Vereinsarbeit

Im Verein finden sich Frauen und Männer aller Konfessionen des gebildeten und wohlsituierten Münchner Bürgertums zusammen. 237 Mitglieder sind es 1897, darunter 22 Männer. Unter dem Vorsitz von Ika Freudenberg steigen die Mitgliederzahlen bis 1912 auf 736. Die Gründergeneration ist eng mit den Künstlern und Literaten der Moderne verknüpft. Und so fällt denn auch die Mitgliedschaft vieler Schriftstellerinnen auf: Emma Merk, Elsa Bernstein, Helene Böhlau, Gabriele Reuter, Emmy von Egidy, Maria Janitschek, Helene Raff, Marie Haushofer, Emma Klingenfeld u.v.a. Carry Brachvogel stößt 1903 dazu, Eva Gräfin von Baudissin 1912 und Ricarda Huch 1913.

Nicht nur um von ihren Netzwerken profitieren zu können, nimmt der Verein auch ganz gezielt Männer auf, Künstler, Schriftsteller, Professoren, Ärzte und Rechtsanwälte. Unter ihnen sind auch die Jugendstilkünstler August Endell und Herman Obrist, Schriftsteller und Dichter wie Max Haushofer, Professor für Volkswirtschaft und Statistik, Ernst Freiherr von Wolzogen, Hugo Steinnitzer und Rainer Maria Rilke, aber auch Dr. Carl Thieme, der Direktor der Münchner Rückversicherungsgesellschaft. Es wird zum Spezifikum der Münchner Frauenbewegung, dass es ihr gelungen ist, die Anteilnahme von Männern, Gelehrten, Künstlern und Industriellen für ihre Arbeit zu gewinnen.

Gertrud Bäumer, eine der führenden Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland, beschreibt den Münchner Kreis rückblickend in ihren Lebenserinnerungen als den

farbigsten, schwungvollsten und reichsten Lebensring zu dem irgendwo die Frauenbewegung zusammenwuchs. [...] Starke Temperamente, künstlerische Naturen, warme leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen – eine lebendige bewegte Aufbruchsstimmung voll Kraft, Humor, Geist und Geschmack. Eine temperamentvolle Emanzipation voll Herzensanteil, ein tapferes und zugleich frohes Erschaffen neuer Lebensformen.

(Bäumer 1933, S. 180)

Von allen Künstlern und Literaten erwartet der Verein, dass diese seine emanzipatorischen Ideen in ihren Werken verbreiten. Der Verein wird zum Fürsprecher erwerbstätiger Frauen, vertritt den Anspruch der Mädchen auf gleiche Bildungschancen und verlangt die gleichberechtigte Teilnahme von Frauen an den Institutionen des öffentlichen Lebens. Bei allem Engagement vermeidet der Verein aber ein radikales Vorgehen. Den Worten Martha Haushofers zufolge wäre „ein zielbewußteres, d.h. radikales und rücksichtsloses Vorgehen [...] in unseren bayerischen Verhältnissen der sichere Weg zum Mißerfolg gewesen“ (Haushofer (1912, S. 163). Insgesamt durfte die Vereinstätigkeit der bürgerlichen Frauen auch nicht zu politisch erscheinen, da Frauen damals die Beteiligung an politischen Vereinen und Versammlungen bei Strafe verboten war; dies erklärt auch, warum die bürgerliche Frauenbewegung sich stark karitativ und sozialfürsorglich für Belange der Unterschichtsfrauen einsetzt.

Die Mitgliederabende, zu denen sich die Frauen seit 1895 jeden Donnerstag versammeln, finden seit 1895 im Restaurant Eckel in der Burgstraße 17 statt. 1889 eröffnet der Verein seine „Rechtschutzstelle für Frauen“ in der Von-der-Tann-Straße 2. Sie wird zu einer bekannten Einrichtung, die Sprechstunden werden in der hier ansässigen „Frauenarbeitsschule“ abgehalten.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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Ika Freudenberg. In: Ein Gedenkblatt, 1912. © Privatarchiv Ingvild Richardsen