Bauerntheater, Platteln, Wallfahrten

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Das Landhaus der Familie Dispeker in Egern, um 1910 (Archiv Monacensia)

Zur Hebung des bayerischen Nationalgefühls hatte der bayerische König Max II. seinen Untertanen Mitte des 19. Jahrhunderts ein sogenanntes „National-Costüm“ anempfohlen und eine Liedersammlung mit Volksmusik anlegen lassen. Die als „ursprünglich“ titulierte „Volkskultur“ sollte die Einheimischen vor der Zerstörung durch die neuen Werte und Verhaltensweisen der Industriegesellschaft schützen. Viele der als „uralt“ geltenden Bräuche wurden erst zwischen 1840 und 1914 neu erfunden und sogleich für den Fremdenverkehr vereinnahmt. Schaubräuche gibt es erst, seitdem es Beobachter und Zuschauer, also Touristen, gibt. Zur Aufführung kamen trivialisierte Volksstücke sowie oberbayerische Gebirgsstücke mit Gesang und Schuhplattlereinlagen, aber auch Volksstücke von Ludwig Anzengruber und Ludwig Ganghofer.

Links: Liesl Karlstadt mit Begleiter, 1927. Fotoalbum Liesl Karlstadt (Archiv Monacensia). Mitte: „Opfer der Ethnologie“, Zeichnung von Olaf Gulbransson. Simplicissimus, Jg. 14, Heft 18, 1909. Rechts: Gruppenfoto des „Gebirgstrachten-Erhaltungsvereins Murnau“, um 1925 (Schlossmuseum Murnau).

Diese Art von Volkstheater bekam Ödön von Horváth auch auf der „Ganghofer-Thoma-Bühne“ im nahegelegenen Egern am Tegernsee zu sehen, wo er häufig bei seinen Freunden Albrecht und Rudolf Joseph zu Gast war. Um die Brüder scharte sich ein illustrer Kreis berühmter Künstler: die Schriftsteller Max Mohr und Bruno Frank, die Operettendiva Fritzi Massary und ihr Mann, der Schauspieler und Komiker Max Pallenberg. Horváths Schriftstellerfreund Carl Zuckmayer kam aus Henndorf bei Salzburg herüber und machte mit seinen Zeitungs-Rezensionen die Bauernbühne in Berlin publik. Die Botschaft fiel in der Metropole auf fruchtbaren Boden, denn für die Berliner waren die Alpen seit der Jahrhundertwende ein beliebtes Urlaubsziel. Bereits in Berlin konnten die Sommerfrischler das bayerische „National-Costüm“ im Kaufhaus Wertheim erwerben, um perfekt gewandet in Dirndl und Trachtenjanker in Tegernsee aus dem Zug zu steigen. Die Alpen dienten als Projektionsfläche für die „heile Welt“, in der noch „Echtes“ und „Ursprüngliches“ gelebt wurde. Dieses Idyll wollte Ödön von Horváth zerstören. Für Berliner Zeitungen schrieb er mehrere Reisefeuilletons wie Abseits der Alpenstraßen und Souvenir de Hinterhornbach, in denen er seine Leser darüber aufklärte, wie hinterwäldlerisch und rückständig es im Alpenvorland zugeht.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 16f.



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