Halbtier

Böhlau legt dem Buch ein radikales Emanzipationsprogramm zugrunde: „Ein Kind und Arbeit!“, das ist die Forderung ihrer Protagonistin Isolde. Beides soll der Frau möglich sein. Das Kind jedoch bleibt Isolde versagt. Das Bild, das Böhlau von gelebter Mutterschaft anderer Frauengestalten im Roman zeichnet, ist desillusionierend. Drastisch schildert Böhlau nicht nur Familien-, sondern auch Entbindungsszenen mit einer solchen Intensität des Grauens, dass ihr Verleger damals deren Abmilderung forderte. Psychologisch scharfsinnig führt Böhlau vor, wie verzweifelte Mütter ihre kleinen Kinder instrumentalisieren und zum einzigen Lebensinhalt hochstilisieren. Sie stellt auch dar, wie halbwüchsige Söhne sich ihren Müttern gegenüber nicht viel anders verhalten als andere Männer gegenüber Frauen.

Die Auflehnung der Frauen gegen die herkömmliche Rolle der bürgerlichen Frau stellt Böhlau in einer Radikalität und mit einem Potenzial an Aggression vor, wie sie selten in dieser Zeit formuliert wird. In letzter Konsequenz scheint gar Männermord die einzige Lösung. So äußert die Engländerin Mrs. Wendland: „Ich würde eine Bombe nehmen und auf den Schlafrock von allen Männer, die schreiben und philosophieren und sprechen von die Frau“ (S. 47). Sie versucht gar nicht erst zu verschleiern, wie froh sie über den Tod ihres Mannes ist: „Mir geht es so wohl, Henry, wenn ich wieder zur Erde komme, werde ich wieder als unabhängige Witwe geboren. Ich bin ein freier Mensch.“ (S. 67)

Die Handlung kulminiert darin, dass Isolde ihren einstmals verehrten Schwager Mengersen tötet. Er, der Frauen für eine Art Tier hält und sich ihr in der Absicht einer Vergewaltigung nähert, wird dabei selbst zum Tier: „Waren das Henry Mengersens kühle Augen? Diese gierigen Raubtierblicke?“ (S. 193) Als sie ihn erschießt, schreit sie: „Wie einen Hund!“ Dieser Ausruf lässt verschiedene Interpretationen zu. Mengersen hat Isolde wie einen Hund behandelt, sie aber erschießt ihn wie einen wilden Hund. Aus dem Text geht hervor, dass diese Exekution paradigmatisch war, für alle sich gegen Frauen versündigenden Männer steht:

Sie hat Gericht gehalten. Tief ernst ist sie. Sie empfindet sich nicht als kleines Lebewesen, als ein Tropfen im Nichts. Sie steht hier vor dem Toten als der Begriff Weib. Sie hat einen großen Künstler, einen Geistesmenschen, einen schöpferischen Menschen total brutal getötet. Das beunruhigt sie nicht.

Am Ende steht Isoldes Freitod. Ihre einzige Selbstbestimmung findet sie darin, ihren Tod zu wählen: „So stand sie unerschütterlich, Herrin über Leben und Tod – in der Wonne ihrer großen Kräfte schon entrückt – und wartete auf die Sonne.“ (S. 201)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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