Von Josef Moník

Heimat – das klingt pathetisch und es ist, wie ich festgestellt habe, nichts, was sich greifen ließe. Vlast jedinou, v dědictví mi danou, širou tu zemi, zemi jedinou, die eine Heimat, zum Erbe mir verliehen, dies weite Land, dies einzige, schrieb jener fleißige Leser der deutschen Romantiker.1 Držte se, Hanáci - Haltet euch, Hanaken, rief der österreichische Oberst Kopal bei Solferino. Und die in der Kirche St. Cyrill und Method eingeschlossenen Fallschirmjäger antworteten der Gestapo: Jsme Češi, nikdy se nevzdáme, Wir sind Tschechen, wir ergeben uns nie.

Wann immer ich durch die Straßen meiner Kindheit streife, durch die Tychonova oder die Jilemnického, ist es, als hätte sie wer gestohlen. Andere Maße, andere Luft, vielleicht hat man in meiner Abwesenheit alles niedergerissen und die ursprünglichen Häuser durch Kulissen ersetzt. Heimat – das ist ein Gefühl, eine Schichtung von Farben und Empfindungen, die Erinnerung an eine Katze, die ich auf dem Schoß hielt. Das kann ich mir wo auch immer vor Augen rufen, vielleicht stellt es sich auch von alleine ein und umschmeichelt mich wohltuend, wie der Duft des blauen Pullovers, den meine Mutter trug – der mit den Schließen. Zwar bin ich in Karlsbad geboren, doch zogen wir schon nach einem Jahr wieder zurück nach Prag; an meinem Geburtsort habe ich keine Erinnerung, und doch erkenne ich ihn. Ob er nicht schon im Mutterleib auf mich eingewirkt hat? Denn ich sehe den verschlafenen Klassiker, wie er aufbricht von dort, an einem Tag im Jahr 1780 – auf seine Italienische Reise.

Seit einer gewissen Zeit lockt mich die Fremde nicht mehr, ein Zeichen vielleicht, dass ich älter werde. Aber zu Streifzügen durch Böhmen bin ich immer bereit. Heimat, das ist in den letzten Jahren für mich der Landstrich zwischen Milevsko und Mladá Vožice. Dort gehen wir wandern, auf markierten Wegen. Petrovice, Vysoký Chlumec, Sedlčany, Sedlec-Prčice, Vrchotovy Janovice… Allein schon die schönen Namen. Obděnice. Ich liebe die böhmische Landschaft, ihren wogenden Wechsel von Wiesen, Wäldern und Feldern, mit einem Fischweiher dazwischen, einer barocken Kirche. Ein einsamer Birnbaum in der Weite, das Marterl am Wegrand stecken mir Grund und Boden ab, nicht die kalten Gipfel des Hochgebirges, aber gut zu wissen, dass es ein Meer gibt, dass Böhmen in Shakespeares Wintermärchen an dessen Gestade liegt. Diese Landschaft hat man während der Industrialisierung vergessen, auch die Raine umzupflügen hat man versäumt, und so glaubt der Wanderer sich über viele Kilometer im 19. Jahrhundert. Wie eigentlich entsteht das Gefühl: Hier bin ich zuhause, hier bin ich bei meinen Eltern und Ureltern, hier schritt der Pflüger hinter dem Pflug, hier lagerte Žižka2, der Heerführer, und spuckte Kerne ins Blinde?

Žižkas Tisch, Žižkas Eiche, die Kanzel von Hus3, Máchas Land – Heimat, das ist auch eine Fiktion. Oder aber in den Sudeten: die Gräber einer verschwundenen Kultur, der deutschen Holzarbeiter, Glasmacher und Bergleute; Heimat ist etwas Zerbrechliches, durchdringt aber alles, ist über jeder Zeit, ich kehre hierher nicht zurück, ich komme vielmehr zum ersten Mal, und doch ist es jemandes Heimat, in der Truhe auf dem Boden findet man die alten, vertrauten Noten: Die Schönheiten der klassischen Musik, das Largo von Händel, den Türkischen Marsch, das Album für Elise oder Walzer aus einem nicht existierenden Wien… seit fünfundsechzig Jahren lässt sich der Staub darauf nieder und doch ist es, als wären die Menschen erst gestern gegangen. Wer weiß, ob nicht gleich jemand neben mir hustet. Die Sprache hat vielleicht getrennt, aber Gott und Heimat haben verbunden. Hier war ein geistiges Band, die Menschen bezogen sich auf den Himmel. Goethe sagte, hier bin ich Mensch, aber das trifft es nicht ganz (inzwischen hat auch ein gewisser Drogeriemarkt sich dieses Satzes bemächtigt), denn in der Heimat kann ich auch Tier sein, will ich glücklich und schmerzlos in allem aufgehen, mit der vertrauten Umgebung verschmelzen, mich meinem Zuhause mit allen Sinnen und Nichtsinnen öffnen.

