Ein Dasein als Randfigur? Tantenschaft als Existenzform

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Kernfamilie. KI-generiertes Bild

Bei Tante Martl heißt es an einer Stelle: „Die Frau, die von allen, von ihren Schwestern und ihren Eltern, aber auch von Nachbarn und Bekannten zeitlebens nur Tante Martl genannt wurde, als sei Tantesein kein verwandtschaftlicher Status, sondern eine Existenzform?“[1] 

Wäre Tantenschaft tatsächlich eine Existenzform, handelte es sich bei ihr um eine, die Que(e)res zulässt und selbst que(e)r ist, die auf gegenseitige – nicht hierarchische – Hilfe baut, wie sie Rebecca Solnit vorschlägt, und die für sie „eine Form des Widerstands gegen das Patriarchat und den Kapitalismus sein [kann].“[2]

Tantenschaft als Existenzform würde auf die Erfahrung von Ausgrenzung und Außenseitertum aufbauen, sie wären gleichzeitig ihre Bedingung und ihre Konsequenz.

Und Tantenschaft als Existenzform bedeutete, diese Ambivalenz aushalten zu müssen: sich nicht zugehörig zu fühlen, aber gerade deshalb Freiheiten genießen zu können und dadurch subversiv wirken zu können.

Wenn ich Tantenschaft als Existenzform betrachte, könnte diese Existenzform nicht nur Modell stehen für ein anderes Bild von Familien und Beziehungen, sondern auch von Gesellschaft. Grundlage dafür wären neue Narrative, denen die Tantenschaft als Vorbild dienen könnte.

Dass Tanten in der Literatur seltener vorkommen als Mütter, liegt der Literaturwissenschaftlerin Annette Keck zufolge daran, dass die Tante lediglich eine seitliche Position im Familiengefüge einnimmt. Während Kinder, Eltern und Großeltern in einem verwandtschaftlichen Verhältnis gerader Linie stehen, spricht man bei Geschwistern, Cousinen und Cousins, Tanten und Onkeln, Neffen und Nichten von „Seitenverwandtschaft“[3]. In ihrem Aufsatz über die Farce Charleys Tante schreibt Annette Keck: „Während die Figur der Mutter in der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, blieb die Figur der Tante außen vor. Das hat einen Grund, führt die Tante doch – von der Komödie abgesehen – ein Dasein als Randfigur, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Erstens ist sie nicht Teil der Klein- oder Kernfamilie, sondern gehört zum erweiterten Verwandtenkreis respektive zur Sippe. Zweitens steht sie meist außerhalb der reproduktiven Ordnung, oft genug ist ihre verwandtschaftliche Bedeutung allein ökonomischer Natur.“[4]

Dass seitenverwandtschaftliche Verhältnisse nicht unter dem Druck der Reproduktion und der Weitergabe des Erbguts oder des Familiennamens stehen, bedeutet auch eine gewisse Freiheit und Unabhängigkeit – sowohl für die Tanten und Onkel, als auch für deren Neffen und Nichten. Die Literaturwissenschaftlerin Ulrike Vedder bringt in diesem Zusammenhang die Erbtante ins Spiel, die in der Literatur des 19. Jahrhunderts auftaucht und ihren Neffen und Nichten durch unvorhergesehene Erbschaften den „ersehnten individuellen Weg an deren (Über-)Vätern vorbei eröffnen“[5] kann. Es gibt zwar einen Generationenunterschied zwischen der Tante und ihren Neffen und Nichten, weshalb sie eine Vorbildfunktion einnehmen kann, aber Neffen und Nichten sind keine direkten Nachkommen. Die Beziehung zwischen der Tante und ihren Neffen und Nichten würde ich mit Blick auf die Darstellung im Stammbaum deshalb als „schräg“ bezeichnen. Wortwörtlich genommen ist die Tante damit für das Aufzeigen der „schrägen“ Lebensentwürfe jenseits der geraden Linien zuständig.

Neuen Narrativen von Familie könnten genau solche schrägen Lebensentwürfe zu Grunde liegen. Und diese Narrative sind notwendig, wenn sich andere gemeinschaftliche Konzepte als das auf Ausschluss basierende Modell der Kernfamilie weiterentwickeln sollen. Dass die Vorstellung von Familie nicht in Stein gemeißelt ist, zeigt ihre Definition als „imaginäre Institution“[6], wie sie das LMU-Graduiertenkolleg „Family Matters“ vornimmt. Wenn „Verwandtschaft … etwas Prozesshaftes ist und als kulturelles und soziales Konstrukt aus Benennungen und Praktiken gedacht wird“[7], kommt zum einen den Beziehungen Bedeutung zu, die wir selbst schaffen und aufbauen, zum anderen unseren Erzählungen davon.

