Queerness und Freund*innenschaft: Tante Alles

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Christina Madenach. © Christina Madenach

Im Gegensatz zu Martl, Tony und Anahita handelt es sich bei Tante Alles nicht um eine konkrete Figur. Vielmehr findet in Ricardas Kiels Lyrik- und Essayband mit diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem Konzept von Tantenschaft statt. Hierin finden sich Kontinuitäten: die Tante als Archetyp der Nicht-Mutter („Tante zündet Tische an // Tante ist die andere Seite von Mutter“) und die gleichzeitige Dekonstruktion dieses Archetyps („Tanten beobachten Mütter und ergänzen sie // damit niemand alleine perfekt sein muss / brechen wir die Verantwortung wie ein sehr krümeliges Brot / ein kilometerlanges Brot.“)[1] sowie die Ambivalenz der Tante in ihrem einerseits empfundenen – oder von der Gesellschaft suggerierten – Ungenügen („und sagst du der Tante Danke / Danke / und Tante sein / heißt manchmal nur / Ausläuferwelle des Muttersturms sein“[2]) und andererseits in der in dieser Rolle erlebten Freiheit („Ich lebe im Moment sehr gut mit der Vorstellung, kindfrei zu bleiben. Die weirde Tante zu sein, und ansonsten zu dingen und dongen wie es mir beliebt.“[3]).

Ein weiterer Aspekt von Tantenschaft, dem Ricardas Kiel nachgeht, ist die Queerness von Tanten. Auf Kiels Website ist die Tante u. a. als „mega queer“[4] definiert und in einem der Gedichte heißt es: „und eine Weile danach / gebar ich mich selber neu / ich bin jetzt eine männliche Tante / und ein weiblicher Onkel / und eigentlich ein Mond / der jede Nacht woanders aufgeht“.[5]

Auch wenn man die Tante auf Grund ihres biologischen Geschlechts zunächst in die Kategorie des Weiblichen einordnen würde und ihr männliches Pendant der Onkel wäre, spielt dies in der Beziehung zu ihren Neffen und Nichten eine untergeordnete Rolle. Denn im Gegensatz zu den Eltern verbindet die Tante mit ihren Neffen und Nichten kein reproduktiver Akt im biologischen Sinne. Außerdem steht sie im Gegensatz zu den Eltern und Großeltern ihren Neffen und Nichten nicht unbedingt als Teil eines binären Paars gegenüber. Bei der alleinstehenden Tante gibt es diesen anderen Teil nicht und bei der Tante mit Partner*in, ist diese*r im Gegensatz zu ihr nicht verwandt mit den Neffen und Nichten – anders als bei Eltern und Großeltern im heteronormativen Kernfamilienkonzept. Damit repräsentiert die Tante sowohl die weiblichen als auch männlichen Aspekte gegenüber ihren Neffen und Nichten und vereinigt diese in sich.

Bei Tante Martl wird diese Vereinigung im wortwörtlichen Sinne und mit einer gewissen Brutalität vollzogen. Weil sich der Vater von Martl nach zwei Töchtern einen Sohn gewünscht hat, unterläuft ihm bei der amtlichen Eintragung ein anscheinend nicht ganz versehentlicher Fehler: Statt des Namens „Martina“ gibt er den Namen „Martin“ und als Geschlecht männlich an und berichtigt beides erst nach einer Woche. Und auch im weiteren Roman ist Martl als Figur charakterisiert, die sich von den typischen Attributen des Weiblichen abgrenzt, und in der Beschreibung ihres Äußeren spricht ihre Nichte von „Martls neutralisierter Weiblichkeit“[6].

Die Queerness von Tanten könnte auch in einem erweiterten Verständnis von Queerness liegen. Die Autorin Maggie Nelson verweist auf dieses in ihrer Interpretation einer der wichtigsten Theoretikerinnen der Queer-Theorie: „Eve Kosofsky Sedgwick wollte ›queer‹ für Formen des Widerstands, für Brüche, für alle möglichen Dinge, die nicht zusammen passen, öffnen, die wenig oder gar nichts mit sexueller Orientierung zu tun haben.“[7] Die Gefahr, dass mit dieser Auslegung von Queerness eine Auflösung des Begriffs in seinem engsten Sinne einhergehen könnte, erkannte Sedgwick, doch für Nelson versucht sie mit ihrer Auslegung trotzdem, beide Bedeutungen von Queerness zu stärken. In diesem erweiterten Verständnis könnte die Tante im Hinblick auf ihre Position zwischen Mutter und Nicht-Mutter, in ihrer Ambivalenz zwischen Ausgrenzung und Freiheit und in ihrer Widerständigkeit gegenüber gesellschaftlichen Normen ebenfalls als eine queere Figur betrachtet werden.

Auch die Geschichte des Begriffes „queer“ ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Zunächst als Schimpfwort für Menschen verwendet, die von der heterosexuellen Norm abwichen, wird er seit den 1990er-Jahren als Selbstbezeichnung benutzt und ist damit ein gutes Beispiel für die Aneignung eines ursprünglich abwertend gemeinten Begriffs – auch wenn die Geschichte eines Begriffs immer in ihm mitschwingt und mit neuen Bedeutungen wieder neue Ausschlüsse stattfinden können.[8]

Wortwörtlich ins Deutsche übersetzt, bedeutet „queer“ u.a. „seltsam“ oder „schräg“. Das Seltsame und Schräge schwingt auch in dem Begriff der „komischen Tante“ mit. Und während Martl und Tony noch durch die Gesellschaft als „komische Tanten“ im negativen Sinne verurteilt werden und Anahita der Gesellschaft diese Zuschreibung zumindest unterstellt, ermächtigt sich Tante Alles selbst, indem sie den Begriff für sich neu bewertet und als positive Eigenbezeichnung in der englischen Entsprechung als „weirde Tante“ verwendet.

