Welt am Draht

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Buchcover zu Rainer Werner Fassbinders und Fritz Müller-Scherzs "Welt am Draht", Verlag Matthes & Seitz Berlin.

In den „allgemeinen Überlegungen“ zu seinem Film Welt am Draht erklärt Rainer Werner Fassbinder: „Wir haben es mit drei Welten zu tun. Welt I, die Überwelt, ist die einzige Realwelt. Um mit ihren Planungsproblemen besser fertig zu werden, hat sie sich ein Simulationsmodell ihrer eigenen Welt gebaut – Welt II.“ Das Simulationsmodell muss der Realwelt so ähnlich wie möglich sein, damit genaue Prognosen gestellt werden können. Doch es gibt eine entscheidende Differenz: „Seine Bewohner dürfen kein Bewusstsein ihrer selbst haben.“

Fassbinders zweiteiliger Fernsehfilm aus dem Jahr 1973 gilt als Science Fiction-Klassiker und Vorläufer der Matrix-Trilogie. Er basiert auf dem 1964 erschienenen Roman Simulacron-3 von Danil F. Galouye. Protagonist ist der Ingenieur Fred Stiller, Schauplatz das „IKZ – Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung“. Stiller übernimmt nach dem rätselhaften Tod seines Chefs dessen Projekt „Simulacron 1“. Dabei handelt es sich um die gigantische Computersimulation einer künstlichen Welt mit künstlichen Menschen. Sie wurde erschaffen, um politische, soziale und ökonomische Entwicklungen vorherzusehen. Als der Sicherheitschef des Projekts plötzlich verschwindet, als hätte es ihn nie gegeben und ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, wird Stiller zunehmend misstrauisch und beginnt nachzuforschen.

Stiller und Walfang vor einem Teil des Computers. Walfang vergleicht Handgriffe am Computer mit einer Liste.

Der Programmierer Walfang kündigt an, eine „einfache Kontaktschaltung mit einer Identitätseinheit“ zu machen. Stiller willigt ein. Er legt sich im Computerraum auf die Couch und lässt sich von Walfang einen Helm aufstülpen, der durch Drähte und Kabel mit einer Apparatur verbunden ist. Nachdem er die Anschlüsse überprüft hat, betätigt Walfang einen Schalter.  

Das Bild Walfangs verschwimmt, wird zu einem Bild aus dem Führerhaus eines LKWs heraus. Der Wagen fährt durch ein modernes, aber noch unvollendetes Häuserblockviertel. Die Simultan-Stadt ist noch nicht fertig gebaut oder teilweise noch unbewohnt. Gehwege enden als Sandpfade.

Daneben gibt es Straßen, die bis ins letzte Detail nachgebildet sind und „normale“ Straßenszenen erzeugen: Kinder überqueren einen Zebrastreifen, werden zur Eile gemahnt. Dann wird es schlagartig dunkel, Blitze durchschneiden den Himmel. Ein Haus brennt. Der LKW hält an.

Von einem Häuserdach, vom LKW aus gut erkennbar, leuchtet, wo eben noch für ein Waschmittel geworben wurde, plötzlich in Leuchtbuchstaben auf: STILLER – ZURÜCKKOMMEN – NOTFALL! Das Bild verschwimmt, wird völlig schwarz.

Stiller beginnt, unter unerklärlichen Aussetzern und Absenzen zu leiden. So verschwindet vor seinen Augen plötzlich die Straße, auf der er im Auto unterwegs ist. Es tauchen Menschen auf, die er zuvor nie gesehen hat und Dinge von ihm wissen, die sie nicht wissen können. Plötzlich gelangt er zu einer Erkenntnis, die ihn ins Bodenlose stürzen lässt und die von Walfang und Einstein, dem Kontaktmann zwischen den Welten, bestätigt wird:

Doch die Wahrheit ist, dies hier, was Sie für die Wirklichkeit halten, ist auch nur ein Simulationsmodell für die eigentliche Welt. Fred Stiller, der große Computerboss, Sie sind selbst nichts anderes als eine Zusammenballung von elektronischen Schaltkreisen. Die Identitätseinheit Fred Stiller. Eine Nummer sind Sie, wie alles hier. Eine Nummer in einer Versuchsstation. Zugegeben in einer ganz besonders weit fortgeschrittenen.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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Rainer Werner Fassbinder, Fotografie 1975 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe).