Spazierfahrten, Bergtouren, Aussichten

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Hotel Überfahrt in Tegernsee, ca. 1930 (Archiv Monacensia)

Die Reisenden der beiden letzten Jahrhunderte unterschieden sich ganz grundsätzlich von früheren Reisenden. Fuhr man im 19. Jahrhundert aufs Land und ins Gebirge, um dort die freie Zeit in der frischen Luft zu verbringen, so waren die Reisenden vorhergehender Jahrhunderte – Kaufleute, Händler und Fuhrleute – von Berufs wegen auf den Handelsstraßen unterwegs gewesen. Die Reisenden, selbst Fremde, trafen unterwegs oder am Reiseziel auf Unbekanntes, Fremdes oder Fremde. Es war nicht voraussehbar, wie sich das Zusammentreffen der Fremden mit den Einheimischen gestalten würde. Der Antritt einer Reise war früher ein Aufbruch ins Ungewisse. Schlechte Straßen und Wege, unzählige Grenzpfähle, Herbergen ohne Komfort, Wegelagerer und Sümpfe machten das Reisen zu einem Wagnis. Darüber hinaus bargen unterschiedliche Münzsysteme, Sprachbarrieren, ungewohnte Speisen, lahmende Pferde und brechende Wagenachsen nicht kalkulierbare Risiken.

Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert änderte sich das ganz grundlegend. „Sommerfrischler“, wie man Erholungsreisende schon bald nannte, nutzten jetzt immer mehr den neuen Reisekomfort. Das Wort „Sommerfrische“ soll dem Italienischen entstammen und von „prendere il fresco“ kommen, was so viel heißt wie „Erfrischung/Kühlung nehmen“. Im Deutschen ist bereits für das 17. Jahrhundert bezeugt, dass Bürger im Bozener Raum im Sommer aus dem stickigen Talkessel in die kühlen Sommersitze an den Gebirgshängen umzogen, „wo die statt Bozen ire refrigeria oder frischen halten“. Der Münchner Reiseschriftsteller Ludwig Steub verwendete in seinen Büchern wie Das bayerische Hochland (1860) und Wanderungen im bayerischen Gebirge (1862) die Begriffe „Sommerfrische“ und „Sommerfrischler“ und machte diese Bezeichnungen damit populär.

Links: Ludwig Thoma in Wildbad Kreuth, um 1910. Bestand Ludwig Thoma (Archiv Monacensia). Mitte: „Sommerfrische“, Zeichnung von Ferdinand von Reznicek. Simplicissimus, Jg. 7, Heft 25, 1902. Rechts: Ödön von Horváth (re.) mit Freunden auf einer Bergtour am Höllentalferner, um 1925 (Archiv Monacensia).

Das bayerische Königshaus nahm bei der Erschließung des Alpenvorlandes für den Fremdenverkehr eine Schlüsselstellung ein. Seit Jahrhunderten machten es die Wittelsbacher Herrscher vor und ließen an den entlegensten Plätzen, teils im Hochgebirge, luxuriöse Jagdhütten oder Holzschlösser errichten. Bereits unter Kurfürst Ferdinand Maria und seiner ebenso kunstsinnigen wie lebensfrohen italienischen Gemahlin Henriette Adelaide erlebten das Starnberger Schloss und vor allem die höfische Schifffahrt im 17. Jahrhundert ihre Blütezeit. Das Hofleben mit aufwendigen Festen und Lustfahrten auf dem See zog auch Künstler an. Einer von ihnen war der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen, der 1852 auf Einladung von König Max II. ins Jagdschloss nach Starnberg kam. König Max II. reiste 1856 mit einem Tross von Naturwissenschaftlern und Gelehrten zu Fuß und zu Pferde entlang der bayerischen Alpen und gilt seither als Wegbereiter des Fremdenverkehrs in Oberbayern.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 10f.



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