Eine weitere Selbstermächtigung vollzieht Tante Alles durch die Verwendung des Tantenbegriffs jenseits der verwandtschaftlichen Beziehungen. Statt der „Kindergartentante“ oder der „komischen Tante“ geht es hier um Tantenschaft durch freundschaftliche Bindung. Dadurch rückt Tante Alles die Verwendung des Begriffs der Tante in nicht-verwandtschaftlichen Kontexten in ein positives Licht.

Da Martl, Tony, Anahita und Tante Alles Teil einer Gesellschaft sind, die wie die meisten „westlichen“ Kulturen einen sehr engen Begriff von Verwandtschaft hat, habe ich auch die Tante zunächst als verwandtschaftliche Position gelesen. Dass das nicht die Regel sein muss, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun: „Man ist gewohnt, unter Verwandtschaft Blutsverwandtschaft zu verstehen. Das ist jedoch ein Spezifikum der westlichen Gesellschaft. Die Mehrheit der Menschen auf der Welt geht nicht davon aus, dass sich Verwandtschaft durch Blutsbande konstituiert. Sie wird nach ganz anderen Merkmalen definiert: gemeinsames Wohnen, die Nahrung teilen, sich von demselben Boden ernähren, zusammen arbeiten, miteinander leiden, Erinnerungen teilen, für einander Verantwortung übernehmen.“[9]

In der „westlichen“ Kultur kommt dem die christliche Tradition der Taufpatin / Patentante nahe, die nicht unbedingt verwandt sein muss und deren Aufgabe es ist, ihre Patenkinder in ihrer religiösen, aber auch sonstigen Entwicklung zu begleiten. Inzwischen ist das Amt der Patentante auch nicht mehr unbedingt an die christliche Religion geknüpft. Als eine Freundin mich fragte, ob ich die Patin ihrer Tochter werden wolle, ging es weder um die Funktion im Rahmen einer Taufe, noch wurde sie in sonstiger Weise verschriftlicht oder durch ein Ritual bezeugt. Ich selbst sehe mich als Begleiterin der Entwicklung meiner Patentochter – ähnlich dem ursprünglichen Sinn der Patenschaft, ohne den religiösen Aspekt – und als ein die Eltern ergänzendes Vorbild – ähnlich meiner Funktion als blutsverwandte Tante meines Neffen.

Als dieser mit drei Jahren damit aufhörte, mich „Tante Tina“ zu nennen, war ich zunächst ein bisschen traurig darüber. Aber vielleicht war das auch der Moment, in dem ich erstmals selbst über meine Tantenschaft bestimmen konnte. Denn als mir meine Schwester in dem ersten Corona-Frühling von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte, hatte ich mich zwar sehr darüber gefreut, Tante zu werden. Aber wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich auch nichts daran ändern können. Sowohl mein verwandtschaftlicher Status als Tante als auch, dass ihr Sohn mich so nannte, sind Konsequenzen von Entscheidungen meiner Schwester gewesen.

Seitdem mich mein Neffe nur noch mit Vornamen anredet und damit unsere verwandtschaftliche Bindung zumindest begrifflich keine Rolle mehr spielt, hat sich auch mein Verständnis unserer Beziehung geweitet. Sie ist nicht länger nur das Produkt einer Entscheidung meiner Schwester, sondern das, was ich daraus mache. Unsere verwandtschaftliche Beziehung scheint dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Viel wichtiger dafür sind stattdessen gemeinsame Zeit, eine gewisse örtliche Nähe und mein enges Verhältnis zu meinen Schwestern, das so nicht unbedingt selbstverständlich ist Denn Blutsverwandtschaft bedeutet nicht immer automatisch eine gute Beziehung. Im Gegenteil: Sie kann sich auch kontraproduktiv auf diese auswirken, da Verwandte im Gegensatz zu Freund*innen nicht selbst gewählt sind.

Nach meiner anfänglichen Enttäuschung genieße ich jetzt die Freiheit, die in der Gestaltung der Beziehung zu meinem Neffen jenseits der verwandtschaftlichen Zuschreibungen liegt. Denn im Gegensatz zu den Eltern bin ich als Tante weniger auf ein bestimmtes Rollenverständnis festgenagelt. Diese werden meistens lebenslang mit „Mama“ und „Papa“ angesprochen – wodurch die Kinder in gewisser Weise auch immer die Kinder bleiben, selbst wenn sie längst eigene Kinder haben sollten.

 

[1] Beide Zitate aus: Ricarda Kiel: „Krähen sind deshalb so klug weil sie Tanten haben die ihnen Nüsse finden“ in: Tante Alles, München: hochroth 2022.

[2] Ricarda Kiel: „eine grüne Flagge um den Neid zu markieren der mir nicht passt“ in: Tante Alles, München: hochroth 2022.

[3] Ricarda Kiel: „die kleine Neugeburt“ in: Tante Alles, München: hochroth 2022.

[5] Ricarda Kiel: „Standortbestimmung eines Monds“ in: Tante Alles, München: hochroth 2022.

[6] Ursula März: Tante Martl, München: Piper 2019, S. 53.

[7] Maggie Nelson: Die Argonauten, aus dem Englischen von Jan Wilm, München: Hanser 2017, S. 39.

[8] Vgl. Anna Babka, Gerald Posselt: Gender und Dekonstruktion, 2. Auflage, Stuttgart: utb 2024, S. 90f.

[9] Christina von Braun: Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte, Berlin: aufbau 2018, S. 27.

Verfasst von: Christina Madenach