Gesellschaftliches Scheitern: Tante Martl
Bei Tanten, die vor allem Tanten sind, handelt es sich nicht selten um alleinstehende und kinderlose Frauen. In der westlichen Gesellschaft tauchten diese vermehrt ab dem späten 19. Jahrhundert auf. Zuvor hatten Frauen eine kürzere Lebenserwartung als Männer auf Grund des hohen Risikos bei Geburten gehabt, weshalb fast alle Frauen eine Ehe eingingen – die einen heirateten sofort, die anderen, sobald wieder ein Platz an der Seite eines Witwers frei wurde. Mit der besseren Gesundheitsversorgung wurde die Lebensspanne von Frauen erstmals länger als die von Männern, wodurch es in der Konsequenz mehr Frauen gab. Durch die Männerknappheit nach den beiden Weltkriegen wurde diese Entwicklung um Mitte des 20. Jahrhunderts noch verstärkt.[1]
Tante Martl aus dem gleichnamigen, von ihrer Nichte Ursula März verfassten autobiografischen Roman, ist eine dieser in den 1920er Jahren geborenen Frauen, die mann- und kinderlos blieben. Ob sie, wie gemunkelt wurde, vor dem Krieg tatsächlich eine Beziehung zu einem Mann gehabt hatte, der dann gefallen war, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Auch nicht, ob sie jemals vorgehabt hatte zu heiraten, ob sie überhaupt auf Männer stand und ob sie zufrieden mit ihrem Leben war oder damit haderte.
Der Roman leistet keine Innenschau von Martl. Stattdessen reflektiert er den Blick der Gesellschaft auf ihre Situation. In einer Zeit, in der die Vorstellung von Familie noch gemünzt war auf das Modell der heteronormativen Kernfamilie – Vater, Mutter, leibliche Kinder, ein Haushalt –, wich der Lebensentwurf von Martl als „der kinderlosen Junggesellin, die mit den Eltern in einem Haus wohnt, in den Sommerferien ihre Auslandsreisen unternimmt und darüber hinaus ihren Schwestern und deren Familien als Gesellschafterin, Kummerkasten und Putzfrau dient“[2] vom Standard ab. Sie hatte damit nicht erreicht, was es in dieser Zeit für Frauen zu erreichen galt. Sie war an den gesellschaftlichen Konventionen gescheitert.
Zwei Generationen nach Tante Martl dominiert das Kernfamilienmodell nach wie vor. Obwohl es immer mehr Menschen gibt, die andere Familienentwürfe leben und auch das Konzept von Familie erweitert wurde, weist die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky in einem Interview daraufhin, dass es beispielsweise in Bayern „zahlenmäßig sehr viel weniger Wandel [gibt], als viele glauben, hoffen oder fürchten. Statistisch gesehen leben noch immer 70 Prozent der Kinder unter 18 Jahren in Haushalten mit Mutter, Vater und leiblichen Kindern. Die anderen 30 Prozent sind Kinder von geschiedenen Paaren und Alleinerziehenden oder leben in Patchwork-Familien.“[3]
Kein Wunder, dass sich andere Familienmodelle nach wie vor wie gesellschaftliches Scheitern anfühlen können.
Martls Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen lässt sie zum Inbegriff der „komischen Tante“ werden. Was diese ausmacht, führt die Autorin Nicola Denis in der Charakterisierung ihrer eigenen Tanten im Rückgriff auf Martl aus: „Ja, auch ein Quäntchen des ›Verkniffenen‹, ›Nonnenhaften‹ und ›Gestutzten‹ von Ursula März‘ liebenswerter Tante Martl, die mit ihrem Habitus stellvertretend alle ›tantenartigen‹, nicht gefallsüchtigen weiblichen Wesen verkörpert, fand sich an ihr.“[4]
Martl schätzt das eigene Äußere gering und hat eine wenig schmeichlerische Art, zu sagen, was sie denkt. Es scheint ihr nicht wichtig zu sein, anderen zu gefallen. Die gesellschaftliche Meinung lässt sie – zumindest in diesem Punkt – scheinbar kalt.
Ob es sich dabei um Konsequenzen ihres Lebensentwurfs handelt oder um die Gründe dafür, konnte ich aus dem Roman nicht herauslesen. Und ob sie als verheiratete Frau mit Kindern die gleichen Eigenheiten gehabt hätte, diese dann aber nicht ihrer „Tantenartigkeit“, sondern einfach ihrem Charakter zugeschrieben worden wären, sei dahingestellt.
Viel wichtiger ist in diesem Kontext, dass Ursula März auch die Kehrseite der eigenbrötlerischen, gesellschaftsuntauglichen Tante aufzeigt. Denn dass sie sich von den gesellschaftlichen Konventionen abwendet – ob nun freiwillig oder unfreiwillig –, bringt auch Freiheiten mit sich. Martl wird beschrieben als „eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste …“.[5]
Die Selbstständigkeit von Martl hängt sicher auch damit zusammen, dass ledige Frauen zu dieser Zeit zwar gewissen Einschränkungen unterlegen waren, dafür auf anderen Gebieten jedoch mehr Möglichkeiten hatten. Beispielsweise brauchten ledige Frauen zu dieser Zeit nicht die Zustimmung eines Ehemanns, wenn sie arbeiten wollten – verheiratete Frauen dagegen durften bis 1977 in der BRD nur erwerbsstätig sein, wenn sie dadurch nicht ihre Pflichten als Mutter und Ehefrau vernachlässigten.
Martl ist damit zwar einerseits die bei ihren Eltern wohnende und diese im Alter pflegende alleinstehende Frau, die keine eigenen Kinder hat, „nur“ Tante ist und deshalb weniger gesellschaftliche Anerkennung als ihre beiden Schwestern erhält und hinter ihnen zurücksteht. Aber anderseits ist sie vielleicht gerade auch deshalb eine sehr eigenständige Person, die im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern nicht von einem Mann und nicht von der Meinung der Gesellschaft abhängig ist und darin auch ihrer Nichte als Vorbild dienen kann. Die beiden scheinbar so entgegengesetzten Aspekte sind also nicht nur Teil der Tantenfigur, sondern bedingen sich sogar gegenseitig.
[1] Vgl.
https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/MaidenAunt [aufgerufen am 22.9.2025]
[2] Ursula März: Tante Martl, München: Piper 2019, S. 65.
[3] Interview mit Paula-Irene Villa Braslavsky:
https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/care-arbeit-ist-ueberlebensnotwendig.html [abgerufen am 25.8.2025]
[4] Nicola Denis: Die Tanten, Stuttgart: Klett-Cotta 2022, S. 217.
[5] Ursula März: Tante Martl, München: Piper 2019, S. 8.
Weitere Kapitel:
Bei Tanten, die vor allem Tanten sind, handelt es sich nicht selten um alleinstehende und kinderlose Frauen. In der westlichen Gesellschaft tauchten diese vermehrt ab dem späten 19. Jahrhundert auf. Zuvor hatten Frauen eine kürzere Lebenserwartung als Männer auf Grund des hohen Risikos bei Geburten gehabt, weshalb fast alle Frauen eine Ehe eingingen – die einen heirateten sofort, die anderen, sobald wieder ein Platz an der Seite eines Witwers frei wurde. Mit der besseren Gesundheitsversorgung wurde die Lebensspanne von Frauen erstmals länger als die von Männern, wodurch es in der Konsequenz mehr Frauen gab. Durch die Männerknappheit nach den beiden Weltkriegen wurde diese Entwicklung um Mitte des 20. Jahrhunderts noch verstärkt.[1]
Tante Martl aus dem gleichnamigen, von ihrer Nichte Ursula März verfassten autobiografischen Roman, ist eine dieser in den 1920er Jahren geborenen Frauen, die mann- und kinderlos blieben. Ob sie, wie gemunkelt wurde, vor dem Krieg tatsächlich eine Beziehung zu einem Mann gehabt hatte, der dann gefallen war, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Auch nicht, ob sie jemals vorgehabt hatte zu heiraten, ob sie überhaupt auf Männer stand und ob sie zufrieden mit ihrem Leben war oder damit haderte.
Der Roman leistet keine Innenschau von Martl. Stattdessen reflektiert er den Blick der Gesellschaft auf ihre Situation. In einer Zeit, in der die Vorstellung von Familie noch gemünzt war auf das Modell der heteronormativen Kernfamilie – Vater, Mutter, leibliche Kinder, ein Haushalt –, wich der Lebensentwurf von Martl als „der kinderlosen Junggesellin, die mit den Eltern in einem Haus wohnt, in den Sommerferien ihre Auslandsreisen unternimmt und darüber hinaus ihren Schwestern und deren Familien als Gesellschafterin, Kummerkasten und Putzfrau dient“[2] vom Standard ab. Sie hatte damit nicht erreicht, was es in dieser Zeit für Frauen zu erreichen galt. Sie war an den gesellschaftlichen Konventionen gescheitert.
Zwei Generationen nach Tante Martl dominiert das Kernfamilienmodell nach wie vor. Obwohl es immer mehr Menschen gibt, die andere Familienentwürfe leben und auch das Konzept von Familie erweitert wurde, weist die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky in einem Interview daraufhin, dass es beispielsweise in Bayern „zahlenmäßig sehr viel weniger Wandel [gibt], als viele glauben, hoffen oder fürchten. Statistisch gesehen leben noch immer 70 Prozent der Kinder unter 18 Jahren in Haushalten mit Mutter, Vater und leiblichen Kindern. Die anderen 30 Prozent sind Kinder von geschiedenen Paaren und Alleinerziehenden oder leben in Patchwork-Familien.“[3]
Kein Wunder, dass sich andere Familienmodelle nach wie vor wie gesellschaftliches Scheitern anfühlen können.
Martls Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen lässt sie zum Inbegriff der „komischen Tante“ werden. Was diese ausmacht, führt die Autorin Nicola Denis in der Charakterisierung ihrer eigenen Tanten im Rückgriff auf Martl aus: „Ja, auch ein Quäntchen des ›Verkniffenen‹, ›Nonnenhaften‹ und ›Gestutzten‹ von Ursula März‘ liebenswerter Tante Martl, die mit ihrem Habitus stellvertretend alle ›tantenartigen‹, nicht gefallsüchtigen weiblichen Wesen verkörpert, fand sich an ihr.“[4]
Martl schätzt das eigene Äußere gering und hat eine wenig schmeichlerische Art, zu sagen, was sie denkt. Es scheint ihr nicht wichtig zu sein, anderen zu gefallen. Die gesellschaftliche Meinung lässt sie – zumindest in diesem Punkt – scheinbar kalt.
Ob es sich dabei um Konsequenzen ihres Lebensentwurfs handelt oder um die Gründe dafür, konnte ich aus dem Roman nicht herauslesen. Und ob sie als verheiratete Frau mit Kindern die gleichen Eigenheiten gehabt hätte, diese dann aber nicht ihrer „Tantenartigkeit“, sondern einfach ihrem Charakter zugeschrieben worden wären, sei dahingestellt.
Viel wichtiger ist in diesem Kontext, dass Ursula März auch die Kehrseite der eigenbrötlerischen, gesellschaftsuntauglichen Tante aufzeigt. Denn dass sie sich von den gesellschaftlichen Konventionen abwendet – ob nun freiwillig oder unfreiwillig –, bringt auch Freiheiten mit sich. Martl wird beschrieben als „eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste …“.[5]
Die Selbstständigkeit von Martl hängt sicher auch damit zusammen, dass ledige Frauen zu dieser Zeit zwar gewissen Einschränkungen unterlegen waren, dafür auf anderen Gebieten jedoch mehr Möglichkeiten hatten. Beispielsweise brauchten ledige Frauen zu dieser Zeit nicht die Zustimmung eines Ehemanns, wenn sie arbeiten wollten – verheiratete Frauen dagegen durften bis 1977 in der BRD nur erwerbsstätig sein, wenn sie dadurch nicht ihre Pflichten als Mutter und Ehefrau vernachlässigten.
Martl ist damit zwar einerseits die bei ihren Eltern wohnende und diese im Alter pflegende alleinstehende Frau, die keine eigenen Kinder hat, „nur“ Tante ist und deshalb weniger gesellschaftliche Anerkennung als ihre beiden Schwestern erhält und hinter ihnen zurücksteht. Aber anderseits ist sie vielleicht gerade auch deshalb eine sehr eigenständige Person, die im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern nicht von einem Mann und nicht von der Meinung der Gesellschaft abhängig ist und darin auch ihrer Nichte als Vorbild dienen kann. Die beiden scheinbar so entgegengesetzten Aspekte sind also nicht nur Teil der Tantenfigur, sondern bedingen sich sogar gegenseitig.
[1] Vgl.
https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/MaidenAunt [aufgerufen am 22.9.2025]
[2] Ursula März: Tante Martl, München: Piper 2019, S. 65.
[3] Interview mit Paula-Irene Villa Braslavsky:
https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/care-arbeit-ist-ueberlebensnotwendig.html [abgerufen am 25.8.2025]
[4] Nicola Denis: Die Tanten, Stuttgart: Klett-Cotta 2022, S. 217.
[5] Ursula März: Tante Martl, München: Piper 2019, S. 8.
