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Fotografie November 1986 (Bayerische Staatsbibliothek/Timpe)

München, Sankt-Martins-Platz 1: Kir Royal I

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Die Aussegnungshalle des Ostfriedhofs wurde zum Edelrestaurant Villa Medici in der 1. Folge. (c) Peter Czoik

Im Nobelrestaurant „Villa Medici“ hofft Heinrich Haffenloher auf Baby Schimmerlos zu treffen. Die nackten Kellner am Drehort – die Aussegnungshalle des Ostfriedhofs – sorgten für einen Skandal („Der ewige Stenz“, S. 37).

In der ersten Folge schreibt Baby Schimmerlos eine Klatsch-Serie über Münchner Restaurants, in denen die Schickeria verkehrt. Der geltungssüchtige Klebstoff-Fabrikant Heinrich Haffenloher (gespielt von Mario Adorf) will auch in die Zeitung und landet beim Versuch, Schimmerlos zu finden, im Edelrestaurant Villa Medici, wo Schimmerlos gelegentlich verkehrt:

Villa Medici. Innen Auf einem Tablett stehen zwölf Champagnergläser. Rasch wird in jedes Glas ein Schuß Cassis gegeben und mit Champagner aufgefüllt. Ein Ober in römischer Toga und Sandalen ergreift das Tablett. Er trägt das Tablett mit den zwölf Gläsern durchs Lokal. Das Lokal sieht aus wie eine griechische Antikensammlung mit Säulen und Statuen. Die Tische sind mit Damast gedeckt und alle besetzt. Der Ober umrundet mit seinem Tablett mehrere Säulen, ehe er zu einer großen Tafel kommt, die für zwölf Personen gedeckt ist und an deren Kopfende einzig und allein Heinrich Haffenloher sitzt. Er hält die Speisekarte in der Hand. Der Ober stellt ganz selbstverständlich vor jedes der Gedecke einen Kir Royal. [...]

HAFFENLOHER. Verzeihen Sie... äh... ist das nicht ein bißchen viel für mich... allein?

OBER. Pardon – das ist ein Tisch für zwölf Personen.

HAFFENLOHER. Ja, aber... wenn ich das alles trinke, dann...

OBER. Pardon – Sie sind ja nicht gezwungen, alles zu konsumieren, was Sie bestellen.

HAFFENLOHER. Ah ja... natürlich... ja...

OBER. Als Vorspeise empfehle ich Ihnen frisches Carpaccio vom Lachs in Kaviarrand mit weißen Trüffeln.

HAFFENLOHER. Ah ja... äh – gibts nicht vielleicht irgendwas Bil-... äh... Bescheiden-... äh was Einfacheres?

OBER. Pardon – das ist sehr einfach. Wenn Sie was Billigeres wollen, dann müssen Sie zu MacDonalds gehen.

(Helmut Dietl; Patrick Süskind: Kir Royal, S. 26f.)

Am Ende verteilt Haffenloher wahllos 1000-DM-Scheine an die Bediensteten, die sich nicht zu schade sind, die Scheine einzustecken und am Ausgang Spalier für ihn stehen. Nach Schimmerlos-Vorbild Michael Graeter war die Villa Medici eine (parodistische) Anspielung auf das Edelrestaurant Tantris in der Johann-Fichte-Straße in Schwabing:

Vor Villa Medici. Die zehn Kellner des Lokals stehen in ihren römischen Togen vor dem Ausgang des Lokals stramm. Sie bilden ein Spalier, durch das Haffenloher, Geldscheine verteilend, auf ein wartendes Taxi zugeht.

ALLE KELLNER. Danke, Herr Generaldirektor... vielen Dank, Herr Generaldirektor...

Der Taxichauffeur öffnet Haffenloher die Tür des Wagens. Bevor Haffenloher einsteigt, wendet er sich noch einmal zu den an der Treppe versammelten Kellnern um, winkt ihnen zu.

HAFFENLOHER. Auf Wiedersehen, meine Herren!

DIE KELLNER im Chor. Auf Wiedersehen, Herr Generaldirektor Haffenloher!

Das Taxi fährt ab. Haffenloher winkt durch die Scheibe. Alle Kellner winken dem davonfahrenden Taxi nach.

(S. 36)

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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

„Der ewige Stenz“. Helmut Dietl und sein München (Literaturhaus München HEFTE, 9). München 2016.

Helmut Dietl; Patrick Süskind: Kir Royal. Aus dem Leben eines Klatschreporters. In der Originalfassung. Albrecht Knaus, München/Hamburg 1986.