Drei Dichter in Nizza

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Hermann Kesten, Foto um 1935.

Heinrich Mann ist schon vor 1933 häufiger Gast in Nizza. Eine Woche vor dem Reichstagsbrand flieht er, nach einer Warnung von Freunden, aus Deutschland und lässt sich in Nizza nieder. Seine Freundin Nelly Kröger, die sich in Berlin um alles kümmern will, wird kurzzeitig von der Gestapo inhaftiert, kann ihm aber bald folgen. 1934 mieten die beiden zusammen mit Hermann Kesten und Joseph Roth an der Promenade des Anglais ein Haus mit drei getrennten Wohnungen. Die drei Schriftsteller arbeiten in diesen Monaten an historischen Romanen. Heinrich Mann sitzt über dem Manuskript Henri Quatre, Hermann Kesten an Ferdinand und Isabella und Joseph Roth schreibt an seinem Napoleon-Roman Die Hundert Tage.

An blauen Abenden standen wir auf unseren Balkons und sahen, wie die Sonne im Meer unterging und ihr Abschein die Wellen und den Himmel und die Wangen unserer Frauen rötete. Heiter verbrachten wir die folgenden Monate zusammen, trafen uns um die Ecke in einem kleinen Bistro zum Essen oder Trinken oder saßen vor dem Cafe de France oder auf dem Place Massena im Cafe Monnod unter den Arkaden und wandelten zuweilen unterm Sternenhimmel am Meer entlang in unser Haus zurück, in eifriger Diskussion über die Gesetze des historischen Romans.

(Hermann Kesten: Lauter Literaten. Droemer Knauer, Wien/München 1966, S. 280)

Hermann Kesten zieht es bald weiter nach Sanary-sur-Mer, Joseph Roth übersiedelt Anfang 1935 mit seiner Geliebten Andrea Manga Bell ins Hotel Imperator am Boulevard Gambetta in Nizza. Heinrich Mann wird 1936 tschechoslowakischer Staatsbürger und bleibt es bis zu seinem Tode. 1939 heiratet er Nelly Kröger im Rathaus von Nizza.  

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl