Tantenglück: Tante Anahita
Eine deutlich jüngere Tante ist die in den 1980er-Jahren geborene Anahita aus dem Roman Glück von Jackie Thomae, der um die 2020er-Jahre spielt. Wie Martl hat sie keine eigenen Kinder, wie Tony ist sie geschiedener Single, wie beide ist sie Tante. Damit genügt sie in ihrer Selbstwahrnehmung den Anforderungen an eine Politikerin, insbesondere in dem Amt als Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, nicht. Anahita geht davon aus, dass ihr Lebensentwurf von der öffentlichen Meinung verurteilt wird, die sie folgendermaßen einschätzt: „Leute, die allein leben, sind verdächtig. Oder bemitleidenswert. Waren sie schon immer. Kein Ende in Sicht. Profifußballer und Formel-I-Piloten fahren besser, wenn sie nicht schwul sind, Politiker sind besser nicht Single. Es sei denn, sie haben Kinder.“[1]
Während die Lebensmodelle von Martl und Tony in den Augen der Gesellschaft als gescheitert gelten, ist es in Glück Anahita selbst, die der Gesellschaft diesen Blick auf ihren eigenen Lebensentwurf zuschreibt. Obwohl sich niemand konkret dazu äußert, empfindet Anahita einen subtilen Druck. Dafür reichen schon Situationen aus, in denen sie die Ausnahme einer scheinbaren oder tatsächlichen gesellschaftlichen Normalität bildet, wie ich sie z.B. bereits bei Hochzeiten erlebt habe. Das beginnt mit der Einladung, die immer für meinen Partner und mich gelten – völlig unabhängig davon, ob wir beide oder nur einer von uns mit dem Paar befreundet ist. Bei Hochzeiten, zu denen ich allein gegangen bin, befand ich mich dann auch häufig mit ein paar Singles in der Minderheit. Es ist mir dabei schon passiert, dass wir alle zusammen an einem Tisch platziert wurden, als wäre unser Erscheinen ohne Partner*innen das hauptsächliche Kategorisierungsmerkmal.
Bei Hochzeiten oder ähnlichen gesellschaftlichen Anlässen ist die Frage nach der Familie ein häufiges Smalltalk Thema. Legitim scheint es dann über den*die Partner*in und eigene Kinder zu sprechen. Von Freund*innen oder meinem Neffen zu erzählen, wäre unpassend. Noch seltsamer wäre es, beim gemeinsamen Betrachten von Bildern der Kinder der anderen Fotos von meinem Neffen auf meinem Handy zu zeigen.
Auch wenn in diesen Situationen der Ausschluss nicht beabsichtigt ist, genügt es schon, kein Teil der vermeintlichen gesellschaftlichen Normalität zu sein, um das Gefühl von Außenseitertum in mir hervorzurufen. Verbunden ist das für mich mit Scham, als sei ich selbst schuld, weil ich es nicht geschafft habe dazuzugehören – selbst, wenn ich das gar nicht unbedingt wollte
Anahita fühlt sich einerseits ebenfalls von der Meinung der Gesellschaft extrem verunsichert, andererseits ist sie wie Martl und Tony als zielstrebiger Charakter mit Durchsetzungsvermögen gezeichnet. Während sich Martls und Tonys Ambivalenz durch die gesamten jeweiligen Romane zieht, macht Anahita eine Entwicklung durch. Ihre Versagensängste zu Beginn weichen von ihr, als sie am Ende nicht nur ihr Karriereziel als Abgeordnete im Europaparlament erreicht, sondern sich in Brüssel auch endlich mit ihrer familiären Situation wohlfühlt.
Diese neue Zufriedenheit geht einher mit Anahitas Ausleben ihrer Tantenschaft – eine Position, die zuvor keine wichtige Rolle für sie gespielt hatte. Das letzte Kapitel – mit dem bezeichnenden Titel „Glück“ – beginnt mit einer Abschiedsszene zwischen Anahita und ihrer 14-jährigen Nichte Ava nach einem Besuch Avas in Brüssel. Über die Intensivierung ihrer Beziehung freut sich nicht nur die Nichte, sondern auch deren Eltern – Anahitas Bruder und ihre Schwägerin –, die dieser ihre Tochter gern anvertrauen. Und Anahitas Tantenglück ist in gewisser Hinsicht sogar ein doppeltes: Sie verbringt gern Zeit mit ihrer Nichte und betrachtet sie als einen Teil ihres Lebens, gleichzeitig genießt sie es, wenn Ava zurück nach Berlin fährt und sie ihren eigenen Lebensstil wieder aufnehmen kann.
