E = Erfahrung x Hass (Hoch 2)

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US-amerikanischer Napalm-Angriff im Vietnamkrieg, 1965.

Die Niederschrift erstreckt sich über den Zeitraum von 1969 bis 1971. Das Reisenarrativ setzt ein mit dem Gespräch mit einem amerikanischen Juden namens Burton, den Vesper auf der Rückfahrt aus Dubrovnik kennenlernt. Man versüßt sich die Zugfahrt mit ein paar halluzinogenen Substanzen. Die Gedanken schießen wild durcheinander. Der Leser erahnt schon auf den ersten Seiten die radikale Entwicklung des jungen Mannes. Die Formel, die dieser Entwicklung zugrunde liegt, die Formel, die Vesper auch für seine Mitstreiter geltend macht, wird gleich zu Beginn proklamiert und lautet: E = Erfahrung x Hass2. Angelehnt an die Einsteinsche Formel erhebt diese den Anspruch einer Weltformel, die zur allgemeinen Erlösung führen soll.

Das ist unsere Einsteinsche Formel. Man wird kaum die Unverfrorenheit aufbringen, sie in die bronzene Kirchentür meiner Geburtsstadt einzugießen. Die Formel unserer Krankheit und Exzentrizität. Sie wird Zerstörung zur Folge haben, gegen die Nagasaki und Hiroshima lächerlich erscheinen. Aber ich weiß, daß der Weg, den sie anzeigt, zu unserer Erlösung führt. [...] [E]s ist Zeit, zu zerstören, was man mir als Schönheit andrehte, es ist Zeit, die Schönheit der Zerstörung zu begreifen: [...] die Erfahrungen in Haß, den Haß in Energie verwandeln.

(Bernward Vesper: Die Reise. Ausgabe letzter Hand. 7. Aufl. Hamburg 2009, S. 13f.)

Und fortwährend kontrastiert das Schockvokabular mit den sozialromantischen Ideen des Autors.

Der Aufstand geschieht gegen diejenigen, die mich zur Sau gemacht haben, [...] gegen die zwanzig Jahre im Elternhaus, gegen den Vater, die Manipulation, die Verführung, die Vergeudung der Jugend, der Begeisterung, des Elans, der Hoffnung [...] Denn wie ich sind wir alle betrogen worden, um unsere Träume, um Liebe, Geist, Heiterkeit, ums Ficken, um Hasch und Trip [...].

(Ebda., S. 55.)

Inmitten der Kampfparolen teilt Vesper auch Hiebe gegen die Kulturindustrie aus:

Ein Steppke fragt am Kiosk nach dem neuen Mickey-Maus-Heft. Es ist noch nicht raus. Eines Tages wird die Nachricht ‚Mickey-Maus ist tot!‘ bei einer größeren Anzahl Menschen auf der ganzen Erde weit größeres Entsetzen auslösen als Nietzsches Aufschrei ‚Gott ist tot!‘

(Ebda., S. 16.)

Auf den Folgeseiten zieht der Autor Parallelen zwischen dem Judenhass der deutschen Vätergeneration und dem Hass gegenüber den eigenen langhaarigen rebellischen Kindern. Burton, ein Woodstock-Kind, ein verkappter Künstler, der sich mit seiner Arbeit in einer Werbeagentur über Wasser hält, wollte sich eigentlich nur einen kleinen Trip genehmigen und gerät zunehmend in Bedrängnis von den deutschen Lippenbekenntnissen. Der Erzähler reagiert zunächst mit Selbstmitleid und schließlich mit Wut auf die Ignoranz seines Gegenübers – die Wut ist es, die die gesamte Niederschrift zu motivieren scheint. Er fordert, die Hauptstadt der Bewegung (München) müsse

dem Erdboden gleichgemacht, der Erdboden muss den Wäldern gleichgemacht werden, alles muß gleichgemacht werden. Die Revolution... ist gerechtfertigt, die Revolution ist kein Deckchensticken. Die Massen werden siegen, wir werden siegen. [...] Wir werden Menschen sein. Wir werden es sein, oder wir werden die Welt dem Erdboden gleichmachen bei unserm Versuch, es zu werden.

(Ebda., S. 122.)

Aber auch die imperialistischen Vereinigten Staaten sähen ihre letzten Tage, teilt er gegen Burton aus, und auch Israel wird zur Zielscheibe seines Donners, gepaart mit höchst irritierenden Bemerkungen über die Schlangennatur des Juden und weitere antisemitische Auslassungen, welche die unbequeme Bekanntschaft besiegeln. Dabei gibt diese verstörende Referenz bereits Aufschluss über die gespaltene Beziehung Vespers zu seinem faschistischen Vater (s. im Folgenden Die Vater-Sohn-Beziehung als Hassliebe).


Verfasser: Monacensia im Hildebrandhaus / Dr. Nastasja S. Dresler

Sekundärliteratur:

Koenen, Gerd (2003): Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Köln.



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