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Dienstbier

Winterfreuden mitten im Sommer. Da braucht er Phantasie, unser Herr Dienstbier.

Dienstbier sitzt da und blickt zum Fenster, zur Kazmairstraße, wo die Vormittagssonne mit den Staubpartikeln spielt, blickt zur Tür, wo die Vormittagssonne nicht mit den Staubpartikeln spielt, blickt wieder zum Fenster und betrachtet die tanzenden Stäublein im Lichtkleid. Ein nervenzerrüttendes Geräusch setzt ein. Der Nachbar scheint ein Regal anzubringen und bohrt etwas in die Wand. Der Wind aus den Wüsten Afrikas weht durch Italien, kraxelt die Alpen hinauf und wieder hinunter. Dann bläst er auf München und die allmählich abrückenden Flachhügel des Voralpenlands. Man heißt ihn Föhn, und er bereitet vielen alten Leuten und Zugezogenen Kopfzerbrechen. Bei Föhn ist Kaiserwetter! Die Alpen sind zum Greifen nah und erscheinen wie Kulissen. Ein Schwarm Vögel fliegt wie eine einzige flatternde Wolke über den Wipfeln. Eine Jetspur am Himmel. Was für ein Wetter da draußen. Da hält einen eigentlich nichts mehr zu Hause. Nur Dienstbier hat Urlaubssperre. Hat zwar frei, muss aber diesen Text fertig schreiben. Er könnte in seinen Schreibtisch beißen!

Gustl ist jetzt mit Freunden dort in den Alpen. In den höheren Lagen, in deren Geschröff den ganzen Tag über die steinelnden Gemsen zu spüren sind. Oberhalb beim Lawinenstrich. Er genießt die klare Luft und eindrucksvolle Ausblicke. Die Schritte der Wanderer im Gleichklang. Wurbauerkogel, Upper Austria. Ein Ausflugsbus, aus dem alle Passagiere winken. Der Wald lauert draußen, grün und luftig. Die Wanderer haben ihre Schnürschuhe geschnürt, ihren Lieben und Daheimgebliebenen Grußworte an den Kühlschrank gepinnt. Ins Gipfelbuch schreiben sie Schönreden. Da wandern auch Gustl und seine Freunde, wo Bartgeier mit Steinböcken tanzen und der Fremdenverkehrsverband mit Bergen, Bier und braungebrannten Skilehrern wirbt. Ob sie gerade Brotzeit in der raucherten Käsealm machen? „Hans bleib do, du woast ja ned wias Weda wead. Hans bleib do, der Deifi hoit di sowieso“, spielt der Native auf einer Ziehharmonika der Marke Kärntnerland.

Melli ist jetzt in Faro. Portugalurlauber sitzen auf Monoblocksesseln in Strandnähe, spielen an goldenen Ringen. „Den Kaffee haben wir uns verdient“, heißt es. Fischrestaurants wie Sand am Meer. Ein Knabe spielt am Strand mit einem Plastikball, übt Fallrückzieher mit dem Wind. Dann bleibt er in den Dünen liegen und betrachtet seit zehn Minuten eine angespülte Aprikosenschale. Vor der Abreise wurde Melli erzählt, dass die Portugiesen durch und durch melancholisch seien.

Linus ist mit Freundin und Fahrrad unterwegs. Mit verbundenen Augen haben sie vor dem Atlas gesessen und ein Papierkügelchen fallen lassen. Mit dem Fahrrad durch Albanien. Warum nicht?

Fast alle sind ausgeflogen. Sommerloch. Nur Dienstbier ist noch in der Stadt. Und der Nachbar mit der Bohrmaschine. Auf der Straße ist niemand. Die Zeitungskästen in der Kazmairstraße sind von der Hitze aufgeladen. Die Schlagzeilen des Tages flirren in der sirrenden Sonne. Ein Teenie mit rosa Umhängetasche, auf der sich zwei Cartoonhäschen aus einem uns fremden Cartoonparalleluniversum befinden, löst, vom schönen Wetter beflügelt, am Gollierplatz eine Fahrkarte. Dienstbier auch. Kurzärmlige Beamte im Schlips steigen zu. Telefonierende Menschen plärren ihre Überallerreichbarkeit durch den Bus, kommunizieren Geschäftstermine. Was für eine eigenartige Metasprache die Leute heutigentags pflegen: „Bei den Vollzeitäquivalenten haben wir ein Ressourcenproblem! Ja! Nein, das sähe schlecht für mein KPI aus! Wo bist Du? Ich bin auf dem Weg zum See! Übermorgen ist Geburtstag! Wir telefonieren noch wegen Salaten etcetera pepe usw.! Wenn das nächste Projekt so abgeschlossen wird wie dieses, komme ich in den Hipo-Pool! Ach du dickes Ei! Na dann. Ich ruf Dich zurück! Tschaui!“

Die S-Bahn an der Donnersberger Brücke ist überfüllt. Die Geschäftigen haben den Blick aus dem Fenster ihres Großraumbüros in andere Großraumbüros und das Geräusch des Filzers auf dem Flipchart nicht mehr ausgehalten. Auch sie haben Strandmatte und Badetasche dabei. „Ich zahle 18 Prozent weniger als mein Sitznachbar“, steht auf einem Plakat im öffentlichen Raum. Eine Billigfluglinie wirbt mit diesem Slogan. Grässlich. Der, der in den Hipo-Pool will, fährt leider nicht mit seinem Porsche zum See und zahlt genauso viel für das Ticket wie der Teenie mit der Cartoonhäschenumhängetasche und ich, denkt Dienstbier. Gleich sind wir da. Langwied, Lochhausen. Da steht der Badebus! Glückseliges, kuhäugiges Nirwana. Dienstbier sitzt am Strandkiosk am Langwieder See. Endlich Ruhe. Nur der Spielautomat neben der Truhe mit dem Eis dudelt und zeigt den Hi-Score an: Dachlatt 1048653 – Dachlat 72385 – Andi 4321. Ein aufgeweichtes Steckerleis tropft vor einem Kind ins Gras. Dienstbier arbeitet an seinem Text für die Literaturzeitschrift „Am Erker“. „Winterfreuden“ ist das Thema. Da braucht es Phantasie! Sein blumenkohlähnliches Gehirn scheint heute weichgekocht. Gedankenlos sinniert es vor sich hin. Zögerlich sirren erste Worte über das Papier. Ein Stück Eis, das noch nicht ganz in der Cola aufgelöst ist, das noch zu groß ist, um es zu schlucken, das lange in der Mundhöhle gelagert, mit der Zunge hin- und hergeschoben, schließlich zerbissen und mit der Cola in kleinen Schlucken heruntergeschluckt wird, nimmt seine Aufmerksamkeit in Anspruch.

Ein Mädchen im Zahnspangenalter mit Schlittschuhen und einer rosa Umhängetasche, auf der sich zwei Cartoonhäschen aus einem uns fremden Cartoonparalleluniversum befinden, löst am Gollierplatz eine Fahrkarte. Im Bus riecht es nach muffigen Wintermänteln, die vor kurzem noch in Schränken, auf Dachböden und in Kellern gelagert wurden. Eine Daunenjackendaune verscheucht Dienstbier von seinem Nasenloch durch kräftiges Luftausschnauben (rechts). Jeder Schrank, Dachboden oder Keller scheint seinen Eigengeruch zu haben. Ein großer, geheimer Dachboden-Keller-Schrank-Mottenkugel-Lavendelsäckchen-Geruchswettbewerb ist da im Gange, den die Wintermantelträger gar nicht mitbekommen. Ein Preismuffeln der Mäntel, Jacken, Parkas, Schals und Mützen. Der Morgen an der Bushaltestelle. Ampelwartereien. Der Reigen der Uhrzeiger, der bange Blick auf die Uhr. Und immer wieder kann es einem passieren, dass man einen Satz liest, der die ganze Welt aufgehen lässt. Den Spruch „Dein Bus kommt“ am Buswartehäuschen Gollierplatz zum Beispiel. Ein Mann drückt auf den Knopf, um die Bustüre zu öffnen. Er spricht mit sich oder dem Türöffnerknopf oder dem Bus wie mit einem Haustier oder einem Kind: „Komm schon, Burle. Mach schon auf.“ Dann riecht auch der Mann diesen geheimen Wettbewerb. Auf die Stirn eines Models auf einem Plakat hat jemand mit roter Farbe „Gehirn? Bald. Versprochen. Gott.“ geschrieben. Die Automatiktür öffnet sich und zischt wie ein Feuerfresser in einem Zirkus. Auf einen kaffeebraunen Schalensitz hat jemand mit Edding Mörderbande Siemens geschrieben. Eine Frau hustet verschleimt in Dienstbiers Nacken. Immer wenn die Bustüre aufgeht, streift kalte Luft um sein Schuhwerk. Ein grüner Eislöffel neben einem Haufen aus Schnee. Der Löffel scheint schon seit einiger Zeit da zu liegen. In der Eisdiele ist seit Anfang Oktober ein temporärer Lebkuchenshop. Zwei Mütter unterhalten sich über ihre Kinder und deren Nikolaus- und Osterhasengläubigkeit. Sie zählen die Momente der angehenden Enttarnung der Geschenkfiguren im Jahreskreis von einem Jahr zum nächsten auf. Langsam schlängelt sich der Gelenkbus zwischen den Häuserzeilen hindurch zur adventös geschmückten Innenstadt. Dienstbier steigt um. Es hat zu schneien begonnen. S-Bahn, Rolltreppe. Handleistenschlupfkontakt. Absenkkontakt. Schmierung. Rütteln, Rempeln, Reagieren. Schnell reagieren. Abstand halten. Abstand halten zum Vordermann. Am Marienplatz von einem Mann voller Plastiktüten angerempelt werden. Aus der Wohlfühlecke eines Warenhauses dringt leise Stille Nacht ans Trommelfell. Wattebäusche sind als Zeichen für Schneeflocken an Tesafilm in einer Apothekenauslage angebracht. Dienstbier muss niesen, und niemand wünscht ihm Gesundheit. Alle wenden sich ab wegen der frei umherschwirrenden Bazillen.

