Zentrum des literarischen Widerstandes

Die Tschechoslowakei als Nachbarland Deutschlands wird für viele Verfolgte zur ersten Station ihres Exils, da für deutsche Staatsbürger eine Einreise ohne Visum möglich ist. Bis 1938 fliehen zwischen 10.000 und 20.000 Menschen hierher, meisten politisch Verfolgte, darunter viele kommunistische Künstler. Schriftsteller wie Oskar Maria Graf begeben sich bevorzugt in dieses durch seine lange Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn deutschsprachig geprägte Land, in dem sie ohne Zensur in ihrer vertrauten Sprache veröffentlichen können. Für Künstler, Journalisten und Schriftsteller bietet die Tschechoslowakei nahezu ideale Bedingungen, da Künstler vom Berufsverbot für Ausländer ausgenommen sind. Exilautoren unterliegen hier nicht der Zensur.

In Deutschland verbotene Zeitschriften und Bücher können hier publiziert werden und machen das Land zum Zentrum des literarischen Widerstandes gegen Hitler. Die grenznahe Lage ermöglicht es zudem, diese Publikationen nach Deutschland einzuschmuggeln: Wir – das ganze verfolgte Deutschland, das intellektuelle, das freiheitliche, waren in dem einzigen Lande nicht nur teilnahmslos geduldet: Prag empfing uns als Verwandte. Wie nahe verwandt, sollte sich 1938 furchtbar erweisen.“ (Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt. Aufbau Verlag, Berlin 1947, S. 424). Die tschechoslowakische Regierung schützt einzelne staatenlosgewordene Künstler, indem sie ihnen wie Heinrich und Thomas Mann die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft verleiht und sie mit dem für die weitere Flucht lebenswichtigen Pass ausstattet.

Mit dem Münchner Abkommen im September 1938 ändert sich all dies. Die Tschechoslowakei wird gezwungen, die Sudetengebiete an das Deutsche Reich abzutreten. Im März 1939 annektiert Deutschland die „Rest-Tschechei“. Für die aus Deutschland Geflüchteten geht die Flucht nun weiter. Die meisten versuchen jetzt, Europa zu verlassen.  


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

Kommentar schreiben