Mutterinstinkte: Tante Tony
Das Geschehen der Buddenbrooks von Thomas Mann ist im 19. Jahrhundert angesiedelt, zu einer Zeit, in der im Bürgertum ebenfalls das Kernfamilienmodell dominierte, und auch Tonys Figur ähnelt in gewisser Weise der von Martl. Der nach ihren Scheidungen zunächst wieder im Elternhaus und später bei ihrer Tochter wohnenden Tony wird nicht die gleiche gesellschaftliche Anerkennung gezollt wie verheirateten Frauen. Wegen ihrer kindlichen Art und Neigung, schnell in Tränen auszubrechen, wird Tony vom allwissenden Erzähler und ihrem älteren Bruder Thomas sogar Unmündigkeit unterstellt.
Doch wie Martls Darstellung ist auch die von Tony ambivalent. Für mich ist sie trotz der gesellschaftlichen Missachtung auf Grund ihrer Scheidungen die stärkste und schillerndste Figur des Romans. Sie ist diejenige, die im Hintergrund die politischen und geschäftlichen Strippen zieht, um den Fortbestand und das Wachstum der Firma positiv zu beeinflussen. Selbst ihren Ehen und den darauffolgenden Scheidungen ist sie nicht ausgeliefert, sondern entscheidet sich aktiv für bzw. gegen ihre Ehemänner. Und am Ende ist Tony neben ihrem jüngeren Bruder, der sein Dasein aber in einer Nervenklinik fristet, die einzige der Familie, die überlebt.
Neben der Ambivalenz zeigt der Roman einen weiteren Aspekt von Tantenschaft auf, denn bei Tony handelt es sich um eine mütterliche Tante. Dafür spielt weniger die Beziehung zu ihrer eigenen Tochter eine Rolle als die als sehr eng beschriebene zu ihrem Neffen Hanno. In der letzten Szene des Romans versammeln sich die Hinterbliebenen in ihrer Trauer um den an Typhus verstorbenen Hanno. Darunter befindet sich Tony, die in Anwesenheit von Hannos Mutter Gerda schluchzt: „Ich habe ihn so geliebt … Ihr wißt nicht, wie sehr ich ihn geliebt habe … mehr als ihr Alle … ja, verzeih, Gerda, du bist die Mutter … Ach, er war ein Engel …“.[1]
Tonys Figur ist zwar insgesamt emotionaler als Gerdas gezeichnet, doch an dieser Stelle behauptet sie sogar, Hanno mehr als seine Mutter geliebt zu haben und begründet damit ihr Leid. Aber stehen einer Tante solche Gefühle überhaupt zu oder dürften eigentlich nur Eltern dieses Maß an Liebe und Sorge für ihr Kind empfinden?
In Leslie Jamisons Essay „Tochter eines Geists“ geht es zwar nicht um Tanten, sondern um Stiefmütter, trotzdem ist er für diese Frage aufschlussreich. Leslie Jamison zieht den Vergleich zu Märchen-Stiefmüttern, in denen sie den Archetyp der bösen Mutter erkennt. Dabei vereinigt nach Jamison dieser Archetyp der Stiefmutter jedoch nur negative Merkmale in sich, „die in jeder Mutter stecken: in der Komplexität ihrer Gefühle dem Kind gegenüber und in der Komplexität der Gefühle ihres Kindes für sie.“[2]
Im Gegensatz zur Figur der Stiefmutter wird die der Tante zwar seltener als bösartig entworfen – mit Ausnahmen, wie beispielsweise der Aunt Petunia in Harry Potter –, doch analog zum Archetyp der Stiefmutter als böser Mutter könnte der Archetyp der Tante die Nicht-Mutter sein. Die Funktion von Müttern und Tanten in der Gesellschaft und ihre Darstellung in Texten suggeriert zumindest, dass es sich bei ihnen um zwei Pole handelt. Und damit werden einerseits Müttern die nicht-mütterlichen Gefühle abgesprochen und andererseits Tanten die Mutterinstinkte (bzw. Elterninstinkte).
Aber wenn nach Leslie Jamison der Archetyp der Stiefmutter alle negativen Eigenschaften und Empfindungen in sich vereint, die in Müttern stecken, könnte es sich dann nicht genauso beim Archetyp der Tante verhalten, indem in ihn alle nicht-mütterlichen Gefühle ausgelagert werden, die doch jede Mutter kennt? Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass Mütter sich sehr wohl nicht immer als Mütter fühlen und Tanten eben schon elterliche Sorgen empfinden können.
Vielleicht ist es sogar so, dass Tanten manche der elterlichen Sorgen übernehmen und austragen. Dass ich meistens vorsichtiger als meine Schwester und mein Schwager bin, wenn ich mit meinem Neffen auf den Spielplatz gehe, liegt sicher in erster Linie daran, dass ich weniger gut abschätzen kann, wozu ihr Sohn schon in der Lage ist und wozu nicht. Aber es könnte auch daran liegen, dass ich überhaupt die zeitlichen und emotionalen Kapazitäten habe, mich in meine Sorgen hineinzusteigern, weil ich meinen Neffen nicht rund um die Uhr betreue. Autor*in Ricardas Kiel stellt ganz treffend in dem Gedicht „Krähen sind deshalb so klug weil sie Tanten haben die ihnen Nüsse finden“ fest: „Tanten die auch Mütter sind haben noch mehr Sorgen / Mütter die auch Frauen sind haben noch mehr Sorgen / Frauen die auch Tanten sind haben noch mehr Sorgen“[3].
[1] Thomas Mann: Buddenbrooks, Frankfurt am Main: Fischer 2024, S. 758.
[2] Leslie Jamison: „Tochter eines Geists“, in: Es muss schreien, es muss brennen. Essays, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Berlin: Hanser 2021, S. 254.
[3] 2022 noch unter Ricarda Kiel erschienen. Ricarda Kiel: Tante Alles, München: hochroth 2022.
Weitere Kapitel:
Das Geschehen der Buddenbrooks von Thomas Mann ist im 19. Jahrhundert angesiedelt, zu einer Zeit, in der im Bürgertum ebenfalls das Kernfamilienmodell dominierte, und auch Tonys Figur ähnelt in gewisser Weise der von Martl. Der nach ihren Scheidungen zunächst wieder im Elternhaus und später bei ihrer Tochter wohnenden Tony wird nicht die gleiche gesellschaftliche Anerkennung gezollt wie verheirateten Frauen. Wegen ihrer kindlichen Art und Neigung, schnell in Tränen auszubrechen, wird Tony vom allwissenden Erzähler und ihrem älteren Bruder Thomas sogar Unmündigkeit unterstellt.
Doch wie Martls Darstellung ist auch die von Tony ambivalent. Für mich ist sie trotz der gesellschaftlichen Missachtung auf Grund ihrer Scheidungen die stärkste und schillerndste Figur des Romans. Sie ist diejenige, die im Hintergrund die politischen und geschäftlichen Strippen zieht, um den Fortbestand und das Wachstum der Firma positiv zu beeinflussen. Selbst ihren Ehen und den darauffolgenden Scheidungen ist sie nicht ausgeliefert, sondern entscheidet sich aktiv für bzw. gegen ihre Ehemänner. Und am Ende ist Tony neben ihrem jüngeren Bruder, der sein Dasein aber in einer Nervenklinik fristet, die einzige der Familie, die überlebt.