Nun liegt Dienstbier am Langwieder See und versucht, so viel Sonne wie möglich in sich hineinzupumpen in Anbetracht der kommenden düsteren Wintertage. Eine junge Mutter schimpft ihr Kind: „As ganze Gsicht voller Eisschoklad. Wia schaugst denn du wieder aus. Jetzt ham mer so oft gsogt, er soll ned so vui Eisschoklad zwischennei essn.“ Ein anderes Kind steht an einem delftblauen Mülleimer und ruft: „Papa, sag dreiundzwanzig Elefantenschritte.“ Der Vater ruft faul: „23 E.“ Das Kind stakst mit Storchenschritten auf ihn zu und zählt jeden Schritt. Dann isst es ein Stück rote Paprika aus einer Tupperdose.

Die Zeitungskästen sind tief verschneit. Die Schlagzeilen des Tages liegen unter einer hohen Schneeschicht begraben. Ein Rentner, der aufgebracht mit seinem Stockregenschirm gegen die Fenster des knapp versäumten Busses schlägt, reißt Dienstbier aus seinen Gedanken. Er sitzt im Bus Donnersberger BrückeKazmairstraße und hört sich ein vorweihnachtliches Hustkonzert im öffentlichen Personennahverkehr an. Die hintere Bustüre klingt heute wie ein Mensch, der ächzt, stöhnt und stoßartig durch die verstopfte Nase ausatmet. Bei jedem Haltewunsch glaubt man, sein Ächzen und Ausatmen werde schlimmer. Eine junge Mutter schimpft ihr Kind: „As ganze Gsicht voller Lebkuchenschoklad. Wia schaugst denn du wieder aus. Jetzt ham mer so oft gsogt, er soll ned so vui Lebkuchenschoklad zwischennei essn.“ Eine ältere Dame sitzt am Fenster und isst ein Stück Paprika. Die Sonne zeigt sich heute doch noch einmal. Sie fällt durchs Fenster, und das Paprikastück beginnt zu leuchten. Welch strahlendes Rot. Die Vitamine im Gemüse scheinen eine Gloriole zu bekommen. Die oberbayrische, weißverschneite Landschaft tut ein Übriges, um das Sonnenlicht zu reflektieren.

Das Wasser ist schiffsblau. Auf dem Langwieder See ankern Boote in Ufernähe. Nur ein paar Seevögel sind in Bewegung. Es ist windstill. Das Schilf raschelt kaum. Der Tag hat heute nicht viel vor.

Der Stift saust auf der Linie über die Zeilen. Manchmal gelingt ein Text butterweich wie ein Rührkuchen. Ein anderer hingegen wirkt teigig und angebrannt. Alles eine Sache der Metaphern und des Erzählstrangs. Die schwere Lethargie eines heißen Sommertags macht Dienstbier zu schaffen. Jetzt reicht es. Er geht schwimmen.


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Verfasser: © Thomas Glatz, 2011

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