Zwei Romane des ukrainischen Klassikers Majk Johansen liegen nun auf Deutsch vor. Alexander Kratochvil hat sie gelesen
Majk Johansens Romane Die Reise des Gelehrten Doktor Leonardo (dt. 2023) und Die Abenteuer des Maclayston (dt. 2025), beide bei Secession in der Übersetzung von Johannes Queck, sind endlich auf Deutsch zu entdecken. Der Sohn eines deutschsprachigen Letten gehörte mit seiner Prosa und Lyrik zu den wichtigsten Autoren der klassischen Avantgarde Europas in den 1920er Jahren.
*
Der Ukrainer Majk Johansen (1895 – 1937) war Dichter, Drehbuchautor, Linguist, Romanautor, Verfasser von sprachwissenschaftlichen Arbeiten (eine Grammatik und mehrere Wörterbücher), er verfasste einen Creative-Writing-Leitfaden in Buchlänge („Wie man eine Erzählung konstruiert“) und war Übersetzer aus „allen Sprachen der Welt“ – wie er selbst sagte. Gesichert sind seine ukrainischen Übersetzungen von Schiller, Shakespeare und Edgar Allen Poe. Seine Freunde charakterisierten ihn als humorvollen Intellektuellen und Spaßvogel. Darüber hinaus reiste Johansen gern, spielte leidenschaftlich Fußball, Volleyball, Schach, Billard und Tennis und hatte dabei einige legendäre sportliche Auftritte.
Mütterlicherseits war er der Ur-Ur-Ur-Enkel des legendären Kosaken Hrytsko und Anna Saavedra, der (von Johansen erfundenen) Schwester von Miguel de Cervantes Saavedra – so erzählt er augenzwinkernd selbst. Seine ersten schriftstellerischen Versuche gehen Johansen selbst zufolge ins Jahr 1904 zurück, als der Neunjährige ein philosophisches Gedicht über Alter und Tod in deutscher Sprache in eine Kellertür ritzte. Johansen hätte auch gerne im Mittelalter gelebt und wäre dann am liebsten der persönliche Sekretär von Erasmus von Rotterdam gewesen ... Diese skurril-unterhaltsamen Informationen über sich selbst präsentierte Johansen in einer mystifizierenden Autobiografie von 1928.
Als Johansen Ende der 1980er Jahre in den sowjetischen Literaturkanon zurückkehrt – aus dem er seit den 1930ern verbannt worden ist – ist er u. a. der „Mann mit dem geheimnisvollen Namen.“ Die verlässlichste Quelle für Informationen über sein Leben scheint eine mehrseitige Autobiografie zu sein, die Ende der 1980er Jahre in einem Archiv gefunden und erstmals 1989 zusammen mit einer Sammlung seiner Gedichte veröffentlicht wurde. Darin heißt es, dass sein Vater, Gervasius Johansen, Historiker war und als Lehrer für Deutsch und Latein an einem Gymnasium in Charkiw unterrichtete. Seine Mutter, Hanna Kramarevs'ka wird etwas klischeehaft im Stile von Schriftstellermüttern oder -großmüttern beschrieben – laut Johansen vermittelte die Mutter ihm die Liebe zur Sprache und einen kreativen Geist: „Die Vrohnatur [!] und Lust zum Fabulieren“ sowie „ein fröhliches Wesen, gutes Aussehen und so weiter“. Andere Quellen bestätigen, dass sein Vater tatsächlich ein angesehener Lehrer und Schulinspektor in Charkiw war, er entstammte dem deutschen Bevölkerungsteil im Baltikum.
Johansen selbst schloss 1917 sein Studium in Charkiw an der Fakultät für Geschichte und Philologie mit dem Hauptfach Latein ab. Er beherrschte außerdem Altgriechisch, Englisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Französisch sowie die skandinavischen und slawischen Sprachen. Seine Faszination für Schönheit und Kraft sprachlichen Ausdrucks zeigt sich in all seinen Gedichten und Prosatexten. Die Revolutionen von 1917 gaben den Anstoß, sich der Unabhängigkeitsbewegung der Ukraine auf Seiten der Ukrainischen Volksrepublik anzuschließen. Der 1918 ausgerufene unabhängige ukrainische Staat war zwar nur von kurzer Dauer. Er ebnete aber den Weg für eine Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik als Teilrepublik der 1922 gegründeten UdSSR.
Davor war Johansen, wie zahlreiche andere seiner Generation zum ukrainischen Kommunisten geworden. Damals beendete er auch seine russischen und deutschen literarischen Versuche und begann auf Ukrainisch zu schreiben. Die Transformation zum ukrainischen kommunistischen Schriftsteller äußerte sich parallel in seinem kulturpolitischen Engagement und seiner organisatorischen Tätigkeit in verschiedenen Literaturgruppierungen, wo er zusammen mit weiteren, später namhaften Autoren die ukrainische Literaturszene der 1920er Jahre durcheinanderwirbelte. Eine kurze Epoche, die einerseits tatsächlich die „goldenen Zwanziger“ der ukrainischen Literatur bedeuten, an deren Ende jedoch die so genannte „erschossene Wiedergeburt“ der ukrainischen Kultur stand. Der allergrößte Teil der Vertreter dieser Literatur- und Kulturszene wurde nämlich in den 1930er Jahren durch den Stalinismus vernichtet.
Johansen selbst wurde im August 1937 verhaftet und beschuldigt, Mitglied einer antisowjetischen, nationalistischen und terroristischen Organisation zu sein. Am 27. Oktober 1937 wurde er im Lukjaniwska-Gefängnis in Kijiw erschossen. In der Sowjetunion wurden sein Name und sein Werk bis Ende der 1980er Jahre totgeschwiegen. Und so ist die deutsche Erstübersetzung von Johansens Romanen auch eine Art „Wiedergeburt“, wie
Birgit Böllinger in ihrem Blog schreibt.
Eine Welt multipler Identitäten
Der Roman Die Reise des Gelehrten Dr. Leonardo und seiner zukünftigen Geliebten, der Schönen Alceste in die Slobidische Schweiz skizziert die zauberhafte Landschaft der südöstlichen Ukraine (Sloboda-Ukraine), deren Reiz auch von anderen Autoren literarisch gestaltet wurde. Es stößt deshalb umso bitterer auf, dass es sich dabei um jene Landschaft handelt, die sich Russland in seiner Vernichtungsorgie gerade (2026) einverleiben will und in eine Trümmerlandschaft verwandelt mit dem erklärten Ziel, die ukrainische Kultur und ihre Menschen zu zerstören.
Diese Region war keinesfalls – wie von uninformierten Kreisen innerhalb und außerhalb Russlands behauptet wird – russischsprachig oder gar von einer russischen Bevölkerungsmehrheit besiedelt. Der Donbas und der ganze Süden und Südosten der Ukraine waren bis weit in die Mitte des 20 Jahrhunderts hinein mit Ausnahme der großen urbanen Ballungszentren ukrainisch und ukrainischsprachig. Nicht zuletzt kommen im 20. Jahrhundert zahlreiche namhafte ukrainische Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle gerade aus dieser Region. In der Gegenwart angefangen mit Serhij Zhadan über Wassyl Stus als Vertreter der Literatur der 1960er Jahre sowie eine ganze Reihe Autoren der 1920er Jahre – Johansen selbst stammt aus Charkiw – bis hin zum Verfasser des noch immer als Standardwerk gültigen Wörterbuchs der ukrainischen Sprache von Borys Hrintschenko.
In der bereits erwähnten Autobiografie aus dem Jahr 1928 heißt es spielerisch und doch ernst: „Also werde ich, Majk Johansen, im Jahr 1942 sterben und mich im Reich der Schatten niederlassen und dort mit Hesiod, Heine und Miguel Saavedra de Cervantes kluge Gespräche führen. Aber ich werde mit ihnen auf Ukrainisch sprechen, denn ich glaube, dass unser blühendes Vaterland ein Diamant unter den freien Völkern der Welt ist. Und ich werde dort, im Reich der Schatten, sagen, dass ich, Majk Johansen, zu Lebzeiten einer der besten Dichter des neueren ukrainischen Landes war und auch nach meinem Tod einer bleiben werde, dass ich, unermüdlich, mit Wort und Tat die mir bestimmte Fahne stolz und hoch getragen habe …“
Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass Johansen der Verfasser einer der markantesten sprachspielerischen Romane der ukrainischen Literatur im 20. Jahrhundert ist. Der Roman mit dem barockisierenden Titel Die Reise des Gelehrten Doktor Leonardo und seiner zukünftigen Geliebten, der schönen Alceste, in die Slobidische Schweiz entführt den Leser in eine Welt multipler Identitäten, Rollen, Masken, Beziehungen zwischen Mensch und Tier – etwa dem Terrier, der auf den Namen Rudolfo hört und der sein Herrchen für dessen schlechte Gedichte kritisiert. Vor allem bezaubert jedoch die pittoreske Landschaft als die eigentliche Hauptfigur des Romans.
Der den Handlungsfortgang häufig kommentierende Erzähler wendet sich als eine Figur des Romans immer wieder an den Leser: „Nirgends steht geschrieben, dass ein Autor eines literarischen Werkes sich dazu verpflichtet, lebendige Menschen durch dekorative Landschaften zu führen. Er kann das Gegenteil versuchen und dekorative Menschen durch lebendige und reichhaltige Szenerien führen.“
Der Roman ist in vielerlei Hinsicht das Werk einer Verweigerung der gewohnten Romanform. Zahlreich finden sich solche literarischen Verfahren, die der formalistische Theoretiker Wiktor Schklowski als „Verfremdung“ charakterisierte. Diese durchbricht die in der Alltagssprache automatisierte Wahrnehmung, und öffnet für den Leser ungewohnte Wahrnehmungsperspektiven, u. a. wird er sich der Künstlichkeit sowie der literarisch-handwerklichen Bauweise des Romans, (aus Elementen wie Plot, Figuren und Setting, Erzähler und seine Erzählweise) bewusst. Anschaulich wird eine derartige Verfremdung im folgenden Beispiel mit der erstaunlichen Verknüpfung von Zoologie, Denken und Sprache resp. Literatur:
„Ein Zoologieliteraturhistoriker denkt ungefähr auf diese Weise:
In seinem Bauch hört er ein unbestimmtes Grummeln und fühlt eine unangenehme Leere. Diese Leere, wie die Chemiker schreiben, strebt danach, mit Kotlety und Erbsen, Gurijewbrei und Plombir gefüllt zu werden. So entsteht der erste Gedanke – ‚essen‘.
Gleichzeitig sendet die Zunge Signale, dass sie trocken ist und mit Schnaps, verdünnt mit Wasser und verfeinert mit Blutwurz oder Bisongras, erfrischt werden könnte. So formt sich die zweite These: ‚trinken‘. Im Zusammenklang mit der ersten These ergibt das die erste gedankliche Operation – einen Akt kombinatorischen Denkens: ‚essen und trinken‘! Diese Prozesse entwickeln sich weiter, werden komplexer und erreichen die Grenze der Subtilität analytischer Ketten.“
Es sind vor allem die metafiktionalen Bausteine des Romans, die die Aufmerksamkeit des Lesers wecken. Dabei handelt es sich um eine systematische Störung der Lesegewohnheit und literarischen Rezeptionsmuster, der Ablenkung vom Erzählfluss, durch eine mäandernde Verzögerung mittels Anekdoten, Abschweifungen, Exkurse etc. – etwa der im Titel angekündigten künftigen Vereinigung zwischen Doktor Leonardo und der schönen Alceste.
Die Subversion des von sowjetischen Parteikritikern seit den 1920er Jahren favorisierten realistischen Romans wird in Die Reise des Gelehrten Doktors Leonardo … von einer Unterwanderung allgemein akzeptierter sozialer Normen begleitet. Der Roman entwirft Szenarien, in denen sich die Protagonisten ebenso „befremdlich“ verhalten wie der Erzähler mit seiner verfremdenden Erzählperspektive. Die humorvolle, bisweilen ironische Irritation der Leserschaft stellt dabei jegliches ihr mögliches moralisches oder ideologisches Urteil infrage. Ein Förster z. B: wirft seine Frau und seine beiden Kinder aus dem Haus, um die Lebenshaltungskosten zu senken; er schießt sogar auf sie, als sie versuchen zurückkehren. Dennoch wird dieser Protagonist beharrlich und wiederholt als „der gute Baumzüchter” bezeichnet, was die Frage aufwirft, welche Bedeutung das Adjektiv „gut” überhaupt haben kann.
Der Bruch mit der Leseerwartung, wie Leser sie aus romantischer und realistischer Literatur kennen, schließt in Johansens Roman auch Naturschilderungen mit ein und bildet ein mitreißendes Beispiel von Nature Writing in der ukrainischen Literatur mit erstaunlichen Sprachbildern:
„Sehr weit war die Steppe, überall war Steppe, über ihnen, neben ihnen und vor ihnen. Die Steppe umgab sie wie eine Unterlegscheibe, rund und ohne Ende. Die, die in den Bergen und Hügeln, auf den hohen Ufern des Flusses oder in den feuchten Wäldern lebten, würden die Steppe nicht sehen, wenn sie dort auf dem endlosen Ring umhergingen. Sie war nicht da. Die Steppe ist das, was es nicht gibt.“
Die Protagonisten, Leonardo und Alceste, sind laut der allwissenden Erzählerfigur „reine Pappkameraden“ und „bewegliche Dekorationen“, die dem Landschaftsroman eine gewisse Dynamik verleihen, weil der Leser ihren Wegen und ihren Abenteuern folgt. Sie sind jedoch das Mittel zum Zweck, um diese imaginäre Landschaft heraufzubeschwören – eine symbolhafte Landschaft, die für den Autor die kulturelle und intellektuelle Heimat, nämlich die ukrainische und europäische Literatur darstellt.
Der Leser als Detektiv
Diese literarische und kulturelle Heimat gestaltete Johansen wiederum mit zahlreichen intertextuellen Anspielungen im Roman Die Abenteuer des Maclayston, Harry Rupert und Anderer. Hier wird das Motiv eines gefundenen deutschsprachigen Manuskripts, das nun übersetzt und vom Herausgeber auch ein wenig umgeschrieben wird, da es stellenweise „ein wenig unbeholfen verfasst“ ist, kombiniert mit einer exotischen anmutenden Abenteuer- und Detektivgeschichte. Trotz seiner experimentellen Anlage wurde der Roman im Jahr seiner Veröffentlichung 1925 mit über 100.000 verkauften Exemplaren zum Bestseller.
Diese Art neuer sozialistischer Genreliteratur mit dem kommunistischen positiven Helden und den negativen Protagonisten als Vertreter eines Raubtierkapitalismus war mit ihren inhaltlichen und formalen Mustern in der Kombination mit ironischen und parodistischen Elementen für ganz unterschiedliche Lesergruppen attraktiv. Die offen zur Schau gestellte Inspiration durch die damals in Mittel- und Osteuropa populären Autoren R. L. Stevenson, Jack London, H.G. Wells, A. Conan-Doyle, Karl May u. a. verlieh dem Roman einen zusätzlichen Reiz für die Leser. Dazu trugen auch die zahlreichen metafiktionalen Verfahren und die häufigen Einmischungen durch den Erzähler bei, der in der Maske des Autors auftritt, und selbstironisch fragt „Wer ist eigentlich der Autor dieses Romans?“, um kurz darauf mitzuteilen, „[d]er Autor dieses Romans ist ein Mann, 28 Jahre alt, brünett. Übrigens ist möglicherweise ein Mädchen, 23 Jahre alt, blond, seine Geliebte. … Manche meinen sogar, dass dies ein Gemeinschaftswerk von fünf Genossen sei, drei Brünetten und zwei Blonden.“
Und dann fügt die Erzählerfigur noch im selben Atemzug an: „Die Hauptfigur, der wichtigste Held dieses Romans ist – sein Autor“. Tatsächlich treibt diese Hauptfigur ein auf den ersten Blick undurchsichtiges Spiel mit dem Leser, der vom Titel ausgehend einen eher traditionellen Abenteuer- oder Detektivroman erwartet. Diese Erwartung wird dann auf unerwartete Weise unterlaufen, indem die Hauptprotagonisten zuweilen ankündigungslos ihre Namen wechseln oder die synoptischen Kapitelüberschriften nicht immer damit übereinstimmen, was der Leser im Kapitel erwarten kann. Der Leser wird selbst zum Detektiv. Wenn er sich auf Johansens Spiel einlässt, findet er seinen Weg, bestens unterhalten, durch das erzählerische Labyrinth mit all den Fäden, die der Erzähler vor ihm, dem Leser, ausrollt.
Es gibt dabei zwei Haupthandlungsstränge, die nach und nach zusammengeführt werden. Der erste verfolgt die Jagd nach der genialen Erfindung von Harry Rupert: Er hat ein Protein entwickelt, das den Hunger in der Welt besiegen könnte. Das Produkt lässt sich für verschiedene Geschmacksrichtungen adaptieren. Bald schon versuchen der fette amerikanische Kapitalist Maclayston und der degenerierte englische Professor Reeps, sich die Erfindung anzueignen. Rupert beschließt, seine Erfindung an die Sowjetregierung zu verkaufen, um die Hungersnot zu lindern, die nach dem Ersten Weltkrieg Anfang der 1920er Jahre in der Sowjetunion herrschte. Das ist aber mit zahlreichen Hindernissen und Abenteuern verbunden.
Zu Beginn des Romans steht ein Gespräch zwischen Maclayston und seiner Tochter Edith über den Hunger in den vielen Gebieten des ehemaligen Zarenreichs, woran laut Maclayston die Bolschewiken Schuld trügen, was Edith wiederum nicht glauben mag. Maclayston liefert Hilfsgüter hauptsächlich an antibolschewistische, monarchistische Kräfte und verdient damit Millionen. Seine Tochter Edith beschließt, sich selbst zu informieren, und schifft sich unter falschen Namen auf einem Dampfer nach Sowjet-Russland ein.
Im zweiten Erzählstrang wird die Geschichte zweier französischer Abenteurer erzählt, die aus Marseille per Dampfer Richtung Kongo unterwegs sind. Es handelt sich um einen Zirkusartisten und einen ehemaligen französischen Offizier. Im Kongo sollen sie im Auftrag eines Pariser Nachtclub-Besitzers Affen besorgen, die dann in seinem Club „Zum blauen Affen“ in einer erotischen Show als Hauptattraktion neben der Tänzerin Camilla auftreten müssen. Der letzte lebende Affe ist freilich an Syphilis erkrankt, und der Club benötigt dringend Nachschub.
Die erkennbar nach dem Vorbild von Joseph Conrads Herz der Finsternis beschriebene Expedition endet dramatisch mit dem Tod der beiden Franzosen. Einziger Überlebender ist ein mysteriöser Matrose namens Martin, der – wie sich herausstellt – Kommunist ist. Hier laufen beide Erzählstränge schließlich zusammen. Martin befreit die inzwischen mit ihrer Tarnung aufgeflogene Edith, die von einem skrupellosen Mitarbeiter ihres Vaters entführt wurde. Gemeinsam verfolgen sie den skrupellosen Doktor Reeps bis zu den Bolschewiken. Bei jenen will Reeps das gestohlene Rezept des künstlichen Proteins zu Geld zu machen.
Beide Romane scheinen sehr verschieden, und die Literaturkritik ordnet sie sehr unterschiedlich ein. Doch sie weisen viele Gemeinsamkeiten auf: Beide bestehen aus einer Folge von – teils mehr, teils weniger – abenteuerlichen Episoden, die absichtlich in einer verwirrenden zeitlichen Abfolge präsentiert werden. Der Erzähler bindet den Leser in beiden Romanen in sein literarisches Spiel ein und tritt selbst als (sprachlich) handelnde Figur auf, die unerwartete Wendungen im Erzählfluss präsentiert. Geschwätzig bremst der Erzähler mit seinen Kommentaren und eingestreuten Anekdoten die Handlung und gibt mittels der Transformationen der handelnden Personen in andere Figuren dem Leser Rätsel auf. Anhand ungewohnter literarischer Verfahren bricht er schließlich traditionelle Wahrnehmungen und Handlungsmuster auf.
All diese literarischen Tricks und Stile, die vielen Tücken des Texts, meistert Johannes Queck hervorragend in seiner Übersetzung der beiden Romane.
Majk Johansen:
Die Reise des Gelehrten Doktor Leonardo und seiner zukünftigen Geliebten, der Schönen Alceste in die Slobidische Schweiz. Secession Verlag (dt. 2025), 240 S.
Ders.:
Die Abenteuer des Maclayston, Harry Rupert und Anderer. Secession Verlag (dt. 2023), 235 S.
Zwei Romane des ukrainischen Klassikers Majk Johansen liegen nun auf Deutsch vor. Alexander Kratochvil hat sie gelesen>
Majk Johansens Romane Die Reise des Gelehrten Doktor Leonardo (dt. 2023) und Die Abenteuer des Maclayston (dt. 2025), beide bei Secession in der Übersetzung von Johannes Queck, sind endlich auf Deutsch zu entdecken. Der Sohn eines deutschsprachigen Letten gehörte mit seiner Prosa und Lyrik zu den wichtigsten Autoren der klassischen Avantgarde Europas in den 1920er Jahren.
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Der Ukrainer Majk Johansen (1895 – 1937) war Dichter, Drehbuchautor, Linguist, Romanautor, Verfasser von sprachwissenschaftlichen Arbeiten (eine Grammatik und mehrere Wörterbücher), er verfasste einen Creative-Writing-Leitfaden in Buchlänge („Wie man eine Erzählung konstruiert“) und war Übersetzer aus „allen Sprachen der Welt“ – wie er selbst sagte. Gesichert sind seine ukrainischen Übersetzungen von Schiller, Shakespeare und Edgar Allen Poe. Seine Freunde charakterisierten ihn als humorvollen Intellektuellen und Spaßvogel. Darüber hinaus reiste Johansen gern, spielte leidenschaftlich Fußball, Volleyball, Schach, Billard und Tennis und hatte dabei einige legendäre sportliche Auftritte.
Mütterlicherseits war er der Ur-Ur-Ur-Enkel des legendären Kosaken Hrytsko und Anna Saavedra, der (von Johansen erfundenen) Schwester von Miguel de Cervantes Saavedra – so erzählt er augenzwinkernd selbst. Seine ersten schriftstellerischen Versuche gehen Johansen selbst zufolge ins Jahr 1904 zurück, als der Neunjährige ein philosophisches Gedicht über Alter und Tod in deutscher Sprache in eine Kellertür ritzte. Johansen hätte auch gerne im Mittelalter gelebt und wäre dann am liebsten der persönliche Sekretär von Erasmus von Rotterdam gewesen ... Diese skurril-unterhaltsamen Informationen über sich selbst präsentierte Johansen in einer mystifizierenden Autobiografie von 1928.
Als Johansen Ende der 1980er Jahre in den sowjetischen Literaturkanon zurückkehrt – aus dem er seit den 1930ern verbannt worden ist – ist er u. a. der „Mann mit dem geheimnisvollen Namen.“ Die verlässlichste Quelle für Informationen über sein Leben scheint eine mehrseitige Autobiografie zu sein, die Ende der 1980er Jahre in einem Archiv gefunden und erstmals 1989 zusammen mit einer Sammlung seiner Gedichte veröffentlicht wurde. Darin heißt es, dass sein Vater, Gervasius Johansen, Historiker war und als Lehrer für Deutsch und Latein an einem Gymnasium in Charkiw unterrichtete. Seine Mutter, Hanna Kramarevs'ka wird etwas klischeehaft im Stile von Schriftstellermüttern oder -großmüttern beschrieben – laut Johansen vermittelte die Mutter ihm die Liebe zur Sprache und einen kreativen Geist: „Die Vrohnatur [!] und Lust zum Fabulieren“ sowie „ein fröhliches Wesen, gutes Aussehen und so weiter“. Andere Quellen bestätigen, dass sein Vater tatsächlich ein angesehener Lehrer und Schulinspektor in Charkiw war, er entstammte dem deutschen Bevölkerungsteil im Baltikum.
Johansen selbst schloss 1917 sein Studium in Charkiw an der Fakultät für Geschichte und Philologie mit dem Hauptfach Latein ab. Er beherrschte außerdem Altgriechisch, Englisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Französisch sowie die skandinavischen und slawischen Sprachen. Seine Faszination für Schönheit und Kraft sprachlichen Ausdrucks zeigt sich in all seinen Gedichten und Prosatexten. Die Revolutionen von 1917 gaben den Anstoß, sich der Unabhängigkeitsbewegung der Ukraine auf Seiten der Ukrainischen Volksrepublik anzuschließen. Der 1918 ausgerufene unabhängige ukrainische Staat war zwar nur von kurzer Dauer. Er ebnete aber den Weg für eine Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik als Teilrepublik der 1922 gegründeten UdSSR.
Davor war Johansen, wie zahlreiche andere seiner Generation zum ukrainischen Kommunisten geworden. Damals beendete er auch seine russischen und deutschen literarischen Versuche und begann auf Ukrainisch zu schreiben. Die Transformation zum ukrainischen kommunistischen Schriftsteller äußerte sich parallel in seinem kulturpolitischen Engagement und seiner organisatorischen Tätigkeit in verschiedenen Literaturgruppierungen, wo er zusammen mit weiteren, später namhaften Autoren die ukrainische Literaturszene der 1920er Jahre durcheinanderwirbelte. Eine kurze Epoche, die einerseits tatsächlich die „goldenen Zwanziger“ der ukrainischen Literatur bedeuten, an deren Ende jedoch die so genannte „erschossene Wiedergeburt“ der ukrainischen Kultur stand. Der allergrößte Teil der Vertreter dieser Literatur- und Kulturszene wurde nämlich in den 1930er Jahren durch den Stalinismus vernichtet.
