliche Identität, und so wird der Roman selbst zu einer ewig langen Grabrede – die Dichtkunst ist der altgediente Königsweg zur Unsterblichkeit des Individuums wie auch einer Gesellschaft. Zugleich fällt mit dem Eindruck des fliegenden Engels Lindes eigener Tod zusammen: Nach vierhundertseitigem Räsonieren entfliegt zugleich er selbst, so scheint es, dem irdischen Schauplatz seines Unfalls und entsteigt der Zwischenwelt des Sterbens ins ewige Licht.


Verfasser: Monacensia im Hildebrandhaus / Dr. Nastasja S. Dresler

Sekundärliteratur:

Finlay, Frank; Cornils, Ingo (Hg.) (2006): „(Un-)erfüllte Wirklichkeit“. Neue Studien zu Uwe Timms Werk. Würzburg.

Hielscher, Martin (2007): Uwe Timm. München.

Honold, Alexander (2012): Freies Spiel. Improvisation als Lebensgefühl und Schreibhaltung in Uwe Timms Rot. In: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 195 (Uwe Timm), Juli.

Nicklas, Simone Christina (2015): „Erinnern führt ins Innere“. Erinnerung und Identität bei Uwe Timm. Marburg.

Weisz, Sabine (2009): Die 68er-Revolte im Werk von Uwe Timm. Marburg.



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