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Timo & Oma Käthe

Timo hält nichts von redseligen Omas – vor allem nicht, wenn er sie im Rollstuhl durch die Stadt schiebt.

Wieso hat er seiner Großmutter nicht wieder ein Buch über das alte München gekauft, denkt sich Timo, während er mit seinem Dirt-Bike vom Isarhochufer in Solln am Golfplatz entlang bergab zum Asam-Schlössel gleitet. Die gibt es im Hugendubel bei den Restposten im Erdgeschoss. Damit war er bisher, wenn er sich selbst um ein Geschenk für Oma Käthe kümmerte, gut gefahren. Er radelte die letzten Meter – über den Zebrastreifen links in den kleinen Park, an der Jugendherberge vorbei durch Thalkirchen, bis er sein Rad an der Seniorenresidenz „Sunrise“ – welch absurder Name für ein Altenheim – am Fuße des Rodelbergs abstellt. Diesmal hatte er es total verplant. Es war auch blöd, dass ihr 89. Geburtstag auf einen Sonntag gefallen war, und es hatte ihn – typisch seine liebe Familie – niemand erinnert. Überall lauern im Moment erzieherische Maßnahmen. Also blieb Timo nur der Griff zum Gutschein und »diesmal heißt es Wort halten«, hatte seine Mutter gesagt. Oma Käthe überlegte kurz und wünschte sich für den Nachmittag mit ihrem Enkel einen Ausflug ins Haus der Kunst. Dort wird gerade der chinesische Künstler Ai WeiWei gefeiert und das müsse »ein interessierter Junge wie Timo einfach sehen«. Timo kann nicht viel mit Kunst anfangen, doch nachdem er den Chinesen gegoogelt hat, weiß er, dass das Werk des Künstlers eher dem »Monumentalen« zuzuordnen ist.

Timo fährt mit dem Marmorlift in den 2. Stock des Seniorenheimes, das so exklusiv ist, dass es nur zur Hälfte bewohnt ist. Die Wohnungstür seiner Großmutter steht offen.

»Komm doch rein, Timo, ich dachte mir schon, dass du kommst.«

Er schlurft vorbei an der Wand mit den kiloschweren Kunstbüchern in das helle Wohnzimmer. Oma Käthe sitzt in ihrem Rollstuhl an der Balkontür. Gedankenverloren blickt sie aus dem Fenster auf die sanften, zögerlich mit Schnee bestäubten Hügel des Parks, die in den 60er Jahren aus dem Schutt des Krieges angelegt worden waren.

Viele Jahre versuchte Käthe die Erinnerung an die Kriegszeit vor den träger werdenden Augen ihres Gewissens zu verbergen. Die pausenlose Arbeit nach dem Krieg und der Hunger des Wirtschaftswunders auf Schönes halfen ihr dabei. Ihre Galerie hatte sie einige Jahre vor Timos Geburt verkauft und sich von dem Erlös Microsoft-Aktien zugelegt. Sie verbrachte ihre zweitbesten Jahre in den Museen, Galerien und Ateliers dieser Welt und lebte aus Koffern. Umso mehr litt sie unter der plötzlich eingetretenen Unbeweglichkeit, die eine misslungene Hüftoperation mit sich gebracht hatte.

Käthe blickt erneut zum Fenster.

»Weißt Du, Timo, seit einigen Jahren erinnert mich Schnee an die Gegenwart, die die Vergangenheit zudeckt und so erträglicher macht. Dann suche ich auf der Schneedecke nach Spuren, die mir etwas über die Vergangenheit erzählen.«

Oma Käthe redet immer mehr in Rätseln, findet Timo.

»Heute bin ich auf ein interessantes Tagebuch gestoßen, Timo. Es beginnt im Sommer 1937 und beschreibt, wie der Wind sich damals in München drehte.«

Oma Käthes Spleen ist es, Jahrzehnte alte Tagebücher zu lesen, und zwar nicht ihre eigenen. Ein Antiquitätenhändler der Auer Dult sucht für sie in Nachlässen. Wie sie sagt, wolle sie damit nicht nur ihre Augen und ihr Gedächtnis trainieren, sondern sie hofft, durch die unterschiedlichen Schilderungen derselben Geschehnisse ihrer eigenen Wahrnehmung von damals ein Stück näher zu kommen. Sie deutet auf ein kleines braunes Buch mit abgeblätterten goldenen Prägungen, das geschlossen auf ihrem Schoß liegt.

»Die Einträge stammen von einer damals 16-jährigen, die einen unbeschwerten Sommer mit ihrer ersten Liebe erlebt. Ich würde das Buch gern mitnehmen und dir unterwegs daraus vorlesen, Timo.«

»Muss das sein?«

»Bitte...« Käthe schürzt ihre Lippen.

»Keine Angst, es wird dich nicht langweilen.«

Timo könnte sich ohrfeigen, dass er seine Oma an diesem klaren und klirrend kalten Januarsamstag mit dem Tagebuch einer fremden Frau Richtung U-Bahn schiebt, während sich seine Clique mit überdimensionalen 3D-Brillen equiped im Mathäser das Science-Fiction-Spektakel »Avatar« gibt.

»Lieb von dir, dass du das mit deiner alten Oma unternimmst«, sagt Käthe und streicht mit dem Tagebuch die Decke auf ihren Beinen zurecht, während sie auf den Lift zum Bahnsteig warten.

»Dieser Ai WeiWei macht sehr viel mit dem Internet, Timo, genau wie du und deine Freunde.«

»Passt schon«, entgegnet Timo, während er von einem Bein auf das andere tänzelt. Eigentlich ist es zu kalt für Chucks, aber die Kamik-Stiefel, die ihm seine Mutter neulich gekauft hat, sind einfach total uncool. Timo schiebt den Rollstuhl in den Aufzug und die Blende seiner Burton-Snowboarder-Mütze tiefer ins Gesicht, als ein Mädchen mit langen braunen Haaren zusteigt. Sie sieht ein, zwei Jahre älter aus als Timo, aber vielleicht ist sie auch jünger. Sie dreht den beiden den Rücken zu und bleibt direkt vor der Glastür stehen, die sich langsam schließt. »Du hättest sicher heute auch was Besseres vor, als deine klapprige Großmutter zu chauffieren«, sagt Oma Käthe, während sie den Rucksack des Mädchens mustert. Er sieht aus, wie der Tarnanzug eines Soldaten in Afghanistan, nur die Farben stimmen nicht.

»Passt schon, Oma!« erwidert Timo und spürt, wie er rot wird.

»Ach, was waren wir froh, als der Krieg nach all den Jahren vorbei war«, sinniert Käthe.

Das Mädchen dreht sich um, lächelt bis ihre Zahnspange blitzt und sagt zuerst zu Käthe gewandt: »Das kann ich mir auch vorstellen, Krieg ist echt ätzend« und während ihr Blick zu Timo schwenkt:

»Coole Mütze, Quicksilver?«

»Ne, Burton.«

Timo ist nun röter als sein iPod. Als sich die Aufzugstür nach einer gefühlten Ewigkeit am Bahnsteig öffnet, atmet Timo tief ein. Hier beginnt der echte Spießrutenlauf, denn seine Oma ist redselig und die Fluchtmöglichkeiten sind stark eingeschränkt. Timo mag seine Großmutter, aber in der Öffentlichkeit kann Familie leicht peinlich werden. Das Mädchen steigt in einen anderen Wagen. Oma Käthe erfragt von Timo die jeweils nächste Haltestelle. Sie zitiert markante Punkte im Stadtbild über ihnen, wie das KVR oder die Haunersche Kinderklinik, in der Timo seine Phimose operiert worden war. Nach zehn Minuten erreichen sie den Odeonsplatz. Während der Fahrt an die Oberfläche normalisiert sich Timos Adrenalinspiegel. Dank google maps weiß er, dass der direkte Weg zum P1 durch den Hofgarten führt. An der anderen Seite muss der Eingang zum Museum sein. Er schiebt seine Großmutter im Halbdunkel der Arkaden entlang, da es ihm hier wärmer vorkommt, als draußen im Kies. Trotz der Kälte sind viele Spaziergänger unterwegs. Käthe zieht ihre Handschuhe aus und blättert in dem Tagebuch.

»Hier war dieses Mädchen zum ersten Mal bei einer Kunstausstellung.« Käthe blättert hin und her.

»Irgendwo schreibt sie: 'an diesem Tag wurde mein Interesse für Kunst geweckt.' Vielleicht entdeckst du heute bei Ai WeiWei deines, Timo.«

»Eher nicht, Oma!«

Timos Unverständnis gegenüber diesem so genannten Künstler erstreckt sich vom albernen Namen, über das dazu passende Aussehen auf den roten Plakaten, bis hin zu dem aus hundert Wurzeln bestehenden Werk auf einem hochflorigen Teppichboden, der den darunterliegenden Steinboden eins zu eins nachbildet. Timo hat’s im Internet gesehen und hält’s für bekloppt. Cool findet er den Twitter-Channel WeiWeis.

Aber nur, weil chinesische Schriftzeichen mit deutschem Windows so abgefahren aussehen.

