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Paul Marx

... trifft jemand zweimal im Leben.

Paul Marx trat durch die Eingangstür des Hotels Cortiina auf die Ledererstraße. Er war Unternehmensberater und freute sich, die Stadt wiederzusehen, in der er vor 25 Jahren studiert hatte. Es war Ende Juli und an diesem Sommertag auch am späten Abend noch sehr warm. Er wich dem Strom von Touristen, der sich von und zum Hofbräuhaus bewegte, aus und ging zügig Richtung Marienhof. Sein Ziel war Schwabing. Im Café Tambosi am Odeonsplatz würde er noch einen Drink nehmen und dann irgendwo etwas essen. Er überquerte die Sparkassenstraße und erreichte die Dienerstraße, bog nach rechts ab und passierte die erleuchteten Fenster von Dallmayr. Vorbei am imposanten und lichtüberfluteten Nationaltheater erreichte er den Odeonsplatz. Er ging zielstrebig auf das Café zu. Bei genauerem Hinsehen erkannte er, dass nur noch ein Platz an einem Zweiertisch frei war. Dort saß eine Frau allein. Sie war um die 40, hatte schwarzes langes Haar, große dunkle Augen und ihrer Kleidung sah man an, dass sie einen edlen Geschmack und das entsprechende Geld hatte.

„Ist dieser Platz noch frei?“, fragte er.

„Nein, ich erwarte noch jemand“.

„Ich gehe sofort, wenn ihr Bekannter kommt“, sagte Paul und versuchte möglichst vertrauenswürdig auszusehen.

„Ich erwarte meinen Mann.“

Sie schaute Paul mit einem neugierigem Lächeln an und sagte: „Sie können sich setzen, vielleicht kommt er auch nicht.“

Paul setzte sich und bestellte einen Wodka Lemmon. Sie war genau sein Typ. Seit seine Frau ihn vor drei Jahren verlassen hatte, musste er wieder lernen, auf Knopfdruck originell und witzig zu sein. Das war manchmal Stress pur, aber heute flutschte es. Es war, als würden sie sich schon länger kennen. Sie hieß Heike und arbeitete im Betrieb ihres Mannes. Luxusimmobilien. Irgendwann fragte er, ob er sie zum Essen einladen dürfe. Er durfte, und sie verließen das Café in Richtung Siegestor. Als er gerade die Unterhaltung wieder aufnehmen wollte, hielt ein Auto mit quietschenden Reifen neben ihnen. Die Beifahrertür sprang auf und er hörte eine herrische Stimme: „Kannst du nicht warten, komm steig ein, wer ist das?“

Sie schaute Paul an. In ihren Augen konnte er Traurigkeit und Verzweiflung erkennen.

„Mein Mann, ich muss mit, schönen Abend noch.“

Dann stieg sie ein und das Auto fuhr davon. Es dauerte eine Weile, bis er realisierte, was da geschehen war. Während Paul noch der verpassten Chance nachtrauerte, erreichte er die Münchner Freiheit. Er ging zügig auf das Drugstore zu, als er auf der linken Seite ein riesiges Baustellenloch sah. Er ging nah heran und er erinnerte sich, dass hier die „Schwabinger 7“ gestanden hatte. Ein Treffpunkt für Leute aus der Subkultur, die mit gesitteter Bürgerlichkeit nichts am Hut hatten. In der Nähe stand eine Gruppe junger Leute mit einem Plakat: GELD FRISST KULTUR, WEHRT EUCH! Paul erinnerte sich, dass sie einige Male in dem Lokal waren, wenn sie mal wieder Lust auf Subkultur hatten.