Neben der Ambivalenz zeigt der Roman einen weiteren Aspekt von Tantenschaft auf, denn bei Tony handelt es sich um eine mütterliche Tante. Dafür spielt weniger die Beziehung zu ihrer eigenen Tochter eine Rolle als die als sehr eng beschriebene zu ihrem Neffen Hanno. In der letzten Szene des Romans versammeln sich die Hinterbliebenen in ihrer Trauer um den an Typhus verstorbenen Hanno. Darunter befindet sich Tony, die in Anwesenheit von Hannos Mutter Gerda schluchzt: „Ich habe ihn so geliebt … Ihr wißt nicht, wie sehr ich ihn geliebt habe … mehr als ihr Alle … ja, verzeih, Gerda, du bist die Mutter … Ach, er war ein Engel …“.[1]
Tonys Figur ist zwar insgesamt emotionaler als Gerdas gezeichnet, doch an dieser Stelle behauptet sie sogar, Hanno mehr als seine Mutter geliebt zu haben und begründet damit ihr Leid. Aber stehen einer Tante solche Gefühle überhaupt zu oder dürften eigentlich nur Eltern dieses Maß an Liebe und Sorge für ihr Kind empfinden?
In Leslie Jamisons Essay „Tochter eines Geists“ geht es zwar nicht um Tanten, sondern um Stiefmütter, trotzdem ist er für diese Frage aufschlussreich. Leslie Jamison zieht den Vergleich zu Märchen-Stiefmüttern, in denen sie den Archetyp der bösen Mutter erkennt. Dabei vereinigt nach Jamison dieser Archetyp der Stiefmutter jedoch nur negative Merkmale in sich, „die in jeder Mutter stecken: in der Komplexität ihrer Gefühle dem Kind gegenüber und in der Komplexität der Gefühle ihres Kindes für sie.“[2]
Im Gegensatz zur Figur der Stiefmutter wird die der Tante zwar seltener als bösartig entworfen – mit Ausnahmen, wie beispielsweise der Aunt Petunia in Harry Potter –, doch analog zum Archetyp der Stiefmutter als böser Mutter könnte der Archetyp der Tante die Nicht-Mutter sein. Die Funktion von Müttern und Tanten in der Gesellschaft und ihre Darstellung in Texten suggeriert zumindest, dass es sich bei ihnen um zwei Pole handelt. Und damit werden einerseits Müttern die nicht-mütterlichen Gefühle abgesprochen und andererseits Tanten die Mutterinstinkte (bzw. Elterninstinkte).
Aber wenn nach Leslie Jamison der Archetyp der Stiefmutter alle negativen Eigenschaften und Empfindungen in sich vereint, die in Müttern stecken, könnte es sich dann nicht genauso beim Archetyp der Tante verhalten, indem in ihn alle nicht-mütterlichen Gefühle ausgelagert werden, die doch jede Mutter kennt? Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass Mütter sich sehr wohl nicht immer als Mütter fühlen und Tanten eben schon elterliche Sorgen empfinden können.
Vielleicht ist es sogar so, dass Tanten manche der elterlichen Sorgen übernehmen und austragen. Dass ich meistens vorsichtiger als meine Schwester und mein Schwager bin, wenn ich mit meinem Neffen auf den Spielplatz gehe, liegt sicher in erster Linie daran, dass ich weniger gut abschätzen kann, wozu ihr Sohn schon in der Lage ist und wozu nicht. Aber es könnte auch daran liegen, dass ich überhaupt die zeitlichen und emotionalen Kapazitäten habe, mich in meine Sorgen hineinzusteigern, weil ich meinen Neffen nicht rund um die Uhr betreue. Autor*in Ricardas Kiel stellt ganz treffend in dem Gedicht „Krähen sind deshalb so klug weil sie Tanten haben die ihnen Nüsse finden“ fest: „Tanten die auch Mütter sind haben noch mehr Sorgen / Mütter die auch Frauen sind haben noch mehr Sorgen / Frauen die auch Tanten sind haben noch mehr Sorgen“[3].
[1] Thomas Mann: Buddenbrooks, Frankfurt am Main: Fischer 2024, S. 758.
[2] Leslie Jamison: „Tochter eines Geists“, in: Es muss schreien, es muss brennen. Essays, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Berlin: Hanser 2021, S. 254.
[3] 2022 noch unter Ricarda Kiel erschienen. Ricarda Kiel: Tante Alles, München: hochroth 2022.
