Ausgesperrt

Ihr Buch Eva in der Politik beginnt Carry Brachvogel damit, dass sie die Frauen als aus der Politik „Ausgesperrte“ vorstellt:

Der Staat ist eine Schöpfung des Mannes. Männer haben ihn ausgedacht, haben ihn aufgebaut, haben seine Grenzen gezogen, seine Gesetze bestimmt, haben ihn mit Krieg belastet oder mit Werken des Friedens beglückt. Männer haben Waffenbündnisse und Handelsverträge geschlossen, Männer leiteten von jeher die Staatsgeschäfte, gleichviel ob es sich um äußere oder innere Politik handelte. Die Frau, die den Staatsgedanken nicht ausdachte, hat auch, nach dem Gebot der Männer, an seinem Ausbau keinen Anteil haben dürfen. Zum Waffendienst durch ihre körperliche Beschaffenheit untauglich, blieb sie auch von jeglichen politischen Rechten ausgeschlossen, genau so, wie die Unmündigen, Verbrecher und Irrsinnigen, und es hatte beinahe den Anschein, als ob innerhalb des Staates überhaupt kein Raum für sie wäre. Weil aber auch der beste und volkreichste Staat ohne Frau schon in der zweiten Generation aussterben müßte, entschlossen sich die Männer, ihr ein Fleckchen innerhalb der Männerschöpfung einzuräumen, den kleinen Bezirk praktischer Bevölkerungspolitik, denn Kinderproduktion ohne Beihilfe der Frau ist bis auf den heutigen Tag ein unmögliches Ding geblieben. So sagten die Männer denn zu den Frauen: „Eure einzige und hohe Aufgabe ist es, dem Staat möglichst viele und möglichst kräftige Kinder zu schenken. Die Frau, welche die meisten Kinder gebiert und säugt, hat ihre Lebensaufgabe am besten erfüllt und kann unseres Dankes sicher sein!“ Versuchten die Frauen zu entgegnen, dass sie, die Mütter, doch auch mitreden wollten, wenn es sich um das fernere Ergehen ihrer Kinder handelte, meinten sie, daß sie, denen der Fortbestand des Staates oblag, auch seinen wichtigsten Geschäften nicht ferne bleiben dürften, dann sagten die Männer lächelnd: „Ach nein, liebe Frauen, Staatsgeschäfte taugen nicht für euch! Für den Webstuhl der Politik sind eure Hände zu schwach (Galante setzten hinzu: „und zu zart!“), er bedarf der starken Hand der Männer. Ihr gehört nicht in das Geheimkabinett, wo Politik gemacht wird, sondern in das Frauengemach. Wenn es nach orientalischem Geschmack eingerichtet ist, könnt ihr dort den ganzen Tag auf seidenen Kissen herumliegen, euch mit Schmuck behängen und Süßigkeiten lutschen. Ist es europäisch, so, mögt ihr, umgeben von euren Mägden, spinnen, köstliche Stickereien fertigen und sanftmütig warten, bis der Eheherr vom Kreuzzug, von der Jagd oder auch nur vom Wirtshaus heimkehrt.“

Carry Brachvogel sieht nicht nur die Männer als die allein Schuldigen für deren Ausschluss aus der Politik an, auch die Frauen tragen ihr zufolge einen Anteil daran. Jahrhundertelang haben sie in geduldiger Warteposition verharrt und immer wieder naiv gehofft, dass sie von der Männerwelt an den „Webstuhl der Politik“ gebeten würden:

Einem Bedürfnis der Neuzeit entsprechend hatten die Männer an der Türe des Geheimgemachs einen großen Briefkasten anbringen lassen, in dem jedermann schriftlich oder auch gedruckt seine Wünsche und Beschwerden niederlegen konnte. In diesen Briefkasten warfen seit Jahrzehnten Frauenorganisationen aller Art Petitionen um Zulassung ins Geheimkabinett, doch alle Petitionen, Mahnungen, Vorstellungen blieben erfolglos. Genau wie zur Zeit der Französischen Revolution leierten die Männer die alten Redensarten vom „Schmuck des Hauses“, „Stolz auf die Söhne“, „Die Natur selbst hat es nicht gewollt“ usw. ab, und gingen über die Forderungen der Frauen hinweg zur Tagesordnung über. Die langmütige Geduld der Deutschen machte auf sie ebensowenig Eindruck wie das wilde Gebaren englischer Suffragetten [...] Die Frauen ließen alles über sich ergehen, [...] schrieben Jahr um Jahr ihre Petitionen, gründeten Organisationen und warteten. Warteten je nach Temperament und Rasse ergeben und ungebärdig, – aber sie warteten. Eine Generation nach der anderen kam, warf ihre Bittschrift in den Briefkasten, wartete ein Weilchen und ging davon, ohne das Gelobte Land erreicht zu haben.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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Carry Brachvogel © Münchner Stadtmuseum