Evas Töchter

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„Der Himalaya aller Mädchenwünsche“ © Privatarchiv Ingvild Richardsen

Wie ein bürgerliches Frauenleben um 1900 aussieht, wird sehr anschaulich dargestellt und humorvoll geschildert in einem prachtvollen Bildband, der 1893 auf den Markt kommt. Er trägt den Titel Evas Töchter und ist mit kunstvollen Illustrationen des Graphikers Emanuel Spitzer geschmückt. Der Text stammt von der Münchner Schriftstellerin Emma Merk (1854-1925), der Frau, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine bekannte Frauenrechtlerin Bayerns sein wird und zusammen mit ihrer Freundin und Schriftstellerin Carry Brachvogel 1913 den Ersten bayerischen Schriftstellerinnenverein gründen wird.

Das Lebenskonzept Emma Merks, die aus einer alten Münchner Bürger- und Künstlerfamilie stammt und in den Kreisen der Münchner Landschaftsmaler groß geworden ist, steht zu diesem Zeitpunkt bereits in völligem Kontrast zu dem in Evas Töchter vorgestelltem typischen Leben ihrer bürgerlichen Zeitgenossinnen. Sie ist ihrer Zeit voraus, ist Junggesellin, hat keine Kinder, aber einen verwitweten Freund, den Dichter und Professor für Volkswirtschaft Max Haushofer (1840-1907), den Vater dreier Kinder. Längst schon verdient sie ihr eigenes Geld als Schriftstellerin, finanziert sich selbst und verkörpert damals schon den Typ der selbstständigen und emanzipierten Frau, wie man ihn heute kennt.

Humorvoll und mit Witz präsentieren Emma Merk und Emanuel Spitzer in ihrem prachtvollen Bildband das Leben bürgerlicher Frauen und stellen dar, welche Schritte bürgerliche Frauen von der Geburt an durchlaufen. Sie führen vor, wie sich das Denken der Frauen vor allem darum dreht, eine gute Partie zu ergattern und ihre Lebensplanung idealerweise mit der Heirat endet, die bald gekrönt wird von der Geburt eines Kindes. In Kapiteln wie „Das geträumte Ideal und der genommene Mann“ oder „Der Himalaya aller Mädchenwünsche“ werden die Ziele der Frauen amüsant in Text und Bild präsentiert. Doch auch der weitere Lebensverlauf der bürgerlichen Frau tritt ins Blickfeld, die Witwe, die geschiedene und die alternde Frau. In Kapiteln wie „Der Himalaya aller!!! Männer-Wünsche!!!!“ nehmen Emma Merk und Emanuel Spitzer in Text und Bild aber auch die Ziele bürgerlicher Männer unter die Lupe.

Der luxuriös gestaltete Bildband stellt ein wichtiges kulturhistorisches Zeugnis dar, insofern er darüber Auskunft gibt, wie ein bürgerliches Frauenleben im Fin de siècle aussah und welche Rollen- und Geschlechterbilder das Bürgertum beherrschten. Wie diese das Denken der Männer und Frauen prägten, steht auch im Mittelpunkt von Carry Brachvogels Roman Alltagsmenschen, der 1895 im Fischer Verlag erscheint und mit dem sie über Nacht bekannt wird. Schon damals ist sie eine enge Freundin von Emma Merk.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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Eine der prachtvollen Ausgaben des Buchs „Evas Töchter“ – man beachte die explodierenden Goldherzen. © Privatarchiv Ingvild Richardsen