Druck und Feuchtigkeit der Luft spielen mit, die Temperatur des Bieres, die Tonart, in der die Schwalbe tiriliert. Hunderte Male habe ich Touristen auf den Hradschin begleitet, dienstlich. Die Prager Burg, ein bisschen auch käufliche Dirne – ich habe Halbwahrheiten hergesagt und dazu eine vereinfachte Fassung der Architekturgeschichte. Und wenn ich dann in der freien Zeit allein auf die Burg hinauf gehe, nur mit Olina, ist alles anders, vertraut, und doch entdecke ich stets etwas Neues. Hier hat Kosmas4 gesessen? Hier wurde Fürst Jaromír von seinem jüngeren Bruder geblendet, dessen Sohn er später zum Herrscher ausrief, hier wurde er ermordet von Angehörigen einer konkurrierenden Sippe, unter der Jahre zuvor sein älterer Bruder gewütet hatte. Warum haben die Russen von allen die größte Sehnsucht nach ihrer Heimat? Nach diesem grausamen Land, wo Ivan der Schreckliche regelmäßig eine halbe Stadt unter dem Eis der Flüsse versenkte und die Sterbenden ihn priesen bis zu ihrem letzten Atemzug. Wer übrig blieb, kroch auf allen Vieren und fraß, was die Pferde die herrscherlichen Gespanne hinter sich ließen. Ich kann nicht anders, ich nehme Heimat als etwas von Gott Gegebenes, so wie den Namen, den mir die Eltern gaben. (Ich kannte einen Karel, der mit achtzehn seinen Namen änderte auf René; wer so etwas tut, ist ein Mutant). Ich kann nicht anders, ich muss bekennen, dass ich meiner Heimat gehöre.

Ich habe Freunde, die emigriert sind, oft haben sie im Ausland Karriere gemacht. Und doch scheint ihnen irgendetwas amputiert zu sein. Dass sie glücklich sind, täuschen sie meist nicht vor, höchstens vielleicht noch zu Zeiten des alten Regimes, als die Vorteile eines Lebens im Westen offensichtlich waren. Jetzt haben wir den Westen zuhause. Aber das hat mit Heimat nicht das Geringste zu tun. Honza aus New Jersey ruft mich des Öfteren an, er ist reich, hat Erfolg, aber der Quell seines Entsetzens will nicht versiegen: 4% der Weltbevölkerung ernähren 75% aller Rechtsanwälte auf Erden! Kultur? Gibt es hier nicht, nur show business. Ein Glück noch, dass er seine Heimat mit sich genommen hat, er weiß, was das ist. Und überhaupt – Erfolg. Wer eigentlich hat sich ausgedacht, dass er so wichtig im Leben ist? Leistung, Lohnstufen, Weltranglisten, zählbare Highlights? Oskars und Pulitzerpreise. Auktionspreise, aus den Wolken gegriffen. In der Verfassung verankertes Recht auf Glück?! Seid ihr Republikaner verrückt geworden? Dazu noch das Recht auf Abtreibung.

Der tschechische Vladimir Holan sagte, dass er ein fantastisches, weil völlig bescheidenes Leben gelebt habe. Ich glaube, er war auf glückliche Weise traurig. Im Stockwerk über ihm saß Jan Werich mit seiner jovialen Philosophie und soff mit käuflichen Komödianten, die bereit waren, für jeden alles zu spielen. Die beiden mochten sich nicht. Ich glaube, Werich hat Holan beneidet. Bestimmt hat er ihn beneidet. Er wusste, dass Hej Rup!5 ein Betrug ist, dass Pragmatismus Betrug ist, dass Relativismus, Materialismus, Dialektik, dass überhaupt alles außer dem absoluten Kreuz nichts als Betrug ist. Er war kein Patriot, aber aus Amerika kam er gern zurück, dafür war ihm die Heimat gut genug, für den Erfolg. Patriot, das ist heute beinah ein Schimpfwort. Versuchen Sie es, verwenden Sie Wörter wie Patriot, Panslawist oder Pangermanist, sagen Sie, dass es hier in Tschechien viele Vietnamesen gibt… mit Heimat sollten Sie lieber vorsichtig sein, von da ist es ein sehr kleiner Schritt zum Nationalismus und Hollywood wäre passé. Toleriert wird nur ein Hockey-Patriotismus, ein Ventil, um Aggression abzulassen. Wer nicht springt, ist kein Tscheche, oder ähnlicher Schwachsinn. Wer denkt heute noch an die wirklich patriotischen Gladiatoren, die 69 für ein paar Heller und für die Heimat gespielt und die Russen geschlagen haben? Die internationale Popkultur ist eine sich horizontal ergießende fettige, kontaminierte Pfütze. Heimat ist eine starke Vertikale, die mich aufrecht hält.

Heimat ist etwas, was hier einmal war. Und wir wissen, es wird hier auch wieder sein. Denn dieses Etwas liegt außerhalb jeder linearen Zeit. Sehe ich ein paar Maulhelden6 auf dem Dorfplatz unter dem Birnbaum sitzen, dann kann ich zwischen ihnen hindurchgehen – sie sehen mich nicht. Sie rauchen, paffen Wölkchen aus langen Pfeifen, auf dem Kopf die Iltispelzmütze, dazu ein blaue Weste, gelbe Beinkleider, Spangenschuhe, Frauen mit roten Tüchern, die Arme verschränkt vor der Brust, Katzen, ein Hund, das Schwein hat einen Namen, Kinder schicken ihre Drachen in die Lüfte und Josef Lada7 schaut mit einem Auge aus Glas. Heimat – das ist Gevatter Bezoušek8, der Wassermann auf dem Weidenstumpf, Heimat – das kann auch etwas rührselig Sentimentales sein, Kitsch und dann wieder Kunst, aber letzen Endes doch immer Geborgenheit. Ich sehe ein Barockschloss abwechselnd von innen und außen, eine Kombination aus Chlumec nad Cidlinou und Vranov nad Dyjí, eine Rotundenform mit marmorner Wendeltreppe, ich eile sie hinab und lache jemanden an. Oder ich sehe die Eschenallee in den Feldern um Jičín, wo die Eltern der Mutter herstammen, sie sieht aus wie von Kosárek gemalt, von Slavíček oder Chitussi. Das feuchte, grünliche Mietshaus im Schatten, der kleine Vorgarten mit dem Holunder, an der Hand des Vaters gehe ich durch einen leeren Sommertag nach Zátory, ein Viertel von Holešovice. Heute steht hier ein Bahnhof aus Beton. Meine Heimat erscheint mir im Traum: als Ideal also existiert sie. In ihr bin ich gut, alle meine Desaster sind amnestiert, auf das irdische Treiben schaut das großzügige Auge des gemeinsamen Geistes, der in uns allen wohnt, und nicht nur im Traum, auch wenn wir uns das nur selten bewusst machen. Die Heimat ist ein Gut. Und gäbe es dieses Gut nicht – wir hätten hier nichts zu suchen, hätten hier nichts verloren. Es kann mir egal sein, wie viele galaktische Explosionen es gab und wie weit das Hubblesche Teleskop noch fliegt. Es kann mir egal sein, ob sich ein Verbindungsglied finden wird zwischen Schnabeltier und Neandertaler. Ich weiß, dass ebenjener Zufall, dass wir hier sind und sprechen, in diesem unendlichen Kosmos, ganz einfach Gott ist, dass es gut ist, Liebe – und Heimat.

Deutsch von Kristina Kallert

 

1 Das Zitat stammt aus Karel Hynek Máchas Epos Maj (1836), einem der bedeutendsten Werke der tschechischen Literatur überhaupt.

2 Jan Žižka von Trocnov oder auch Jan Žižka der Einäugige – der Text spielt darauf mit der Formulierung „ins an – war der bedeutendste Heerführer der Hussiten.

3 deutsche Namensform auch Johannes Huss (ca. 1369 -1415); katholischer Priester, Rektor der Karls-Universität und bedeutender Reformator; u.a. auf sein Wirken geht die hussitische Bewegung zurück. 1415 wurde er auf dem Konstanzer Konzil zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.

4 Kosmas von Prag (geb. um 1045, gest. 21.10. 1025) gehörte als Kanoniker dem Prager Domkapitel an und ist der erste Chronist des böhmischen Mittelalters. Seine Chronica Boemorum (1119-1125) hat das geschichtliche Bild von den Anfängen Böhmens geprägt.

5 Hej rup! [Hau ruck!] ist ein etwas plakativ optimistischer Vorkriegsfilm von Jan Werich und Jiří Voskovec, in dem sich einzelne Arbeiter und (ruinierte Fabrikanten) zusammenschließen, um sich mit vereinten Kräften gegen die „bösen“ Kapitalisten durchsetzen.

6 Der tschechische Text spricht hier von furianti und spielt damit auf das Theaterstück Naši furianti von Ladislav Stroupežnický (1850-1892) an. Im Tschechischen bezeichnet das Wort furiant nicht nur einen schnellen böhmischen Volkstanz, sondern auch einen selbstgefälligen, großsprecherischen, im Grunde jedoch gutmütigen Menschen.

7 Josef Lada (1887-1957), sehr produktiver und äußerst bekannter Kinderbuchautor und Illustrator (u.a. Josef Hašek: Der braven Soldate Schwejk); Lada hat dem Kater Mikesch geschaffen und dem tschechischen Wassermann die Gestalt gegeben, in der er weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt geworden ist.

8 Gevatter Bezoušek, tschech. Pantáta Bezoušek, ist ein Roman von Karel Václav Rais (1859-1926); der Roman wurde zweimal verfilmt (1927, 1941).


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