Plötzlich sprach ihn eine Stimme von der Seite an: „He, du Alter, hast du noch nie ein großes Loch gesehen?“

Er drehte sich um, vor ihm stand eine junge Frau, Anfang 20, ca. 1,60 groß mit orangerotem, kurzem Haar, welches am Hinterkopf in einem langen Zopf mündete. Der leicht rundliche Körper steckte in einer zwei Nummern zu großen blauen Latzhose. „Doch“, erwiderte er, „auch schon Größere. Hier war doch die Schwabinger 7, oder?“

„Ja, aber jetzt kommt hier eine Gelddruckmaschine aus Beton hin, für Leute, die den Hals nicht voll kriegen.“

„Ich war früher oft da drin“, sagte Paul „und finde es auch schade.“

„Das kann ich mir nicht wirklich vorstellen“, antwortete sie. Du schaust eher aus wie einer aus der Geldsack über alles Fraktion.“ Paul wurde langsam sauer. Die Kleine gefiel ihm, doch diese Schlagworte gingen ihm immer schon auf den Zeiger.

„Kein Geld und keine Ahnung von Wirtschaft zu haben, macht euch nicht schon zu besseren Menschen“, sagte er.

„Aber nur noch Geld und Karriere macht euch zu schlechteren“.

Paul sah das Funkeln in ihren Augen, in denen sich das Licht der Straßenbeleuchtung spiegelte. Er spürte ihr starkes Gefühl und die Überzeugung, für eine gerechte Sache einzutreten. Er schaute sie an und sagte: „Vielleicht hast du recht. Gehst du mit essen? Wie heißt du eigentlich?“

„Ich heiße Ana und habe nicht wirklich Bock auf einen alten Sack, der ein exotisches Abenteuer sucht“, fauchte sie.

„Ich bin Paul und nicht der böse Wolf und du bist nicht Rotkäppchen“, sagte er und lächelte.

„Okay, aber nur eine Pizza drüben beim Italiener.“

Die Pizza war ausgezeichnet und als er den letzten Schluck Rotwein trank, hörte er sie sagen: „Jetzt ist es an dir, über deinen Schatten zu springen. An der Isar in der Nähe der Thalkirchner Brücke treffe ich mich mit ein paar Leuten. Gute Musik, vielleicht baden in der Isar, auf jeden Fall ist genug zu trinken da, komm mit.“

Es war zwar nicht das, was er sich für diesen Abend vorgestellt hatte, aber Ana mit ihrer direkten Art und ihrer Emotionalität übten eine starke Anziehung auf ihn aus. Das Taxi fuhr die Lindwurmstraße entlang, bog in die Implerstraße ein und erreichte kurz darauf die Thalkirchner Brücke. Sie stiegen aus. „Da vorne links müssen wir runter“, sagte Ana. Er hörte Musik und sah am Ufer den Schein eines Feuers. Er folgte Ana die Böschung hinab und sie erreichten eine freie Fläche, in deren Mitte ein Feuer in einer Tonne brannte. Am Rande des Platzes saßen drei junge Männer und eine Frau.

„Hallo Ana, wen hast du denn da mitgebracht, seit wann stehst du auf Grufties in Lederjacken?“

Die anderen lachten. Der Große reichte ihm eine halb volle Wodkaflasche. Paul nahm einen kräftigen Schluck und setzte sich neben Ana auf den Boden. Er war ihr beim Hinsetzen sehr nahe gekommen, aber sie war nicht abgerückt. Es fühlte sich angenehm an und er hätte gerne den Arm um sie gelegt. Sie hörten schweigend der Musik zu, als plötzlich ein Mann die Runde betrat. Sie hatten ihn nicht kommen gehört.

„Hallo Leute“, sagte er mit gedämpfter Stimme, „ich habe jetzt die Adresse.“

„Super, Mike, dann können wir ja los.“

Alle erhoben sich. Paul schaute Ana fragend an.

„Wir haben noch was zu erledigen, wo du besser nicht dabei bist.“

„Ana, das ist doch irgend so eine Scheißaktion, fahr nicht mit“.