Johansen selbst wurde im August 1937 verhaftet und beschuldigt, Mitglied einer antisowjetischen, nationalistischen und terroristischen Organisation zu sein. Am 27. Oktober 1937 wurde er im Lukjaniwska-Gefängnis in Kijiw erschossen. In der Sowjetunion wurden sein Name und sein Werk bis Ende der 1980er Jahre totgeschwiegen. Und so ist die deutsche Erstübersetzung von Johansens Romanen auch eine Art „Wiedergeburt“, wie
Birgit Böllinger in ihrem Blog schreibt.
Eine Welt multipler Identitäten
Der Roman Die Reise des Gelehrten Dr. Leonardo und seiner zukünftigen Geliebten, der Schönen Alceste in die Slobidische Schweiz skizziert die zauberhafte Landschaft der südöstlichen Ukraine (Sloboda-Ukraine), deren Reiz auch von anderen Autoren literarisch gestaltet wurde. Es stößt deshalb umso bitterer auf, dass es sich dabei um jene Landschaft handelt, die sich Russland in seiner Vernichtungsorgie gerade (2026) einverleiben will und in eine Trümmerlandschaft verwandelt mit dem erklärten Ziel, die ukrainische Kultur und ihre Menschen zu zerstören.
Diese Region war keinesfalls – wie von uninformierten Kreisen innerhalb und außerhalb Russlands behauptet wird – russischsprachig oder gar von einer russischen Bevölkerungsmehrheit besiedelt. Der Donbas und der ganze Süden und Südosten der Ukraine waren bis weit in die Mitte des 20 Jahrhunderts hinein mit Ausnahme der großen urbanen Ballungszentren ukrainisch und ukrainischsprachig. Nicht zuletzt kommen im 20. Jahrhundert zahlreiche namhafte ukrainische Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle gerade aus dieser Region. In der Gegenwart angefangen mit Serhij Zhadan über Wassyl Stus als Vertreter der Literatur der 1960er Jahre sowie eine ganze Reihe Autoren der 1920er Jahre – Johansen selbst stammt aus Charkiw – bis hin zum Verfasser des noch immer als Standardwerk gültigen Wörterbuchs der ukrainischen Sprache von Borys Hrintschenko.
In der bereits erwähnten Autobiografie aus dem Jahr 1928 heißt es spielerisch und doch ernst: „Also werde ich, Majk Johansen, im Jahr 1942 sterben und mich im Reich der Schatten niederlassen und dort mit Hesiod, Heine und Miguel Saavedra de Cervantes kluge Gespräche führen. Aber ich werde mit ihnen auf Ukrainisch sprechen, denn ich glaube, dass unser blühendes Vaterland ein Diamant unter den freien Völkern der Welt ist. Und ich werde dort, im Reich der Schatten, sagen, dass ich, Majk Johansen, zu Lebzeiten einer der besten Dichter des neueren ukrainischen Landes war und auch nach meinem Tod einer bleiben werde, dass ich, unermüdlich, mit Wort und Tat die mir bestimmte Fahne stolz und hoch getragen habe …“
Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass Johansen der Verfasser einer der markantesten sprachspielerischen Romane der ukrainischen Literatur im 20. Jahrhundert ist. Der Roman mit dem barockisierenden Titel Die Reise des Gelehrten Doktor Leonardo und seiner zukünftigen Geliebten, der schönen Alceste, in die Slobidische Schweiz entführt den Leser in eine Welt multipler Identitäten, Rollen, Masken, Beziehungen zwischen Mensch und Tier – etwa dem Terrier, der auf den Namen Rudolfo hört und der sein Herrchen für dessen schlechte Gedichte kritisiert. Vor allem bezaubert jedoch die pittoreske Landschaft als die eigentliche Hauptfigur des Romans.
Der den Handlungsfortgang häufig kommentierende Erzähler wendet sich als eine Figur des Romans immer wieder an den Leser: „Nirgends steht geschrieben, dass ein Autor eines literarischen Werkes sich dazu verpflichtet, lebendige Menschen durch dekorative Landschaften zu führen. Er kann das Gegenteil versuchen und dekorative Menschen durch lebendige und reichhaltige Szenerien führen.“
Der Roman ist in vielerlei Hinsicht das Werk einer Verweigerung der gewohnten Romanform. Zahlreich finden sich solche literarischen Verfahren, die der formalistische Theoretiker Wiktor Schklowski als „Verfremdung“ charakterisierte. Diese durchbricht die in der Alltagssprache automatisierte Wahrnehmung, und öffnet für den Leser ungewohnte Wahrnehmungsperspektiven, u. a. wird er sich der Künstlichkeit sowie der literarisch-handwerklichen Bauweise des Romans, (aus Elementen wie Plot, Figuren und Setting, Erzähler und seine Erzählweise) bewusst. Anschaulich wird eine derartige Verfremdung im folgenden Beispiel mit der erstaunlichen Verknüpfung von Zoologie, Denken und Sprache resp. Literatur:
„Ein Zoologieliteraturhistoriker denkt ungefähr auf diese Weise:
In seinem Bauch hört er ein unbestimmtes Grummeln und fühlt eine unangenehme Leere. Diese Leere, wie die Chemiker schreiben, strebt danach, mit Kotlety und Erbsen, Gurijewbrei und Plombir gefüllt zu werden. So entsteht der erste Gedanke – ‚essen‘.