Als sie unter den Arkaden rechts abbiegen, fragt Timo:

»War hier denn früher ein Museum?«

»Nein, das sind die Hofgarten-Arkaden, damals wie heute. Hier wurde geächtete Kunst ausgestellt. Tausende Bilder und Plastiken waren aus den Museen des Reiches beschlagnahmt worden. Ein Teil von ihnen wurde hier gezeigt. Die 'ewige' deutsche Kunst wurde im neu erbauten 'Haus der Deutschen Kunst' ausgestellt.«

»Die spinnen, die Nazis!«, kommentiert Timo. Er fühlt sich in den Geschichtsunterricht versetzt. Da hilft nur abschalten.

Oma Käthe klopft mit ihren schiefen Fingern ein paar Mal auf eine Seite. »Hier ist es. Die junge Frau, sie heißt übrigens Clara, schreibt am 25. Juli 1937: Heinz holt mich mit seinem Fahrrad in der Lilienstraße ab und hilft mir auf den Lenker. Er fährt schnell, aber sicher. Wir fahren über den Fluss am Isartor vorbei und dann rechts Richtung Maximilianstraße. Nach ein paar Minuten erreichen wir den Hofgarten. Wir möchten zu der Ausstellung, die in diesen Tagen Stadtgespräch ist. 'Entartete Kunst, Gequälte Leinwand, krankhafte Phantasien geisteskranker Nichtskönner!' – so kündigen Goebbels Flugblätter die Ausstellung an. Neben jedem Werk stehen der Preis und der Name des Museumsdirektors, der es gekauft hat. Heinz kommt seit der Eröffnung jeden Tag her, denn in der Ausstellung befinden sich ein paar Bilder eines guten Freundes. Er hatte ihn gebeten, ihm die Reaktion der Besucher zu beschreiben. Für den Freund ist es zu riskant, selbst herzukommen.«

Oma Käthe täuscht Schwäche vor und lässt das Buch auf den Schoß sinken. »Lies weiter, Oma, das hab’ ich in der Schule nie so gehört.«

Käthe fährt fort: »'Ich bin fasziniert von der Kraft und dem Mut dieser Künstler. Sie verheimlichen nicht, was viele von uns fühlen. Sie zeigen mit dem Finger auf die Kriegstreiber. Doch die Organisatoren dieser Ausstellung vergleichen das, was hier hängt, mit den unbeholfenen und übertriebenen expressiven Werken von Geisteskranken und Krüppeln. Sie sagen, dass Krankes Krankes gebiert. Es geht ihnen nicht um die Bilder, sondern darum, die Hatz auf die Kritiker des Deutschen Reiches weiter voran zu treiben. Nicht alle in der Partei sind schlechte Menschen, auch Vater nicht. Er wollte Zeichenlehrer werden, bevor er letztes Jahr in diese Kommission berufen wurde.'«

Gefesselt von den Worten der Fremden vergisst Timo seine Oma für einen Augenblick. Stattdessen fühlt er sich wie auf einem Fahrrad mit robustem Lenker und fährt schnell, aber sicher mit dem Mädchen aus dem Aufzug durch den Hofgarten.

Oma Käthe und Timo hängen noch ihren Gedanken nach, während sie sich auf die Staatskanzlei zubewegen. Nach längerem Schweigen überlegt sich Timo, ob seine Oma bei dieser Kälte eingeschlafen sein könnte.

»Wir ahnten das alles nicht. Dass sie so weit gehen würden...«

»Aber es haben viele fleißig mit angepackt. Sonst wäre die Sache mit den Juden gar nicht möglich gewesen.«

»Das meine ich nicht, davon wussten die Wenigsten.«

»Sorry – war nicht gegen dich«, erwidert Timo.

Oma Käthe friert plötzlich, und zieht die Decke hoch. Sie blättert fast bis zum Ende des Buches und wieder einige Seiten zurück, hält ihren Zeigefinger zitternd auf eine Textstelle und beginnt erneut zu lesen:

