Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald, 1931

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Cover der Erstausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek

Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald. Propyläen-Verlag, Berlin 1931.

Standortsignatur: DD.I 5645 z

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Geschichten aus dem Wiener Wald – der Titel erinnert an die beseelten Klänge des gleichnamigen Walzers von Johann Strauss, an Wiener Charme und volkstümliche Gemütlichkeit. Doch trotz Wien und Wachau, Musik und Festivitäten endet die erwartete Idylle im Elend.

Horváth war kein Tagebuchschreiber und äußerte sich auch sonst selten zu seinen Werken. Daher ist die genaue Entstehungsgeschichte des „Volksstücks“ nicht bekannt. 1924 lässt er sich in Berlin, der deutschen Hauptstadt nieder, um das „Werden eines neuen gesellschaftlichen Bewusstseins“1 zu erleben. In früheren Versionen des Dramas stellt er noch die Folgen der Weltwirtschaftskrise und die Verarmung des Kleinbürgertums dar. Auch treten dort politisch ambitionierte Figuren wie der Sozialist Schminke auf, die eine gesellschaftspolitische Zukunftsperspektive aufzeigen könnten. Doch in der Endfassung kappt Horváth die historische Verankerung. Das Stück spielt „in unseren Tagen“, heißt es ebenso lakonisch wie ambivalent in der Regieanweisung.

Ödön von Horváth wird 1901 in Fiume, heute Rijeka, in einer großbürgerlichen österreichisch-ungarischen Familie geboren. Da der Vater im diplomatischen Dienst tätig ist, zieht die Familie mehrmals um. Belgrad, Budapest, München, Pressburg und Wien sind die Stationen in Horváths Kindheit und Jugend. Nach der Matura kehrt er nach München zurück und beginnt dort zu studieren, jedoch ohne konkretes Ziel. Im oberbayerischen Murnau baut die Familie 1921 ein Landhaus, das zu Horváths Lebensmittelpunkt wird. In den Folgejahren entstehen bedeutende literarische Werke, darunter die Geschichten aus dem Wiener Wald. 1933 wird Horváth wegen seiner Prozessaussagen zu einer Saalschlacht zwischen Nationalsozialisten und Mitgliedern des SPD-nahen Reichbanners von der ortsansässigen NSDAP gezwungen, Murnau zu verlassen. Er gerät zusehends in die Schusslinie der Nationalsozialisten. So dürfen seine Stücke ab 1932 nicht mehr aufgeführt werden. Der Roman Jugend ohne Gott wird 1938 indiziert. Nach dem Anschluss Österreichs emigriert Horváth nach Paris. Am 1. Juni 1938 wird er von einem herabstürzenden Ast auf den Champs-Elysées erschlagen.

Figurenkonzeption und Handlungsführung der Geschichten aus dem Wienerwald bedienen sich aus dem Fundus des Volksstücks und des Volksmärchens. Mariannes Vater, der „Zauberkönig“ und Spielwarenhändler, hätte gerne gesehen, dass sich seine Tochter, das „süße Wiener Mädel“, mit dem Fleischhauer Oskar verlobt. Marianne flüchtet vor dieser Verbindung und liiert sich stattdessen mit Alfred, einem Halodri, der sich als Vertreter durchschlägt. Er schwängert sie und bringt das gemeinsame Kind bei der Großmutter unter, um sich der erzieherischen Verantwortung zu entledigen. Marianne vermittelt er an eine Tanzgruppe, wo sie in „lebenden Bildern“ nackt posiert. Schließlich landet Marianne wegen eines Gelegenheitsdiebstahls im Gefängnis. Als sie entlassen wird, erfährt sie, dass ihr Kind von der Großmutter vernachlässigt wurde und tot ist. Nun sieht Oskar seine Chance gekommen und kann die widerstrebende Marianne doch noch heiraten. 

 

Geschichten aus dem Wiener Wald, Inszenierung 2013, Münchner Volkstheater, Fotos: Arno Declair

Der Zerfall der kleinbürgerlichen Gesellschaft spiegelt sich in der Stumpfheit und Dürftigkeit ihrer Sprachklischees. „Ich mag diese IRREN Sätze bei ihm, die die Sprünge und Widersprüche des Bewusstseins zeigen, wie man das sonst nur bei Tschechow und Shakespeare findet“2, schreibt Peter Handke, der 1972 selbst eine Prosaversion der Geschichten aus dem Wiener Wald verfasst hat. Der grausame Kampf von Jedem gegen Jeden beherrscht bis in die innerfamiliären Strukturen die Beziehungen zwischen den Figuren. Die österreichische Erstaufführung in der Nachkriegszeit 1948 gerät zu einem der größten Theaterskandale. Man empört sich über Horváths Menschenbild und das von ihm gezeichnete Bild der Stadt Wien. Doch zahlreiche Aufführungen und Fernsehinszenierungen der Folgejahre belegen die Faszination, die Horváths Anti-Volksstück dauerhaft ausstrahlt.

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1 Ödön von Horváth: Flucht aus der Stille. In: Ders.: Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden. Bd. 11 (1988), S. 188.

2 Peter Handke (1972): Horváth und Brecht. In: Ders.: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms. Suhrkamp, Frankfurt/M., S. 63f.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

Sekundärliteratur:

Ceynowa, Klaus; Gilcher, Birgit; Ziegler-Stryczek, Birgit (2016): Erstausgaben im digitalen Gewand. Die App „Deutsche Klassiker“ der Bayerischen Staatsbibliothek, in: Bibliotheksmagazin. Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München 1, S. 12-17.

 

Weiterführende Links:

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Ödön von Horváth 1919