Münchner Madeleine

Weil ich aber keine Lust darauf habe, diesen Essay melancholisch zu beschließen, möchte ich zum Schluss noch eine Begebenheit aus der Gegenwart erzählen. Psychologen würden sagen, es handelt sich um einen Trigger, Proust-Fans würden vielleicht von einem Madeleine-Moment sprechen. Ich hatte neulich auch so einen Moment, nämlich im Imbiss vom Ali an der Großmarkthalle. Ich vermag ihn leider nur unzureichend in der Schriftsprache erzählen, ganz zu schweigen in Lyrik. Ich bin nur ein gewöhnlicher Tatsachenautor, ein Gebrauchstexteschreiber. Als solcher muss ich notgedrungen auf die spärlichen mir zur Verfügung stehenden Mittel zurückgreifen und meine Geschichte einfach so erzählen, kunstlos aber ungekünstelt, verbunden mit der Hoffnung, dass sich eines Tages ein Mundartlyriker meines Erlebnisses annehme und Dichtung erstehen lasse aus meinem persönlichen Madeleine-Moment.

Also Folgendes: Seit Jahren war ich um die Kuddelsuppe herumgeschlichen. Weiß, unklar, unscheinbar und unheimlich lag sie da in ihrer Edelstahl-Terrine zwischen der Linsen- und der Hühnersuppe. Ich stand um die Mittagszeit in Alis Imbiss am Gotzinger Platz in München, nahe der Großmarkthalle, inmitten von Müllmännern und Großhändlern, so wie fast jeden Tag, und wie fast jeden Tag reizte mich die trübe Suppe, von der ich nur eines wusste: Auf ihrem Boden schwammen Kuddeln. Ich hatte, glaube ich, noch nie richtige Kuddeln gegessen. Mal ein saueres Lüngerl oder gebratene Nieren, das schon. Aber Kuddeln, das war doch eine ganz andere Nummer. Niemand scheint so recht zu wissen, woraus sie eigentlich bestehen: nur aus gesäubertem Darm? Aus Rindszungenstücken? Aus allem, was nicht Muskelfleisch, Knochen oder Borsten waren? Oder auch all diesem? Das waren so die Fragen, die ich mit mir trug und die mich bewogen, mir doch lieber Linsensuppe in die weiße Schale schöpfen zu lassen.

Bis zu jenem Tag, an dem ich spontan umdisponierte: „Die Kuddelsuppe hätt ich gern.“ Alis Frau zuckt, schaut mich mit entsetzten Augen an. Zittert die Kelle in ihren Händen? „Bist du sicher“, fragt sie mich und schiebt, damit keine Missverständnisse entstehen, gleich hinterher: „Ich mach sie jeden Tag selber, jeden Tag frisch. Die Suppe ist berühmt in München, die Leute kommen aus der ganzen Stadt dafür. Aber ich selber – ich ess sie lieber nicht.“ Aber ich!, sage ich und fühle mich wie seinerzeit kurz vorm Bungeejump – euphorisch, entschlossen und bereit für eine große Dummheit. Heute ist es so weit, heut ess ich die Kuddelsuppe. „Musst sie ja nicht aufessen“, sagt sie und schüttet zwei Schlag milchige, lauwarme Suppe in die weiße Schale.

Ich setze mich, rühre mit dem Löffel um. Meine Nase erhascht einen Duftfetzen, ich halte inne. Der  Löffel gleitet in meinen Mund. Da ist der Hof, auf dem mein Vater aufgewachsen ist, die Schafe und Hühner, der Misthaufen mit dem rostigen Kran daneben. Die gekalkten, feuchten Wände vom Saustall, die Weizenberge, Frauen mit Kopftuch, die hailen, der Fendt, der grüne Kartoffelernter, die Erdbatzen und Erdäpfel, die stumpfen Dielen des alten Bauernhauses, das große Jesusbild in dem goldenen Rahmen überm Bett meiner Großeltern, die dunkel gebeizte Anrichte im Wohnzimmer, der Herrgottswinkel, das Tischtuch aus Plastikfolie, Omas Pelz, der nach Lavendel riecht, ihre schwarze Ledertasche, Opas Strohhut, seine blauen Augen, der hölzerne Schuhauszieher, der bleiche Blaumann, das wackelige Geländer, die steile Stiege, das würzige Kraftfutter, das zu essen mein Vater mir verboten hatte und schließlich, von ganz ganz hinten, aus der hintersten Schlinge meiner Gehirnwindungen, die aussehen wie Darmwindungen: das frenetische, panische, ohrenversengende Quieken der Schweine, die ganz bestimmt einen Begriff vom Tod haben in diesem Moment auf dem Hof, im Gegensatz noch zu mir, dem Bub von vielleicht drei Jahren, dem womöglich in diesem Augenblick, da die Männer die Säue in den Laster treiben, die Schweine selber eine allererste Idee vom Tod geben, von seiner Grauenhaftigkeit, Unausweichlichkeit und Selbstverständlichkeit.

So, liebe Mundartlyriker, jetzt seid's ihr dran.


Verfasser: Andreas Unger

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