„Vergiss es“, sagte sie, „und mach dir einen schönen Abend.“ Sie schloss schnell zu der Gruppe auf. Er folgte ihnen in einigem Abstand und sah, wie sie einen alten VW-Bus bestiegen und losfuhren. Wie gerufen kam im selben Moment ein Taxi auf ihn zu. Er winkte, das Taxi hielt und er stieg ein. „Dem Bus nach bitte.“ Warum fuhr er nicht einfach ins Hotel? Er befürchtete, dass Ana in etwas reingezogen wurde, was nicht gut für sie war. Aber er kannte sie doch kaum, was ging ihn das an? Verliebt? Beschützerinstinkt? Sie fuhren Richtung Solln. Kurz vor der Eisenbahnbrücke bog der Bus links in eine dunkle Straße ein. Der Bus hielt zwischen zwei Straßenlaternen. Das Taxi hielt ebenfalls. Paul sprang heraus, bezahlte und ging vorsichtig Richtung Bus. Trotz der Dunkelheit erkannte er die stattlichen Villen. Die Gruppe hatte den Bus verlassen und überquerte in geduckter Haltung die Straße. Sie sprangen über einen Zaun und verschwanden in einem parkähnlichen Garten, in dessen Mitte eine riesige Villa stand. Nur Ana blieb an der Straße. Was hatten die vor? Während er noch überlegte, ging eine Alarmsirene los und die Villa war hell erleuchtet. Einer aus der Gruppe sprang in das Auto, die anderen stürmten in eine Seitengasse. Ein Polizeiauto bog in ihre Straße ein und Ana lief direkt auf ihn zu. Er packte sie am Arm und zog sie in die dunkle Garageneinfahrt. Sie fielen hin und er sah aus den Augenwinkeln das Polizeiauto vorbeirasen. Seine Hand ruhte auf ihrer weichen Brust. Es fühlte sich angenehm an. Sie rappelten sich hoch und klopften ihre Kleider ab.

„Was machst du denn noch hier“, schrie sie ihn an, „ich dachte, du bist im Hotel.“

„Was war denn das für eine Schwachsinnsaktion“, schrie er zurück.

„Hier wohnt das Schwein, das alles zubetoniert, wir wollten ihm nur das Haus etwas verschönern“.

„Ich hau jetzt ab“, sagte Paul, „wenn du willst, kannst du mitkommen.“ Er ging auf den Taxistand zu. Sie folgte schweigend. „Hotel Cortiina, Ledererstraße, sagte er zu dem Fahrer.

„Wo wohnst du“, fragte er.

„Nirgends fest, bei Freunden mal hier mal da.“

„Am besten schläfst du bei mir im Hotel.“ „Meinst du bei dir oder mit dir?“, fragte sie mit einem koketten Ton in der Stimme. Ihm klopfte das Herz.

„Bei mir natürlich.“

Sie fuhren stadteinwärts, kamen aber nicht weit. Ein Polizist mit Kelle winkte sie raus. „Oh Gott“, sagte Ana, jetzt haben sie uns.“ „Ganz ruhig, Ana, lass mich sprechen.“ Sie fuhren rechts ran, stiegen aus und der Polizist sagte: „Sie sind an einem Tatort gesehen worden, wir müssen sie vernehmen, kommen sie bitte mit.“

Ana und Paul saßen auf der Wache in der Drygalski-Allee und warteten. Paul wollte Ana gerade erklären was sie sagen sollte, als eine Tür aufging und ein Mann mit hochrotem Kopf herausstürmte, gefolgt von einer Frau mit langem, schwarzem Haar und schönen, dunklen Augen. „Hallo Heike, was machst du denn hier?“ „Unser Haus ist überfallen worden, die Täter sind leider entkommen, und was machst du hier?“ Bevor Paul antworten konnte, hörte er die herrische Stimme des Mannes: „Komm jetzt, wer ist das?“ Heike lächelte verlegen. Sie wollte ihrem Mann gerade hinterher gehen, da blieb sie plötzlich stehen. „Geh du schon mal voraus. Ich komme später“, rief sie ihm zu. Von draußen hörte man Beschimpfungen und Flüche, bis der Mann endlich davonstampfte. Heike drehte sich verlegen zu Paul. Sie lächelte ihn an, als sie sagte: „Schließlich trifft man sich ja nicht umsonst zweimal im Leben.“


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Verfasser: © Heinrich Theisen, 2012

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