Gleichzeitig sendet die Zunge Signale, dass sie trocken ist und mit Schnaps, verdünnt mit Wasser und verfeinert mit Blutwurz oder Bisongras, erfrischt werden könnte. So formt sich die zweite These: ‚trinken‘. Im Zusammenklang mit der ersten These ergibt das die erste gedankliche Operation – einen Akt kombinatorischen Denkens: ‚essen und trinken‘! Diese Prozesse entwickeln sich weiter, werden komplexer und erreichen die Grenze der Subtilität analytischer Ketten.“
Es sind vor allem die metafiktionalen Bausteine des Romans, die die Aufmerksamkeit des Lesers wecken. Dabei handelt es sich um eine systematische Störung der Lesegewohnheit und literarischen Rezeptionsmuster, der Ablenkung vom Erzählfluss, durch eine mäandernde Verzögerung mittels Anekdoten, Abschweifungen, Exkurse etc. – etwa der im Titel angekündigten künftigen Vereinigung zwischen Doktor Leonardo und der schönen Alceste.
Die Subversion des von sowjetischen Parteikritikern seit den 1920er Jahren favorisierten realistischen Romans wird in Die Reise des Gelehrten Doktors Leonardo … von einer Unterwanderung allgemein akzeptierter sozialer Normen begleitet. Der Roman entwirft Szenarien, in denen sich die Protagonisten ebenso „befremdlich“ verhalten wie der Erzähler mit seiner verfremdenden Erzählperspektive. Die humorvolle, bisweilen ironische Irritation der Leserschaft stellt dabei jegliches ihr mögliches moralisches oder ideologisches Urteil infrage. Ein Förster z. B: wirft seine Frau und seine beiden Kinder aus dem Haus, um die Lebenshaltungskosten zu senken; er schießt sogar auf sie, als sie versuchen zurückkehren. Dennoch wird dieser Protagonist beharrlich und wiederholt als „der gute Baumzüchter” bezeichnet, was die Frage aufwirft, welche Bedeutung das Adjektiv „gut” überhaupt haben kann.
Der Bruch mit der Leseerwartung, wie Leser sie aus romantischer und realistischer Literatur kennen, schließt in Johansens Roman auch Naturschilderungen mit ein und bildet ein mitreißendes Beispiel von Nature Writing in der ukrainischen Literatur mit erstaunlichen Sprachbildern:
„Sehr weit war die Steppe, überall war Steppe, über ihnen, neben ihnen und vor ihnen. Die Steppe umgab sie wie eine Unterlegscheibe, rund und ohne Ende. Die, die in den Bergen und Hügeln, auf den hohen Ufern des Flusses oder in den feuchten Wäldern lebten, würden die Steppe nicht sehen, wenn sie dort auf dem endlosen Ring umhergingen. Sie war nicht da. Die Steppe ist das, was es nicht gibt.“
Die Protagonisten, Leonardo und Alceste, sind laut der allwissenden Erzählerfigur „reine Pappkameraden“ und „bewegliche Dekorationen“, die dem Landschaftsroman eine gewisse Dynamik verleihen, weil der Leser ihren Wegen und ihren Abenteuern folgt. Sie sind jedoch das Mittel zum Zweck, um diese imaginäre Landschaft heraufzubeschwören – eine symbolhafte Landschaft, die für den Autor die kulturelle und intellektuelle Heimat, nämlich die ukrainische und europäische Literatur darstellt.
Der Leser als Detektiv
Diese literarische und kulturelle Heimat gestaltete Johansen wiederum mit zahlreichen intertextuellen Anspielungen im Roman Die Abenteuer des Maclayston, Harry Rupert und Anderer. Hier wird das Motiv eines gefundenen deutschsprachigen Manuskripts, das nun übersetzt und vom Herausgeber auch ein wenig umgeschrieben wird, da es stellenweise „ein wenig unbeholfen verfasst“ ist, kombiniert mit einer exotischen anmutenden Abenteuer- und Detektivgeschichte. Trotz seiner experimentellen Anlage wurde der Roman im Jahr seiner Veröffentlichung 1925 mit über 100.000 verkauften Exemplaren zum Bestseller.
