Zur Rezeption

Böhlaus Roman erregt großes Aufsehen und führt dazu, dass sie um 1900 allerorts als „Frauenrechtlerin“ gilt. 1913 stellt sie klar, dass man sie mit der alleinigen Reduktion nur darauf völlig missverstanden habe. Sie schreibt:

Der Roman war der Ausdruck des Erstaunens, des Erschrecktseins – Ich hatte mit einem tiefen, bestürzten Blicke gesehen, daß die Frau, die geistig leben und arbeiten will, ganz ohne Traditionen ist, mißachtet und belächelt. – Ich hatte mir das nicht so vorgestellt. Ich erkannte, daß den Frauen keine geistige Vergangenheit zugehört, daß sie so wenig Spuren auf Erden hinterlassen hatten, wie die Wellen und Tiere, – Ein Weh sondergleichen! Und ich suchte Worte – Bilder – Möglichkeiten mich verständlich zu machen. Es war ein leidenschaftliches Ringen, hier Ausdruck zu verschaffen. Heute würde ich dieser Erkenntnis, daß die Frau am geistigen Eigentum der Menschheit nicht mitgeschaffen hat, diesen leidenschaftlichen Ausdruck, den ich damals fand, nicht mehr geben. Tiefere Einsicht hat mich gelehrt, daß stille Taten der Seele, von denen die Welt nichts weiß, lebendiger und größer sein können als alles Wissen dieser Welt. Ja, daß die Tat an sich das Höchste auf Erden nicht ist.

(zit. nach Zils 1913, S. 6f.)

Die Literaturwissenschaftlerin Gisela Brinker-Gabler hat Halbtier als den „provozierendsten Frauenroman der Jahrhundertwende“ bezeichnet. Als 1915 Böhlaus erste Werkausgabe in sechs Bänden erscheint, schreibt sie selbst ein distanzierendes Vorwort. In ihrer Werkausgabe von 1927/29 fehlt der Roman ganz. Möglicherweise war ihr die eigene Radikalität um 1900 nicht mehr geheuer, zum anderen hatte sie sich aber schon damals bei seiner Rezeption um 1900 missverstanden gefühlt.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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Helene Böhlau mit ihrem Sohn, um 1905 © Privatarchiv Ruth Wegner / Helene Falk