Für den Aufbau solcher Beziehungen braucht es zunächst die Bereitschaft aller Beteiligten diese einzugehen. Das wurde mir spätestens letzten Sommer bewusst, als sich mein Urlaub und der meiner Schwester so überschnitten, dass ich meinen Neffen zum ersten Mal sechs Wochen lang nicht sah. Er fehlte mir sehr – vielleicht auch deshalb, weil sich die Sehnsucht einseitig anfühlte. Ich war mir nicht sicher, wie sich in dem Zeitverständnis von Kleinkindern ein paar Tage von ein paar Wochen unterschieden. Aber als es dann endlich so weit war, und ich das erste Mal nach unseren Urlauben zu meiner Schwester fuhr, erwartete mich mein Neffe schon ungeduldig und mit ausgebreiteten Armen an der Haustür und sagte, dass wir uns schon lang nicht mehr gesehen hätten.

Die Verbindung, die in den letzten knapp vier Jahren zwischen uns entstanden war, hatte nichts mehr zu tun mit dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen einem Baby und einer erwachsenen Person, die das Fläschchen gibt. Und sie war auch nicht nur noch das Produkt meiner Entscheidung, die Tantenschaft anzunehmen und auszuleben. Ausschlaggebend dafür war ebenfalls die Bereitschaft meines Neffen, diese Beziehung überhaupt einzugehen.

Neben den Menschen, die sich auf die Beziehungen einlassen, erfordern diese vor allem Zeit und Ausdauer. Es gibt Durststrecken und viele Wiederholungen – wenn beispielsweise ein Bauklötzchenturm zum hundertsten Mal wieder aufgebaut werden muss, nur damit er danach wieder umgeschmissen werden kann. Erzählungen davon sind vermeintlich eintönig und langweilig. Doch die Autorin Ursula Le Guin plädiert in ihrer Tragetaschentheorie für ein Erzählen von genau diesen Geschichten, die eben nicht die Held*innen, die mit dem Speer auf Jagd gehen, in den Mittelpunkt stellen, sondern stattdessen die Sammler*innen, deren wichtigstes Werkzeug ein Behältnis – die Tragetasche – ist. Für Le Guin stellt der Roman eine solche Tragetasche dar, die vollgepackt ist „mit Weicheiern und Tollpatschen, mit winzigen Samen von Dingen, die kleiner als Senfkörner sind, mit filigran gewirkten Netzen, die, wenn sie mühevoll entknotet werden, den Blick auf einen blauen Kiesel freigeben [usw.].“[8]

Bei den Dingen, die Le Guin aufzählt, handelt es sich definitiv nicht um die klassischen Materialien und Figuren, aus denen Held*innen-Geschichten geknüpft sind. Vielmehr gehören sie zu dem leicht zu Übersehenden und dem Geschehen an den Rändern, zu dem, was auf den ersten Blick als nicht berichtenswert erscheint. Auch die Geschichten von intergenerationalen Bindungen und gegenseitiger Hilfe, von Tanten und Tantenschaft würde ich dazu rechnen. Doch genau von diesen Dingen muss erzählt werden, um neue Narrative zu schaffen.

Wie wir neben den Erzählungen von romantischer Liebe Erzählungen von Freund*innenschaft benötigen, braucht es neben den Erzählungen von Mutterschaft auch Erzählungen von Tantenschaft und mehr Tantenfiguren. Und es braucht neue Erzählungen von Familien-, Beziehungs- und Gesellschaftsmodellen, denen die Tantenschaft als Vorbild dient, um den Blick auf die Randbereiche zu lenken und dadurch diese Narrative zu erweitern, zu ändern und zu erneuern.

 

[1] Ursula März: Tante Martl, München: Piper 2019, S. 15.

[2] Rebecca Solnit: „Aufrührerische Tanten“, in: Umwege. Essays für schwieriges Terrain, aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Hamburg: Rowohlt 2025, S. 68.

[4] Annette Keck: „‚From Brazil where the nuts come from‘: Zur komischen Entstellung des Familialen mit Charleys Tante“, in: Figurationen 26, 1 (2025), S. 64-80.

[5] Ulrike Vedder: „Literatur der Seitenverwandtschaft: Diderots Nichten und Neffen in der Gegenwartsliteratur“, in: undisciplined thinking, 3/2020, S. 12.

[7] Ulrike Vedder: „Literatur der Seitenverwandtschaft: Diderots Nichten und Neffen in der Gegenwartsliteratur“, in: undisciplined thinking, 3/2020, S. 14.

[8] Ursula Le Guin: „Die Tragetaschentheorie des Erzählens“, in: Am Anfang war der Beutel. Warum uns Fortschritts-Utopien an den Rand des Abgrunds führten und wie Denken in Rundungen die Grundlage für gutes Leben schafft, aus dem Englischen von Matthias Fersterer, Klein Jasedow: thinkOya 2020.

Verfasst von: Christina Madenach