Sanary-sur-Mer: Thomas Mann

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Thomas Mann in Sanary-sur-Mer 1933.

Im Frühsommer 1933 treffen auch Katja und Thomas Mann in Sanary-sur-Mer ein. Nach einem europaweit gehaltenen Vortrag zum 50. Todestag Richard Wagners im Frühjahr 1933 kann das Ehepaar nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Seine ersten Wochen verbringt Thomas Mann im Grand Hotel von Bandol, ehe er an seinem 58. Geburtstag die Villa La Tranquille in Sanary-sur-Mer bezieht. Wie sich Monika Mann erinnert kann er sich nur sehr schwer mit der neuen Situation anfreunden. „Jetzt da im vollem Triumph Verbrechen und Wahn im Namen der Freiheit regierten, wandte sich [unser Vater] empört ab. Er saß auf der kleinen Terrasse seinen südfranzösischen Studios und blickte entsetzt vor sich hin …“ (Monika Mann: Vergangenes und Gegenwärtiges. Erinnerungen. Kindler Verlag, München 1956, S. 87)

Thomas Manns Tagebücher zeugen von einer „inneren Ablehnung des Märtyrertums“ und der Sehnsucht nach dem alten Leben in München: „Dass ich aus dieser Existenz hinausgedrängt worden bin, ist ein schwerer Stil- und Schicksalsfehler meines Lebens, mit dem ich, wie es scheint, umsonst fertig zu werden suche, und die Unmöglichkeit seiner Berichtigung und Wiederherstellung, die sich immer wieder aufdrängt, das Ergebnis jeder Prüfung ist, frißt mir am Herzen.“ (Thomas Mann Tagebuch 14.3.1934: Tagebücher 1933-1934. Hg. v. Peter de Mendelssohn und Inge Jens. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1977, S. 355f.) Rene Schickele notiert Anfang Mai nach einer Begegnung mit Thomas Mann in sein Tagebuch: „Er sieht schlecht aus [...] sehr bedrückt [...] Für Heinrich Mann bedeutet die Verbannung schließlich keine große Veränderung, er war immer in der Opposition. [...] Thomas dagegen [...] ist tatsächlich aus allen Himmeln gefallen. [...] Wenn einer nicht das Zeug zum Märtyrer hat, so ist es Thomas Mann.“ (Rene Schickele: Tagebuch 8. Mai 1933. In: Werke in drei Bänden. Bd. 3. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1959, S. 1049f.)

Als die Wochen vergehen kehrt Thomas Mann wie die meisten seiner Exilkollegen, jedoch an seinen Schreibtisch zurück: „Ich habe meinen Kampf durchgekämpft. Es kommen freilich immer noch Augenblicke, in denen ich mich frage: warum eigentlich? Es können in Deutschland doch andere leben, Hauptmann etwa, die Huch, Carossa. Aber die Anfechtung geht rasch vorüber. Es ginge nicht, ich würde verkommen und ersticken.“ (Thomas Mann: Brief an Hermann Hesse 31. Juli 1933. In: Die Briefe. Regesten und Register. Bd. I: 1889-1933. Hg. v. Hans Bürgin und Hanns-Otto Mayer. Frankfurt a.M. 1976, S. 603). In der Villa La Tranquille setzt Thomas Mann seine bereits in Bandol begonnen Leseabende fort. Hier tragen Autoren wie Rene Schickele, Lion Feuchtwanger, sein Bruder Heinrich aber auch er selbst Texte vor. Für Thomas Mann sind diese Abende ein Stück Normalität inmitten einer untergehenden Welt. Gleichwohl hoffte er noch immer darauf, dass das Schweizer Konsulat seinem Aufenthaltsgesuch für die Schweiz stattgeben wird. Am 28. August erfährt Thomas Mann, dass die SA seine Münchner Villa an der Poschinger Straße 1 beschlagnahmt hat.

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl