Von Markéta Pilátová

In Argentinien kannte ich einen Mann, der hieß Antonio und sprach mit seiner verstorbenen Mutter im Traum. Sie sprachen Tschechisch. Allerdings erst, nachdem Antonio sich, im Alter von siebzig, entschlossen hatte, diese Sprache zu lernen. Vorher hatten sie zuhause nur Spanisch gesprochen. „Damit die Kinder nicht durcheinander kommen“, wie meine tschechischen Landsleute mir erklärten. Antonio besuchte meine Tschechischstunden, damit er seiner Mutter erzählen konnte, dass er wieder geheiratet hat und an der Prostata operiert worden ist. Wollte Antonio spanisch sprechen, kam seine Mutter nicht.

Ich kannte eine Frau, die hieß Susanna. Als sie siebzig war, erkrankte sie, wie es im argentinischen Spanisch heißt, am „deutschen Alterchen“ alias Alzheimer. Vierzig Jahre hatte Susanna in Argentinien gelebt, und als sie krank wurde, sprach sie plötzlich mit keinem mehr anders als Tschechisch. Ihre Kinder und Enkel waren in Argentinien geboren; ihnen hatte sie Tschechisch nie beigebracht, damit sie in der Schule im Spanischen keine schlechten Zensuren schrieben, und nun kamen sie zu mir in den Tschechischkurs, damit sie Susanna verstehen könnten. So haben sie ihr den Weg nach Hause ermöglicht, eine Rückkehr in die Heimat. In die Heimat ihrer Sprache.

Diese Beispiele sind aus dem Lebenskontext gerissen und in das trockene Rascheln des Essaypapiers verpflanzt. Dennoch, es sind Beispiele dafür, dass der Mensch, wo immer er leben mag und sei es auch noch so lang, seine Muttersprache nicht einfach so abstreifen kann, nur damit sie der Sprache des Landes, in dem er nun lebt, nicht ins Gehege kommt. Die neue Sprache hat oftmals Vorzüge oder ist verlockender, denn, wie mir eine junge, in Brasilien ansässig gewordene Tschechin sagte: „In ihr bin ich momentan ganz ich selbst.“ Die selbstbewusste Frau, kosmopolitisch und intellektuell, arbeitet als Verlagsredakteurin und liebt das brasilianische Portugiesisch sehr: Sie spricht es nicht nur, sie schreibt in dieser Sprache philosophische Abhandlungen über Vilém Flusser. Ihrer Tochter bringt sie das Tschechische nicht bei. „Wenn ich Tschechisch spreche, bin ich sehr viel nervöser“, behauptet sie, „das wäre für sie nur verwirrend.“

Wer weiß, wie alles noch kommen wird; die Sprache lebt in unserem Unterbewusstsein viel stärker und eigensinniger als alles andere. Sie wächst in die Träume, sie schleicht sich durch Hintertürchen ins Alter ein, sie trügt und sitzt doch in den Wurzeln des Seins. Sie nährt es mit Sinn, ohne dass wir es ahnen. Und gestünden wir uns tatsächlich ein, dass Sprache die Macht hat zu bestimmen, wo wir zuhause sind, würde uns womöglich Entsetzen packen und wir würden uns fühlen wie im Gefängnis. Auch müssten wir dann an ein Schicksal glauben, daran, dass irgendwer irgendwann darüber entschieden hat, in welcher Sprache wir sprechen, will heißen: in welchem Gefängnis wir sitzen.

In Brasilien, in der Hafenstadt Porto Alegre, gibt es eine deutsche Gemeinde, deren Angehörige sich gleichermaßen als Deutschen wie Tschechen fühlen. Ihre Vorfahren haben sich noch zu österreichisch-ungarischer Zeit in Brasilien angesiedelt, heute schickt ihnen der tschechische Staat von zuhause Lehrer. Diese Menschen sehen ihre Heimat mit offenen Augen, sie möchten von neuem verstehen, was ihnen einst Eltern und Großeltern beigebracht haben. Ihre Heimat ist jenes ferne Böhmen, wo man Deutsch und Tschechisch gesprochen hat. Es ist gut, eine solche Heimat zu haben. Sie wieder zu finden, mit Hilfe der Sprache. Diese Deutschen sind zugleich stolze Brasilianer. In der Schule, auf der Straße, auf den Ämtern sprechen sie das brasilianische Portugiesisch. Zuhause Deutsch und Tschechisch. Ihre Heimat ist sehr, sehr groß, sie wölbt sich über den Ozean. Was liegt schon daran, dass Europa weit weg ist. Ihr Deutsch ist vom Ende des 19. Jahrhunderts und ihr Tschechisch bröckelt wie altes Brot. Aber ihr Sprachgefängnis ist weitaus geräumiger, es hat interkontinentale Zellen. Vielleicht sprechen die Mütter in den Träumen mit ihren Söhnen Portugiesisch und Deutsch und die Großmütter Tschechisch.

Der englische Schriftsteller Bruce Chatwin sagt, dass „die Heimat da ist, wo wir die Witze verstehen.“ Er war ein nomadisierender Autor der neuen Zeit, mit In Patagonia und Songlines hat er uns Kultbücher hinterlassen, die zwischen Reisebeschreibung und existenzialistischem Roman changieren. Sein Satz über die Heimat ist interessant – bis zu jenem Moment, wo wir überhaupt nirgends mehr einen Witz verstehen. Weder zuhause noch sonst wo. Keine Mütter erscheinen in unseren Träumen. Wir sind aus der Sprache gefallen, entlassen aus dem Gefängnis und gleiten durch den kalten Kosmos völligen Missverstehens. Scheinbar ist alles, was die anderen zu uns sagen, klar, aber der Kontext der Sprache wandelt sich so unmerklich und so rasch, dass wir zuhause plötzlich die Witze nicht mehr verstehen. Die Witze nämlich sind genau die Heimat, die wir durch Emigration oder einen längeren Weggang ins Ausland als erstes verlieren.

Deutsch von Kristina Kallert


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