Von Alena Zemančíková

Aus dem Fenster unseres Plattenbaus habe ich die ganze Kindheit auf die Landschaft des Böhmischen Waldes in Richtung Staatsgrenze geblickt, nach Deutschland. Der Horizont war verriegelt von den Grenzbergen, aber ich wusste nicht, wie die einzelnen heißen. Es gab keine Karte und von den Leuten um mich herum konnte es mir auch keiner sagen. Sie alle waren erst vor kurzem hierhergekommen. Meine Heimat war umgrenzt von den Linien nicht sehr hoher, waldiger Berge, hinter denen etwas Unbekanntes, ja verdeckt Feindliches lag. Wie im Märchen.

Meine Eltern waren jung, fröhlich und besaßen im Großen und Ganzen nichts außer Freunden, die genauso waren wie sie. Sie lasen, spielten Theater, sangen im Chor, trafen sich mit anderen, um zu reden. Sie schauten nach vorn, in die Zukunft, und die war in meiner Heimat umrahmt von kleinen Verhältnissen, sie war verständlich und sicher.

In diesem kleinen hermetischen Königreich galt ein Ausländer als Exot. In unsere Straße kam immer wieder ein Lehrer aus einer nahe gelegenen bayerischen Grenzstadt. Sein riesiger amerikanischer Straßenkreuzer (ein Auslaufmodell, zu jener Zeit fuhren die reicheren Deutschen schon ihre eigenen eleganten Fabrikate) war eine Sensation und zog das Interesse sämtlicher Söhne und Väter aus unserer Siedlung auf sich. In dieser Stadt nahe der deutschen Grenze konnte allerdings kaum einer Deutsch, und wenn der Lehrer von seinen Spaziergängen durch die Stadt zum Auto zurückkam, drehten die Männer langsam nach Hause ab und die Jungen blieben wegen der Kaugummis. Außer dem Lehrer kamen einmal im Jahr auch die sowjetischen Berater in die Generaldirektion des Uranbergwerks. Damit hatte die Öffentlichkeit nichts zu tun, nur wir Schulkinder wurden abgeführt, um im Chor ein paar Lieder zu singen. 1968 nahm unser Lehrer auch Čechy krásné, Čechy méSchönes Böhmen, Böhmen mein mit aufs Programm. Die sowjetischen Berater hörten es an, applaudierten und verteilten Abzeichen an uns. Das Lied ist sehr patriotisch und hat einen unsinnigen Text; in einer aufwärts stürmenden pseudobarocken Figur gelangen wir aus dem schönen Böhmen hinauf in den Himmel und zum Engel des Herrn, der an ein Jauchzet! Frohlocket! denkt.

Die erste Strophe unseres Liedes lautete:

 

Čechy krásné, Čechy mé,
duše má se touhou pne,
kde ty vaše hory jsou,
zasnoubeny s oblohou.[i]

 

Schönes Böhmen, Böhmen mein,
Sehnsucht lässt die Seele fliegen,
wo such ich die Berge dein,
die sich an den Himmel schmiegen?

 

An diesem Vormittag wurde mir im Speisesaal des volkseigenen Uranbergbaubetriebs klar, dass ich wirklich nicht wusste, wo diese unsere Berge sind, die ich täglich vor mir hatte, die uns ihre Regenwolken schickten und hinter denen die Sonne versank. Ob noch im schönen Böhmen oder schon in Deutschland? Und dass auch meine Seele Sehnsucht empfand und fliegen wollte, um hinter diese Berge zu schauen, ob die Welt dort anders wäre. Wenn dort überhaupt etwas wäre.

Der Lehrer mit dem Straßenkreuzer aus der bayerischen Gemeinde wurde eines Tages von den Grenzbeamten verhaftet. Sie hatten ihn erwischt, wie er nahe der Staatsgrenze nach etwas grub, und er, die Spitzhacke in der Hand, sagte, dass er in dem früheren Garten seines früheren Schulhauses in seinem früheren Dorf den Goldregen ausgraben wolle. Die Grenzbeamten verstanden aber kein Deutsch, und als sie das Wort Gold hörten, waren sie sich sogleich sicher, dass es um einen Schatz ging. Ein Garten, hier, im Wald? Und sollte der Mann je hier gelebt haben, warum kann er kein Tschechisch? Schließlich ist hier die Tschechoslowakei. Mein Vater, auch Lehrer, und einer der wenigen in der Stadt, die Deutsch konnten, wurde zum Übersetzen geholt; und zuhause hat er davon dann belustigt erzählt. Ich aber achtete seit jenem Tag auf die Sträucher, die mitten im Wald so unpassend blühten, auf die Narzissen, auf die blauen Schwertlilien am Bach, auf die Friedhöfe, die in das Dunkel ihres dichten Bewuchses getaucht waren und die nur der Frühling verriet mit seinem Maiglöckchenduft. Am geheimnisvollsten war die Kirche, deren Kuppel gleichsam eine große Faust durchschlagen hatte, und innen drin war nur eine einzige Grabplatte unversehrt: die mit der Inschrift Weltkrieg. Hier überall hatten Menschen gelebt. Hier also musste ihre Heimat gewesen sein.

Meine Heimat war ohne jede Mythologie. Die Gemeinden hießen alle anders als früher (die ursprünglichen Namen schwanden aus dem Gedächtnis), es gab keine lokalen Geschichtenerzähler, keine Geschichtensammler, und die Bände mit den örtlichen Sagen wurden aus den Häusern, die man bezog, als die Deutschen weg waren, hinausgeschmissen oder zerrissen, zum Anschüren, was sollte man auch damit, lesen ließ sich das nicht, es war in gotischer Schrift. An die Stelle der lokalen Mythologie trat der Hussitismus – besser gesagt: dessen eindeutig national gefärbte Interpretation durch Zdeněk Nejedlý und seine Nachfolger unter den Lehrbuchverfassern: Die Hussiten waren gute Tschechen, die Kreuzritter hingegen Deutsche; Wenzel IV. als böhmischer König war einer von uns, sein Bruder Sigismund, der deutsche Kaiser, erstaunlicherweise ein Feind. Und Karl der IV. als Vater unseres Heimatlandes war natürlich ein Tscheche. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich an diesen Mythen etwas gestört hätte. Ich sah aus dem Fenster auf den Berg bei Tachov, auf dem sich 1427 angeblich jene ruhmreiche Schlacht zwischen den Hussiten und Kreuzrittern zugetragen hatte, und stellte mir vor, wie die tschechischen Hussiten die deutschen Kreuzritter hinter die Grenze gejagt hatten, hinter diesen nicht allzu hohen Ring bewaldeter Berge, und dass wir nun für immer Ruhe vor ihnen hätten, denn zurückkommen konnten sie nicht. In der Hussitenstraße unserer Stadt hing eine Tafel, auf der stand, dass diese Straße früher Blutstraße geheißen habe – wegen des vielen hier vergossenen Blutes. Das musste das Blut der deutschen Kreuzritter sein gewesen, denn die Hussiten hatten gesiegt, und keiner, wirklich keiner hat mir gesagt, dass man unsere Stadt mehrfach belagert und erobert hatte, sie also abwechselnd in katholischer und utraquistischer Hand gewesen war und beiderlei Blut vergossen wurde.

Während meiner Kindheit kannte keiner der Einwohner die tatsächliche Geschichte der Stadt. Die damalige Zeit hatte andere Themen, die Frage nach der Nation und damit auch nach der Heimat hatte man sozusagen zusammen mit den Deutschen abgeschoben.

Ein gewisses Unbehagen riefen die Friedhöfe hervor – in jener Zeit, von der ich spreche, wurden die Grabsteine meist weggebracht und die Friedhöfe aufgelassen. Schließlich konnten sich die, denen sie gehören mochten, sowieso nicht darum kümmern (wollten sie nicht enden wie jener Lehrer aus Waidhaus), und die neue Zeit hatte, wie schon gesagt, andere Themen als diese Gräber. Ein Sonderkapitel stellten die jüdischen Friedhöfe dar, die man wirklich kennen musste, so geheim und versteckt lagen sie in den Wäldern, weit weg von jedem Dorf und jeder Stadt. So, wie man nicht davon sprach, dass hier in der Gegend Deutsche gelebt hatten, sprach man auch nicht von den Juden; auch der Holocaust war kein Thema. Thema waren der Sieg der Sowjetunion und des Sozialismus, der deutsche Revanchismus und die glückliche Gegenwart.

Und doch gab es da den Hügel hinter der Stadt, zu dem wir jedes Jahr am 7. November bei den Feiern für die Große Sozialistische Oktoberrevolution einen Lichterzug veranstalteten, obwohl dieser Hügel weder mit dem Sieg des Sozialismus noch mit der UdSSR irgendetwas zu tun hatte. Er war und ist ein Massengrab für die Opfer der Todesmärsche, die sich hier im Frühjahr 1945 durch die Gegend schleppten, Menschen aus den Konzentrationslagern auf der Flucht vor der Ostfront. Es stand außer Frage, dass die Toten unter dem Hügel Tschechen waren – wer sonst in unserer Heimat hätte eine Gedenkstätte mit einer Dornenkrone auf einer Säule oben verdient? Es waren 253, damals hatte jeder eine Nummer und bekam eine Rose – heute ist hier alles gepflastert und statt der Rosen führen rundum Wege zu den Garagen und Häuschen, die inzwischen den Fuß der Erhebung erreicht haben. Die Toten waren Leute verschiedener Nation, viele von ihnen Franzosen, natürlich Deutsche, Juden, Russen und vielleicht auch der eine oder andere Tscheche. Aber das haben sie uns in der Schule nicht erzählt, sonst hätten sie nämlich auch sagen müssen, dass die Stadt nicht von der Roten Armee befreit worden war, dass hier keine russischen Soldaten gefallen waren (denn russische Soldaten waren hier gar nicht gewesen) und dass man das Grab gleich nach dem Krieg angelegt hatte, um der anonymen Opfer des Kampfes um die Herrschaft über die Welt zu gedenken.

Unserem Heimatkundemuseum oblag die Sorge um einen hussitischen Morgenstern, verschiedene Erzeugnisse der lokalen Volkskunst, Gipsmodelle der böhmischen Grenzburgen und die besonders beliebte Abteilung Der Wald in der Dämmerung. Eine Eule glitt durchs Zwielicht, ein Fuchs pirschte heran, und beide waren sie ausgestopft. Das Kreisheimatmuseum zeigte weder eine lokale Tracht noch eine Bauernstube noch eine alte Fotografie der Stadt. Es schwieg sich aus über die berühmte Orgelbauerfamilie und über die Schöpfungen des spätbarocken Malers Elias Dollhopf.

Meine Heimat war am wahrscheinlichsten wohl dieser Wald in der Dämmerung. Auf viele Fragen gab es hier keine Antwort, denn die Leute lebten in Unwissenheit. Trotz und vielleicht auch gerade wegen all dieser Geheimnisse waren es schöne Zeiten. Die späteren waren schlimmer; die Demarkationslinie verhinderte zwar, dass sich die Besatzungsarmee der Sowjets hier festsetzte, aber eine Raketenbasis wurde gebaut. Bis heute ist der Begriff Heimat für mich verbunden mit etwas, worüber man nicht die ganze Wahrheit erfährt, wo kleine Verhältnisse herrschen, wo alles strengstens bewacht wird und man nie weiß, ob die Berge, die sich an den Himmel schmiegen, auf dem eigenen Territorium liegen oder doch woanders? Warum fragen wir eigentlich mit jenem Lied im Schönen Böhmen, wo unsere Berge sind?

Deutsch von Kristina Kallert


[i] Wörtliche Übersetzung: Schönes Böhmen, Böhmen mein, / meine Seele spannt sich vor Sehnsucht, / wo sind deine Berge, die dem Himmel verlobt sind.


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