Wenn ich Zeit mit meinem Neffen verbringe, kommt das ebenfalls allen zugute: meinem Neffen, meiner Schwester und ihrem Mann, mir. Und wir tun uns auch alle gleichermaßen einen Gefallen damit: ich meiner Schwester, indem ich auf meinen Neffen aufpasse; sie mir, indem sie ihn mir anvertraut; wir beide ihrem Sohn, indem er eine Person hat, die sich jenseits von Job und Haushalt ein paar Stunden lang nur auf ihn konzentriert, sich mit ihm in Schlammpfützen suhlt oder auf dem Bauch durch den Sand robbt. Wir geben und nehmen alle gleichermaßen.
In dem Essay „Aufrührerische Tanten“ vertritt Rebecca Solnit die These, dass es sich bei Tantenschaft um eine Form gegenseitiger Hilfe handelt. Sie verweist dabei auf den „Auntie Sewing Squad“, einer Gruppe von Frauen, die während der Pandemie Stoffmasken nähte und gefährdeten Menschen zur Verfügung stellte. Gleichzeitig bildete sich dadurch eine neue Gemeinschaft, in der sich die Beteiligten gegenseitig unterstützten. Für Rebecca Solnit ist das ein vorbildhaftes Beispiel von Hilfe, die nicht vertikal von oben nach unten geleistet wird, sondern die durch ein vernetztes Zusammenarbeiten auf horizontaler Ebene entsteht. Während für sie die Kernfamilie mit ihren linearen Strukturen und ihrer Ausrichtung auf den Patriarchen sinnbildlich für die vertikale Hilfe steht, erkennt sie in der Tante, die sie außerhalb dieser Linearität verordnet, eine Vertreterin der horizontalen Ebene. Nach Solnit ist die gegenseitige / gemeinsame Hilfe „das Kreislaufsystem, das Gemeingut und gemeinschaftliches Arbeiten. Sie steckt dahinter, wenn die Geste einer Tante altruistisch, da einseitig, zu sein scheint, in einem weiteren Sinn aber gegenseitig/gemeinsam ist.“[2]
Das Konzept von Tantenschaft könnte als Vorbild für ein ganzes Netzwerk von freundschaftlichen, intergenerationalen Bindungen und gegenseitiger Hilfe dienen, das auf eine solidarische Gemeinschaft statt auf das exklusive Modell der Kernfamilie setzt.
[1] Jackie Thomae: Glück, Berlin: Claassen 2024, S. 53.
[2] Rebecca Solnit: „Aufrührerische Tanten“, in: Umwege. Essays für schwieriges Terrain, aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Hamburg: Rowohlt 2025, S. 88.
Weitere Kapitel:
Eine deutlich jüngere Tante ist die in den 1980er-Jahren geborene Anahita aus dem Roman Glück von Jackie Thomae, der um die 2020er-Jahre spielt. Wie Martl hat sie keine eigenen Kinder, wie Tony ist sie geschiedener Single, wie beide ist sie Tante. Damit genügt sie in ihrer Selbstwahrnehmung den Anforderungen an eine Politikerin, insbesondere in dem Amt als Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, nicht. Anahita geht davon aus, dass ihr Lebensentwurf von der öffentlichen Meinung verurteilt wird, die sie folgendermaßen einschätzt: „Leute, die allein leben, sind verdächtig. Oder bemitleidenswert. Waren sie schon immer. Kein Ende in Sicht. Profifußballer und Formel-I-Piloten fahren besser, wenn sie nicht schwul sind, Politiker sind besser nicht Single. Es sei denn, sie haben Kinder.“[1]
Während die Lebensmodelle von Martl und Tony in den Augen der Gesellschaft als gescheitert gelten, ist es in Glück Anahita selbst, die der Gesellschaft diesen Blick auf ihren eigenen Lebensentwurf zuschreibt. Obwohl sich niemand konkret dazu äußert, empfindet Anahita einen subtilen Druck. Dafür reichen schon Situationen aus, in denen sie die Ausnahme einer scheinbaren oder tatsächlichen gesellschaftlichen Normalität bildet, wie ich sie z.B. bereits bei Hochzeiten erlebt habe. Das beginnt mit der Einladung, die immer für meinen Partner und mich gelten – völlig unabhängig davon, ob wir beide oder nur einer von uns mit dem Paar befreundet ist. Bei Hochzeiten, zu denen ich allein gegangen bin, befand ich mich dann auch häufig mit ein paar Singles in der Minderheit. Es ist mir dabei schon passiert, dass wir alle zusammen an einem Tisch platziert wurden, als wäre unser Erscheinen ohne Partner*innen das hauptsächliche Kategorisierungsmerkmal.
Bei Hochzeiten oder ähnlichen gesellschaftlichen Anlässen ist die Frage nach der Familie ein häufiges Smalltalk Thema. Legitim scheint es dann über den*die Partner*in und eigene Kinder zu sprechen. Von Freund*innen oder meinem Neffen zu erzählen, wäre unpassend. Noch seltsamer wäre es, beim gemeinsamen Betrachten von Bildern der Kinder der anderen Fotos von meinem Neffen auf meinem Handy zu zeigen.