»'17.Februar 1939. Lange nichts geschrieben! Mit der Flucht von Heinz und seinen Geschwistern einige Tage vor Weihnachten verblassen auch meine Erinnerungen an die für mich unbeschwerten Tage im Hofgarten. Man sieht nur noch sehr selten Gemälde oder hört Meinungen, die von einem freien Geist zeugen. Wenige sagen etwas. Falls doch, verschwinden sie nach kurzer Zeit. Vor zwei Jahren hatten mich die Bilder von Paul Klee und Kurt Schwitters wegen ihres sensiblen Blicks und ihrer unbändigen Kraft berührt. Es war so wie meine Liebe zu Heinz. Seit er ins Ausland flüchten musste, ist das Schöne aus meinem Leben verschwunden. Grau und Braun bestimmen die Tage. Doch gestern ist plötzlich etwas Unglaubliches geschehen: ich sollte ein Glas Pflaumenkompott aus dem Keller holen. Da entdecke ich hinter einem Vorratsregal eine versteckte Türe. Ich habe sie vorher niemals bemerkt, weil sie wie die Wand aussieht. Ich habe Angst vor Vaters Schelte, wenn er rausbekommt, dass ich so neugierig bin. Doch ein wenig später fasse ich mir ein Herz, schiebe das Regal zur Seite und öffne die Tür. Ich drehe am Lichtschalter und finde an beiden Seiten Regale, in denen in Packpapier verschnürte und mit grauen Decken verhängte Leinwände stehen. Der Raum ist einige Meter lang, doch er ähnelt mit seiner Enge einem Unterwasser-Boot, wie sie neuerdings in der Wochenschau gezeigt werden. Unter den grauen Decken verbirgt sich eine Farbenpracht, wie zuletzt im Hofgarten. Der Raum ist voller Expressionisten, Dada und Kubismus, die mein Vater, als er in der Kommission zur Beurteilung 'Entarteter Kunst' tätig war, anscheinend vor dem Hochofen gerettet und hierher gebracht hatte.'«

»Oh Mann, plötzlich findet das Bunny einen Schatz im Keller! Was passierte mit ihr? Was machte sie mit den Schinken?«

Timo spürt das Gewicht des Rollstuhls deutlich, als es sanft bergab in die Unterführung geht. Ihre Stimmen hallen von den Wänden wider.

»Claras Vater war Witwer und zog sie alleine groß. Clara traute sich nicht, ihn auf die Bilder anzusprechen, denn er hatte sich die letzten Jahre stark verändert. Sie konnte ihn nicht mehr einschätzen. Bis er 1943 fiel, hatte sie den Keller beinahe wieder vergessen. Doch sie hütete ihr Geheimnis noch ein paar Jahre. Als der Krieg zu Ende war, fanden sich für die Bilder im Ausland Interessenten, die gute Preise bezahlten und die an absolutem Stillschweigen über den Verbleib dieser Bilder ebenso interessiert waren, wie Clara.«

»Abgefahren! Dann hat diese Clara am Ende das große Los gezogen, weil ihr Vater in der Kommission war.«

Sie sind auf den letzten hundert Metern unter dem Altstadtring, vorbei an einem unauffälligen Eingang zum Englischen Garten, hinauf zur Prinzregentenstraße. Schon von weitem leuchten ihnen bunte Rucksäcke entgegen.

Timo wird langsamer, bleibt schließlich stehen.

»Aber, dann war das die gleiche Kommission, die diese entartete Kunstausstellung organisiert hat, oder?«

Oma Käthe überhört Timos Frage.

»Schau mal, die Rucksäcke. Das sind Tausende. Die sind von chinesischen Schulkindern, die bei einem Erdbeben umgekommen sind.«

»Wieso sind sie dann so sauber?«, fragt Timo und ohne eine Antwort abzuwarten, fügt er hinzu: »Aber sag’ mal, wie ging Claras Geschichte weiter? Ihr Typ, dieser Heinz war doch geflüchtet. Was wurde aus ihm?«

»Sie sah ihn nie wieder.«

Käthe presst beide Hände fest auf das Buch.

»Nach dem Tod ihres Vaters nahm sich Clara einer Vollwaise aus ihrer Nachbarschaft an und zog sie als ihre Tochter groß. Sie behauptete vor den Behörden, ihre Papiere seien dem Feuer einer Bombennacht zum Opfer gefallen. Die Leute fragten nicht lange nach, wenn sich jemand freiwillig eines Kindes annahm. Bei dieser Gelegenheit nahm Clara ihren zweiten Vornamen als Rufnamen an.«

Timo nimmt Anlauf, um die sanft ansteigende Rampe für Behinderte schnell zu überwinden, der eiskalte Fahrtwind sticht Oma Käthe auf der Haut. Sie lacht. Sie lacht fast so wie damals, als sie auf Heinz` Fahrradlenker gesessen war. Das Lachen ebbt ab und die beiden passieren den Eingang. Sie stehen an der Kasse an, als sich Oma Käthe zu Timo umdreht.

»Timo, ich muss dir noch was sagen.«

»Passt schon, Oma!«

»Das Waisenmädchen war deine Mutter!«


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Verfasser: © Andreas Zachariades, 2011

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