Diese Art neuer sozialistischer Genreliteratur mit dem kommunistischen positiven Helden und den negativen Protagonisten als Vertreter eines Raubtierkapitalismus war mit ihren inhaltlichen und formalen Mustern in der Kombination mit ironischen und parodistischen Elementen für ganz unterschiedliche Lesergruppen attraktiv. Die offen zur Schau gestellte Inspiration durch die damals in Mittel- und Osteuropa populären Autoren R. L. Stevenson, Jack London, H.G. Wells, A. Conan-Doyle, Karl May u. a. verlieh dem Roman einen zusätzlichen Reiz für die Leser. Dazu trugen auch die zahlreichen metafiktionalen Verfahren und die häufigen Einmischungen durch den Erzähler bei, der in der Maske des Autors auftritt, und selbstironisch fragt „Wer ist eigentlich der Autor dieses Romans?“, um kurz darauf mitzuteilen, „[d]er Autor dieses Romans ist ein Mann, 28 Jahre alt, brünett. Übrigens ist möglicherweise ein Mädchen, 23 Jahre alt, blond, seine Geliebte. … Manche meinen sogar, dass dies ein Gemeinschaftswerk von fünf Genossen sei, drei Brünetten und zwei Blonden.“
Und dann fügt die Erzählerfigur noch im selben Atemzug an: „Die Hauptfigur, der wichtigste Held dieses Romans ist – sein Autor“. Tatsächlich treibt diese Hauptfigur ein auf den ersten Blick undurchsichtiges Spiel mit dem Leser, der vom Titel ausgehend einen eher traditionellen Abenteuer- oder Detektivroman erwartet. Diese Erwartung wird dann auf unerwartete Weise unterlaufen, indem die Hauptprotagonisten zuweilen ankündigungslos ihre Namen wechseln oder die synoptischen Kapitelüberschriften nicht immer damit übereinstimmen, was der Leser im Kapitel erwarten kann. Der Leser wird selbst zum Detektiv. Wenn er sich auf Johansens Spiel einlässt, findet er seinen Weg, bestens unterhalten, durch das erzählerische Labyrinth mit all den Fäden, die der Erzähler vor ihm, dem Leser, ausrollt.
Es gibt dabei zwei Haupthandlungsstränge, die nach und nach zusammengeführt werden. Der erste verfolgt die Jagd nach der genialen Erfindung von Harry Rupert: Er hat ein Protein entwickelt, das den Hunger in der Welt besiegen könnte. Das Produkt lässt sich für verschiedene Geschmacksrichtungen adaptieren. Bald schon versuchen der fette amerikanische Kapitalist Maclayston und der degenerierte englische Professor Reeps, sich die Erfindung anzueignen. Rupert beschließt, seine Erfindung an die Sowjetregierung zu verkaufen, um die Hungersnot zu lindern, die nach dem Ersten Weltkrieg Anfang der 1920er Jahre in der Sowjetunion herrschte. Das ist aber mit zahlreichen Hindernissen und Abenteuern verbunden.
Zu Beginn des Romans steht ein Gespräch zwischen Maclayston und seiner Tochter Edith über den Hunger in den vielen Gebieten des ehemaligen Zarenreichs, woran laut Maclayston die Bolschewiken Schuld trügen, was Edith wiederum nicht glauben mag. Maclayston liefert Hilfsgüter hauptsächlich an antibolschewistische, monarchistische Kräfte und verdient damit Millionen. Seine Tochter Edith beschließt, sich selbst zu informieren, und schifft sich unter falschen Namen auf einem Dampfer nach Sowjet-Russland ein.
Im zweiten Erzählstrang wird die Geschichte zweier französischer Abenteurer erzählt, die aus Marseille per Dampfer Richtung Kongo unterwegs sind. Es handelt sich um einen Zirkusartisten und einen ehemaligen französischen Offizier. Im Kongo sollen sie im Auftrag eines Pariser Nachtclub-Besitzers Affen besorgen, die dann in seinem Club „Zum blauen Affen“ in einer erotischen Show als Hauptattraktion neben der Tänzerin Camilla auftreten müssen. Der letzte lebende Affe ist freilich an Syphilis erkrankt, und der Club benötigt dringend Nachschub.
Die erkennbar nach dem Vorbild von Joseph Conrads Herz der Finsternis beschriebene Expedition endet dramatisch mit dem Tod der beiden Franzosen. Einziger Überlebender ist ein mysteriöser Matrose namens Martin, der – wie sich herausstellt – Kommunist ist. Hier laufen beide Erzählstränge schließlich zusammen. Martin befreit die inzwischen mit ihrer Tarnung aufgeflogene Edith, die von einem skrupellosen Mitarbeiter ihres Vaters entführt wurde. Gemeinsam verfolgen sie den skrupellosen Doktor Reeps bis zu den Bolschewiken. Bei jenen will Reeps das gestohlene Rezept des künstlichen Proteins zu Geld zu machen.
Beide Romane scheinen sehr verschieden, und die Literaturkritik ordnet sie sehr unterschiedlich ein. Doch sie weisen viele Gemeinsamkeiten auf: Beide bestehen aus einer Folge von – teils mehr, teils weniger – abenteuerlichen Episoden, die absichtlich in einer verwirrenden zeitlichen Abfolge präsentiert werden. Der Erzähler bindet den Leser in beiden Romanen in sein literarisches Spiel ein und tritt selbst als (sprachlich) handelnde Figur auf, die unerwartete Wendungen im Erzählfluss präsentiert. Geschwätzig bremst der Erzähler mit seinen Kommentaren und eingestreuten Anekdoten die Handlung und gibt mittels der Transformationen der handelnden Personen in andere Figuren dem Leser Rätsel auf. Anhand ungewohnter literarischer Verfahren bricht er schließlich traditionelle Wahrnehmungen und Handlungsmuster auf.
All diese literarischen Tricks und Stile, die vielen Tücken des Texts, meistert Johannes Queck hervorragend in seiner Übersetzung der beiden Romane.
Majk Johansen:
Die Reise des Gelehrten Doktor Leonardo und seiner zukünftigen Geliebten, der Schönen Alceste in die Slobidische Schweiz. Secession Verlag (dt. 2025), 240 S.
Ders.:
Die Abenteuer des Maclayston, Harry Rupert und Anderer. Secession Verlag (dt. 2023), 235 S.