Auch wenn in diesen Situationen der Ausschluss nicht beabsichtigt ist, genügt es schon, kein Teil der vermeintlichen gesellschaftlichen Normalität zu sein, um das Gefühl von Außenseitertum in mir hervorzurufen. Verbunden ist das für mich mit Scham, als sei ich selbst schuld, weil ich es nicht geschafft habe dazuzugehören – selbst, wenn ich das gar nicht unbedingt wollte
Anahita fühlt sich einerseits ebenfalls von der Meinung der Gesellschaft extrem verunsichert, andererseits ist sie wie Martl und Tony als zielstrebiger Charakter mit Durchsetzungsvermögen gezeichnet. Während sich Martls und Tonys Ambivalenz durch die gesamten jeweiligen Romane zieht, macht Anahita eine Entwicklung durch. Ihre Versagensängste zu Beginn weichen von ihr, als sie am Ende nicht nur ihr Karriereziel als Abgeordnete im Europaparlament erreicht, sondern sich in Brüssel auch endlich mit ihrer familiären Situation wohlfühlt.
Diese neue Zufriedenheit geht einher mit Anahitas Ausleben ihrer Tantenschaft – eine Position, die zuvor keine wichtige Rolle für sie gespielt hatte. Das letzte Kapitel – mit dem bezeichnenden Titel „Glück“ – beginnt mit einer Abschiedsszene zwischen Anahita und ihrer 14-jährigen Nichte Ava nach einem Besuch Avas in Brüssel. Über die Intensivierung ihrer Beziehung freut sich nicht nur die Nichte, sondern auch deren Eltern – Anahitas Bruder und ihre Schwägerin –, die dieser ihre Tochter gern anvertrauen. Und Anahitas Tantenglück ist in gewisser Hinsicht sogar ein doppeltes: Sie verbringt gern Zeit mit ihrer Nichte und betrachtet sie als einen Teil ihres Lebens, gleichzeitig genießt sie es, wenn Ava zurück nach Berlin fährt und sie ihren eigenen Lebensstil wieder aufnehmen kann.
Wenn ich Zeit mit meinem Neffen verbringe, kommt das ebenfalls allen zugute: meinem Neffen, meiner Schwester und ihrem Mann, mir. Und wir tun uns auch alle gleichermaßen einen Gefallen damit: ich meiner Schwester, indem ich auf meinen Neffen aufpasse; sie mir, indem sie ihn mir anvertraut; wir beide ihrem Sohn, indem er eine Person hat, die sich jenseits von Job und Haushalt ein paar Stunden lang nur auf ihn konzentriert, sich mit ihm in Schlammpfützen suhlt oder auf dem Bauch durch den Sand robbt. Wir geben und nehmen alle gleichermaßen.
In dem Essay „Aufrührerische Tanten“ vertritt Rebecca Solnit die These, dass es sich bei Tantenschaft um eine Form gegenseitiger Hilfe handelt. Sie verweist dabei auf den „Auntie Sewing Squad“, einer Gruppe von Frauen, die während der Pandemie Stoffmasken nähte und gefährdeten Menschen zur Verfügung stellte. Gleichzeitig bildete sich dadurch eine neue Gemeinschaft, in der sich die Beteiligten gegenseitig unterstützten. Für Rebecca Solnit ist das ein vorbildhaftes Beispiel von Hilfe, die nicht vertikal von oben nach unten geleistet wird, sondern die durch ein vernetztes Zusammenarbeiten auf horizontaler Ebene entsteht. Während für sie die Kernfamilie mit ihren linearen Strukturen und ihrer Ausrichtung auf den Patriarchen sinnbildlich für die vertikale Hilfe steht, erkennt sie in der Tante, die sie außerhalb dieser Linearität verordnet, eine Vertreterin der horizontalen Ebene. Nach Solnit ist die gegenseitige / gemeinsame Hilfe „das Kreislaufsystem, das Gemeingut und gemeinschaftliches Arbeiten. Sie steckt dahinter, wenn die Geste einer Tante altruistisch, da einseitig, zu sein scheint, in einem weiteren Sinn aber gegenseitig/gemeinsam ist.“[2]
Das Konzept von Tantenschaft könnte als Vorbild für ein ganzes Netzwerk von freundschaftlichen, intergenerationalen Bindungen und gegenseitiger Hilfe dienen, das auf eine solidarische Gemeinschaft statt auf das exklusive Modell der Kernfamilie setzt.
[1] Jackie Thomae: Glück, Berlin: Claassen 2024, S. 53.
[2] Rebecca Solnit: „Aufrührerische Tanten“, in: Umwege. Essays für schwieriges Terrain, aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Hamburg: Rowohlt 2025, S. 88.
